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Gehirntraining mit LangzeiteffektEinfache Übung soll Demenzrisiko erheblich senken

11.02.2026, 19:28 Uhr
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Nicht Gedächtnisaufgaben, sondern Reaktionstraining zeigte in der neuen Studie einen klaren Effekt. (Foto: picture alliance / Zoonar)

Lange galt Gehirntraining zur Demenzprävention als überschätzt. Nun liefert die erste Langzeitstudie dazu überraschende Ergebnisse: Bestimmte kognitive Übungen senken das Demenzrisiko demnach messbar. Warum Wiederholung dabei besonders wichtig ist.

Kann ein simples Computertraining das Risiko für Demenz tatsächlich senken? Eine groß angelegte Studie liefert nun bemerkenswerte Hinweise: Spezielles kognitives "Speed-Training" reduzierte das Risiko für eine Alzheimer- oder Demenzdiagnose um 25 Prozent - vorausgesetzt, die Übungen wurden über mehrere Jahre hinweg aufgefrischt. Es ist die erste Studie dieser Art mit einer Nachbeobachtungszeit von zwei Jahrzehnten.

An der Studie, die nun im Fachjournal "Alzheimer's & Dementia: Translational Research and Clinical Interventions" veröffentlicht wurde, nahmen 2832 Menschen ab 65 Jahren teil. Sie wurden zufällig in vier Gruppen eingeteilt: Eine absolvierte ein computergestütztes Geschwindigkeitstraining ("Double Decision"), bei dem die Teilnehmenden kurz eingeblendete Verkehrsszenen analysieren und sich an Details erinnern mussten. Das Programm passte den Schwierigkeitsgrad automatisch an.

Zwei weitere Gruppen trainierten Gedächtnis- beziehungsweise Denkstrategien, eine vierte diente als Kontrollgruppe. Alle Teilnehmenden übten zunächst fünf Wochen lang, jeweils zwei Sitzungen pro Woche. Etwa die Hälfte erhielt zusätzlich sogenannte "Booster"-Einheiten - weitere Trainingsblöcke nach einem und nach drei Jahren.

Der entscheidende Befund zeigte sich erst in der Langzeitperspektive: Nach 20 Jahren werteten die Forschenden US-Medicare-Daten aus und prüften, bei wie vielen Teilnehmenden eine Demenz diagnostiziert worden war. Nur die Gruppe mit Speed-Training und zusätzlichen Auffrischungen profitierte signifikant: Ihr Erkrankungsrisiko lag um ein Viertel niedriger als in der Kontrollgruppe. "Die Größe des Effekts ist wirklich erstaunlich", sagt Studienleiterin Marilyn Albert von der Johns Hopkins University School of Medicine.

Entscheidend: Gehirn regelmäßig herauszufordern

Fachleute sprechen von einer methodisch überzeugenden Arbeit. "Die Analyse wirkt solide", sagt der Neurowissenschaftler Torkel Klingberg vom Karolinska-Institut in Stockholm dem Wissenschaftsportal "New Scientist". Eine 20-jährige Nachbeobachtung sei außergewöhnlich. Allerdings mahnt sein Kollege Walter Boot von dem Weill Cornell Medicine College in New York zur Vorsicht: "Je mehr statistische Tests über einen langen Zeitraum durchgeführt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Ergebnisse zufällig signifikant erscheinen." Das bedeute nicht, dass der Befund falsch sei - wohl aber, dass er sorgfältig interpretiert werden müsse, so der Experte.

Warum gerade das Geschwindigkeitstraining wirkt, ist dabei noch unklar. Eine Hypothese des Forschungsteams lautet: Die Übungen setzen stark auf implizites Lernen, also Lernprozesse, die unbewusst ablaufen und besonders langlebige Veränderungen im Gehirn bewirken können. Zudem fordern die Aufgaben hohe Konzentration und steigern kontinuierlich die Schwierigkeit. Möglicherweise stärkt das Training die sogenannte kognitive Reserve - eine Art Puffer des Gehirns gegen altersbedingte Schäden. Ein besser vernetztes Gehirn könnte funktionelle Verluste länger kompensieren.

Die Studienautoren warnen dennoch vor falschen Schlüssen. "Die Botschaft ist nicht, dass jeder in seinen fensterlosen Keller gehen und Computerspiele trainieren sollte", sagt der Neurologe Andrew Budson von der Boston University. Entscheidend sei vielmehr, das Gehirn regelmäßig herauszufordern - etwa durch das Erlernen neuer Sportarten, Berufe oder handwerklicher Fähigkeiten. Aktivitäten, die Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit und implizites Lernen fördern, könnten langfristig dazu beitragen, den Ausbruch einer Demenz hinauszuzögern.

Quelle: ntv.de, hny