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Technologie schürt Hoffnungen Besiegt mRNA nun auch andere Krankheiten?

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Bisher zeigen besonders mRNA-Impfstoffe große Wirksamkeit gegen Covid-19.

(Foto: imago images/Fotostand)

Es war nicht klar, ob es funktioniert - doch nun steht fest, dass ein Impfstoff gegen Sars-CoV-2 machbar ist. Besonders überzeugt dabei die neue mRNA-Technologie. Kann sie auch Krankheiten bezwingen, vor denen man sich noch nicht schützen kann? Mit Rolf Hömke vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (VFA) spricht ntv.de über das Potenzial der mRNA-Technologie und darüber, wie viele Impfstoff-Dosen weltweit nun eigentlich benötigt werden. Der VFA repräsentiert nach eigenen Angaben die 45 weltweit führenden forschenden Pharma-Unternehmen und damit mehr als zwei Drittel des gesamten deutschen Arzneimittelmarktes.

ntv.de: Herr Hömke, wie viel Impfstoff wird weltweit eigentlich normalerweise pro Jahr produziert - und wie viel wird jetzt, während der Coronavirus-Pandemie, zusätzlich benötigt?

Bislang wurden in der Welt jedes Jahr grob geschätzt fünf Milliarden Impfdosis-Einheiten hergestellt gegen rund 30 verschiedene Krankheiten. Um nun zusätzlich auch noch rund 60 Prozent der Weltbevölkerung gegen Covid-19 zu impfen, werden noch einmal bis zu 10 Milliarden Dosis-Einheiten gebraucht. Bei dieser Kalkulation ist berücksichtigt, dass die meisten Covid-19-Impfstoffe zweimal gespritzt werden müssen. Und auch, dass viele Menschen keine solche Impfung wollen. Wächst aber die Impfbereitschaft, werden noch mehr Einheiten gebraucht.

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Dr. Rolf Hömke ist Forschungssprecher des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (VFA).

(Foto: vfa)

Reicht die Produktionskapazität weltweit aus, um alle Menschen der Erde mit einem Covid-19-Impfstoff zu versorgen?

Mehrere große Hersteller arbeiten darauf hin, 2021 jeweils mehr als eine Milliarde Impfstoff-Einheiten zu produzieren. Weitere Hersteller haben Produktionsziele im dreistelligen Millionenbereich. Gelingt die Produktion in dieser Dimension, ist nächstes Jahr genug Impfstoff abrufbar, um weltweit mindestens die Menschen mit erhöhtem Risiko zu impfen. Aber es wird keine leichte Aufgabe, Impfkampagnen auch in entlegenen Gebieten durchzuführen.

Wie und wo stellte man bisher Impfstoffe vorwiegend her?

Bislang werden Impfstoffe vor allem in Europa hergestellt, aber in großem Stil auch in den USA, in Indien und China. Aus Deutschland kommen beispielsweise Impfstoffe gegen Grippe, Diphtherie, FSME, Tollwut und Ebola.

Der erste im Westen zugelassene Covid-19-Impfstoff ist der Impfstoff von Biontech/Pfizer - er basiert auf der noch neuen mRNA-Technologie. Inwiefern unterscheiden sich mRNA-Impfstoffe bei der Produktion von anderen?

Deutschland entwickelt sich gerade zu einem der Top-Länder neben den USA für die Produktion von mRNA-Impfstoffen, also Impfstoffen, die ein Gen als Bauanleitung für ein ungefährliches Virusprotein enthalten. Die ersten Produktionsschritte - die Herstellung und Reinigung der mRNA und deren Verpackung in winzige Lipidbläschen - sind völlig andere als bei anderen Impfstoffen, bei denen große Mengen an Viren oder Virusprotein verarbeitet werden müssen. Gleich ist jedoch, dass alle Impfstoffe zum Schluss in sterile Glasgefäße gefüllt, verpackt, gekennzeichnet und richtig gelagert werden müssen.

Wie groß sind die Anforderungen an die Infrastruktur bei mRNA-Impfstoffen?

Um die nötigen Mengen zu erreichen, beziehen die Hersteller weitere Firmen mit Spezialkompetenzen in die Produktion ein. So wirken in Deutschland und Österreich noch vier weitere Unternehmen an den Impfstofflieferungen von Biontech und Pfizer mit. Deren mRNA-Impfstoff benötigt für Lieferung und Transport etwa minus 70 Grad. Zum Glück gibt es auch dafür Unternehmen, die sich auskennen. Andere Impfstoffe brauchen erfreulicherweise nur Gefrierfach- oder Kühlschranktemperatur.

Die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna wurden sehr schnell entwickelt - hat diese Technologie einen Vorteil?

Der Vorteil bei dem Verfahren ist, dass man allein auf Basis der Gensequenz des Erregers sehr schnell einen ersten Impfstoff-Prototypen herstellen kann. Denn anders als bei den meisten anderen Impfstoffen muss das Herstellungsverfahren bei mRNA-Impfstoffen nicht je nach Erreger wesentlich abgewandelt werden.

Die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna scheinen auch sehr wirksam zu sein - in beiden Fällen melden die Unternehmen eine Wirksamkeit von um die 95 Prozent. Könnte die mRNA-Technologie in Zukunft alle bisherigen Impfstoffe ersetzen?

Die heute schon gut wirksamen und gut verträglichen Impfstoffe muss man nicht ersetzen. Doch bei Krankheiten, vor denen man sich noch nicht schützen kann, setzt man nun natürlich große Hoffnungen auf die mRNA-Technologie. Ob sie allerdings wirklich auf jeden Erreger anwendbar ist? Dazu muss man erst noch Erfahrungen sammeln, etwa mit den mRNA-Impfstoffen gegen Grippe und Tollwut, die schon vor der Pandemie in Entwicklung waren, aber unterwegs von den Covid-19-Impfstoffen überholt wurden.

Man weiß auch noch nicht, welcher Typ von Impfstoff bei Covid-19 und anderen Krankheiten den dauerhaftesten Immunschutz hervorruft. Es könnte durchaus sein, dass sich da Impfstoffe mit längerer Entwicklungszeit später als überlegen erweisen, aber vielleicht auch nicht. Wir werden das erst in den kommenden Monaten erfahren, wenn auch andersartige Covid-19-Impfstoffe zugelassen und eingesetzt werden. Insgesamt kann man froh sein, dass Unternehmen und Institute mehrere Impfstofftechnologien entwickelt haben, die nun gegen Covid-19 und andere Krankheiten zum Einsatz kommen können. Das erhöht die Erfolgschancen sehr.

Mit wie vielen weiteren zugelassenen Covid-19-Impfstoffen anderer Firmen rechnen Sie in den kommenden Wochen und Monaten?

Anfang Januar könnten die zwei mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und von Moderna die Zulassung in der EU erhalten. Einige Wochen oder Monate später könnten dann Impfstoffe anderen Typs von Astrazeneca und Janssen folgen. Im Verlauf von 2021 werden dann voraussichtlich noch weitere dazu stoßen, deren Hersteller mit der EU oder speziell Deutschland schon Lieferverträge abgeschlossen haben. Auch chinesische, russische und indische Impfstoffentwickler dürften mit ihren Projekten zum Abschluss kommen und dann zur weltweiten Versorgung beitragen.

Könnte der Bedarf an Covid-19-Impfstoffen in Deutschland für das nächste Jahr gedeckt werden?

Wenn alle Hersteller ihre Produktionsziele erreichen und deren Impfstoffe auch zügig durch die Zulassung kommen, dann wird der Bedarf sicher gedeckt. Deutschland könnte dann sogar sein Versprechen einlösen, überschüssige Impfstoffmengen an andere Länder weiterzureichen. Aber dafür muss noch viel gelingen.

Wie lange könnte es dauern, bis alle Menschen weltweit gegen Covid-19 geimpft sind?

Das ist schwer abzuschätzen, weil bis dahin noch so vieles zu bewältigen ist: Die Impfstoffe müssen in allen Ländern eine Zulassung erhalten, und sie müssen sicher in alle Landesteile gebracht werden. Unzählige medizinische Kräfte müssen rekrutiert werden, die über die Impfstoffe informieren, Aufklärungsgespräche führen und die Menschen, die das wollen, schließlich impfen.

Auch kann es mit Schutzimpfungen für Jugendliche und Kinder erst losgehen, wenn die Impfstoffe auch für diese Altersgruppen erprobt wurden. Die meisten Studien dafür werden aber erst beginnen, wenn sich die betreffenden Impfstoffe bei Erwachsenen bewährt haben. Also: Keinesfalls wird die Pandemie Ende 2021 schon weltweit überwunden sein. Das ist eine Aufgabe für mehrere Jahre.

Mit Rolf Hömke sprach Kai Stoppel.

Quelle: ntv.de

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