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Nobelpreisträger schlagen Alarm "Gegenwart lebt auf Kosten der Zukunft"

In Stockholm findet sich eine Gruppe von angesehen Wissenschaftlern aller Bereiche zusammen, um über nichts geringeres als die Rettung der Welt zu debattieren. Ihr Befund ist ebenso deutlich wie ihr Appell: Die Gegenwart lebt auf Kosten der Zukunft, die Politik muss sofort handeln.

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(Foto: picture alliance / dpa)

Appelle zur Rettung vor globalen Gefahren gibt es viele, aber selten so hochkarätige: Nach zweitägigen Beratungen haben 20 Nobelpreisträger und 20 führende Umweltwissenschaftler im "Stockholm-Memorandum" an die Politik appelliert, "schleunigst und weitgehend" zur Bewahrung des Planeten zu handeln.

Die Spitzenwissenschaftler warnten vor nicht mehr umkehrbaren Konsequenzen, falls es kein schnelles Eingreifen gegen den Klimawandel sowie andere Umweltgefahren und die weltweite Armut gebe: "Wir sind die erste Generation, die die globalen Gefahren für die Menschheit erkennt." Die Experten betonten ihre Unabhängigkeit: Die Nobelpreisträger arbeiten mehrheitlich nicht in den Feldern Klima, Umwelt oder Energie - trotzdem teilen sie die Ansichten der Wissenschaftler.

In der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, wo jedes Jahr im Oktober über die Nobelpreise für Physik, Chemie und Ökonomie entschieden wird, überreichten sie ihre Forderungen an die von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon eingesetzte hochrangige Expertengruppe zur globalen Nachhaltigkeit, die Minister und Staatspräsidenten zu ihren Mitgliedern zählt.

Forderung nach Agrarrevolution

In ihren Empfehlungen setzen sich die Wissenschaftler unter anderem für nachhaltige Maßnahmen zur Armutsbekämpfung und die Durchsetzung des Ziels von weniger als zwei Grad Celsius Klimaerwärmung ein. Dafür müssten die Kohlendioxidemissionen von 2015 an sinken. Nötig sei auch eine "Agrarrevolution, durch die mehr Nahrungsmittel auf nachhaltige Weise produziert werden", hieß es weiter. Die Wissenschaftler verbinden in ihrer Erklärung die ökologische mit der sozialen Frage: "Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind die Bedingung für Armutsbekämpfung und wirtschaftliche Entwicklung".

Als deutscher Mitinitiator des Treffens hofft Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Institutes für Klimafolgenforschung, auf einen tiefgreifenden Wandel: "Der Dialog zwischen Wissenschaft und Politik muss in eine neue Phase treten." Ähnliche Treffen hatte es zuvor 2007 in Potsdam und zwei Jahre später in London gegeben. Die Empfehlungen der Nobelpreisträger fließen ein in die Vorbereitungen der großen UN-Umweltkonferenz "Rio plus 20" im kommenden Jahr.

Gerichtsverfahren gegen die Menschheit

An dem von den Initiatoren selbstironisch als "Geniegipfel" bezeichneten Symposium beteiligten sich unter anderem der deutsche Physik-Nobelpreisträger Peter Grünberg, der indische Wirtschaftspreisträger Amartya Sen und die südafrikanische Nobelpreisträgerin für Literatur, Nadine Gordimer.

Der in Mexiko geborene Chemie-Preisträger Mario Molina amtierte in Stockholm als "Richter" bei einem "Verfahren", in dem sich die Menschheit für ihre Behandlung des eigenen Planeten zu verantworten hatte. Das Urteil der wissenschaftlichen Jury: Das Verhalten der Menschen könne "abrupte und unumkehrbare Konsequenzen für die menschliche Gemeinschaft und die Ökosysteme haben." Die Gegenwart lebe auf Kosten der Zukunft.

Quelle: ntv.de, cba/dpa