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Aufputscher, Wachmacher, Stimulanzien Gehirn-Doping für alle?

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Ob Gehirndoping tatsächlich zu besseren Abschlüssen verhelfen kann, konnte bisher nicht nachgewiesen werden.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Konkurrenz um gute Abschlüsse und Karriereaussichten wird Studenten künftig vermehrt zum "Psycho-Doping" greifen lassen. Das erwartet Vince Cakic von der School of Psychology an der Universität von Sydney in Australien. Im "Journal of Medical Ethics" vergleicht er solche Substanzen mit Doping-Präparaten, die im Sport vielfältig missbraucht werden. Dennoch sieht er nicht nur Nachteile: Womöglich könnten solche Substanzen die unterschiedlichen und teils nicht gerechten Startbedingungen der Studenten an- und ausgleichen.

Mehrere Wirkstoffe gegen Depressionen, Schizophrenie, Niedergeschlagenheit, das Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom (ADHS) oder Alzheimer sind in den Ruf geraten, auch völlig gesunden Menschen helfen zu können. Mal sollen sie das Gedächtnis stärken, mal die Konzentration und mal einen Mangel an Motivation mindern. Ob diese Substanzen nun gut, nicht gut oder bloß ein wenig wirken – der Konsum bei Studenten und Berufstätigen ist inzwischen vielfach belegt, unter anderem durch Untersuchungen in der von Cakic aufgestellten Literaturliste. Weitere Hinweise auf den breiten Einsatz des Hirn-Dopings ("Neuro-Enhancer"): Eine Online-Umfrage des Journals "Nature" aus dem Jahr 2008 brachte zutage, dass 20 Prozent der 1400 Teilnehmer – meist Wissenschaftler – Substanzen zur Besserung ihrer geistigen Leistungsfähigkeit genommen haben.

Auch in Deutschland verbreitet

Das Phänomen ist auch in Deutschland verbreitet, und zwar auch außerhalb von Laboratorien. Die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK) hat in einer Umfrage unter 3000 Arbeitnehmern zwischen 20 und 50 Jahren gefragt, ob hierzulande als Antwort auf den wachsenden Stress in der Arbeitswelt gedopt wird. Ergebnis: Hochgerechnet rund 1,6 Millionen gesunde Menschen greifen für bessere Leistungen manchmal zu aufputschenden oder beruhigenden Pillen sowie zu Arzneien gegen Konzentrationsprobleme. "Etwa ein 1 bis 1,9 Prozent der Erwerbstätigen im Alter von 20 und 50 Jahren nehmen potente Wirkstoffe ein ohne medizinische Notwendigkeit", heißt es im Gesundheitsreport 2009 weiter. "Insgesamt 20,3 Prozent gehen davon aus, dass die Risiken im Vergleich zum Nutzen vertretbar sind." Unter den Hirndopern seien viele Akademiker, heißt es bei der DAK zudem, bereits im Studium fange das Dopen an – genau dies deckt sich mit den Erwartungen des australischen Forschers Vince Cakic.

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Menschen, die Gehirndoping schlucken, nehmen Nebenwirkungen in Kauf.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Bei den gängigen Medikamenten kommt laut DAK nur jede dritte Empfehlung vom Arzt. Bezugsquellen seien das Internet, Familie, Freunde und Kollegen. Dabei gibt es laut Cakic – anders als im Sport – beim Psychodoping keinen direkten Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Das Hormon Erythropoietin erhöht zweifelsohne die Zahl der roten Blutkörperchen, bessert damit die Sauerstoff-Versorgung der Muskeln und damit die Siegchancen des Athleten. Bei den "Nootropics" genannten Präparaten ist dieser Zusammenhang weniger klar, erklärt Cakic. Der Name setzt sich aus den griechischen Wortteilen "noo-" (Geist) und -tropo (drehen, ändern) zusammen.

Pille oder Geistesblitz?

Denn ob jemand wirklich dank dieser Präparate besser abgeschnitten hat, lässt sich kaum nachweisen. Vielleicht war auch ein Geistesblitz Ursache der richtig gelösten Aufgabe in der Klausur. Geschluckt werden die Wachmacherpille "Provigil", das stimulierdende Methylphenidat ("Ritalin") oder aufputschendes Amphetamin in Form von "Dexedrine". Auch das Rauschmittel Ecstasy gehört auf diese Liste, dank seiner stimulierenden und euphorisierenden Wirkung - gerade das richtige, wenn eine lange Nacht im Labor oder vor der russischen Original-Lektüre angesagt ist.

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Verschiedene Formen von Ecstasy-Tabletten.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Der nichtmedizinische Gebrauch einiger dieser Substanzen an US-Universitäten liege bei 25 Prozent, erklärt Cakic. "Es scheint offenkundig, dass Drogen, die die Kognition steigern, für Studenten sehr attraktiv sind", schreibt er weiter. Dies gelte umso mehr, je besser künftige Präparate vermeintlich oder tatsächlich beim Hirndoping helfen könnten. Denn der Abschluss an der Universität entscheide zu einem guten Teil über Berufschancen und damit das Einkommen. Daher scheine es verlockend "Schläue in der Flasche" kaufen zu können. Über langfristige Nebenwirkungen bei Gesunden ist derzeit kaum etwas bekannt. In dem Journal wird die Frage aufgeworfen, ob ein durch Medikamente bedingter Zugewinn an einer Stelle gar gesundheitliche Defizite an anderer Stelle nach sich zieht.

Unfairer Vorteil? Nicht unbedingt

Der australische Wissenschaftler verlangt nicht, den nicht-medizinischen Gebrauch grundsätzlich zu bannen, weil er einigen einen unfairen Vorteil bringt. Das wäre so, als ob privat finanzierter Zusatz- und Nachhilfeunterricht verboten würde, lautet sein Argument. Denn die Studenten hätten keinesfalls alle die gleichen Startbedingungen. Manche würden von den Eltern besser vorbereitet, hätten mehr Geld, seien als Kind besser ernährt gewesen, hätten Zusatzunterricht oder früher einen Computer bekommen – und andere wiederum nicht. Solche sozialen Ungerechtigkeiten seien in der Gesellschaft weitgehend akzeptiert. So betrachtet könnten die Nootropics in einigen Fällen sogar schlechte Startbedingungen bessern – vorausgesetzt, man könne sie bezahlen.

Cakic versteht dies ausdrücklich nicht als Aufruf zum Hirndoping, sondern als Aufruf an die Gesellschaft, sich besser mit dem Problem der Denk-Verstärker auseinanderzusetzen. Wie beim Sport könnten Kommilitonen sogar fast gezwungen sein, zuzugreifen. Denn wenn ein Athlet zum Schluss komme, dass ein Großteil seiner Konkurrenten dope, bliebe ja kaum eine andere Möglichkeit, um gleichzuziehen. Anderenfalls würde seine "akademische Performance" zurückgehen. Zugleich entwirft er das hypothetische Bild von einer Kontrolle nach dem Examen, bei der Studenten zur Urinkontrolle gebeten werden, um nach Hinweisen auf Hirndoping zu fahnden.

Ganz legal auf dem Markt

Ein weiteres Problem ist die Kontrolle, ergänzt der australische Forscher. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeige deutlich, dass es kaum möglich sei, die Verbreitung von Dopingsubstanzen im Sport zu unterbinden. Zu groß sei das leistungssteigernde Potenzial, zu attraktiv die Prämien und zu gering die Sanktionen beim Auffliegen. Neue, psychoaktive Substanzen würden zudem ganz legal auf den Markt kommen, eben, um Patienten zu helfen. Daher sei es sehr wahrscheinlich, dass einige Präparate aus solchen Quellen umgeleitet würden – wie es ja auch die DAK-Umfrage zeigt. Die Pädagogin und Unternehmensberaterin Nicole Truckenbrodt aus dem bayerischen Feldkirchen-Westerham warnt indes vor dem Pillenschlucken: Dies verschlimmere die Probleme oft nur. "Das ist der Einstieg in einen Teufelskreis. Denn auf diese Weise werden ja nur die Symptome bekämpft, nicht aber die Ursachen." Letztlich führe dieser Weg in eine Sackgasse: Wenn Beschäftigte nichts an ihrer Situation ändern, blieben sie im täglichen "Hamsterrad" gefangen.

In der November-Ausgabe der Zeitschrift "Hirn und Geist" veröffentlichen sieben führende deutsche Wissenschaftler ein Memorandum zum "Psycho-Enhancement". Auch sie lehnen solche Eingriffe nicht in Bausch und Bogen ab, regen aber eine breite Debatte darüber an.

Quelle: ntv.de, Thilo Resenhoeft, dpa

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