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Viele verschiedene Faktoren Herpes-Viren begünstigen Alzheimer

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Ablagerungen stören die normalen Signalübertragungen im Gehirn.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Für die Entstehung der gefürchteten Alzheimer-Erkrankung gibt es mehrere Theorien. Unter anderem stehen Viren im Verdacht, die Krankheit zu begünstigen. Nun zeigen Forscher, dass bestimmte Herpes-Viren in Verbindung mit den typischen Ablagerungen stehen.

Die Alzheimer-Krankheit steht einer Studie zufolge in Verbindung zu bestimmten Herpes-Infektionen. In einer großangelegten Untersuchung zeigen US-Forscher, dass Spuren der Varianten HHV-6A und HHV-7 gehäuft in Gehirnen von Alzheimer-Patienten vorkommen. Beide sind mit Lippen- und Genitalherpes nur entfernt verwandt. Zudem stellen die Forscher im Fachblatt "Neuron" einen Mechanismus vor, über den die Viren in Nervenzellen die typischen Alzheimer-Schäden verursachen könnten. Deutsche Experten halten die Studie zwar für fundiert, betonen aber, sie weise keine kausale Beziehung nach - zeige also nicht, dass die Viren die Krankheit verursachen könnten.

Alzheimer ist die mit Abstand häufigste Demenzform weltweit. Allein in Deutschland sind Schätzungen zufolge rund eine Million Menschen betroffen. Seit Jahrzehnten suchen Forscher nach der Ursache der Erkrankung - bisher ohne klaren Erfolg. Auffällig sind Ablagerungen des Proteins tau in Nervenzellen und des Proteins Amyloid beta zwischen Nervenzellen. Die Forschung wird vor allem dadurch ungemein erschwert, dass die Schädigung des Gehirns zunächst unerkannt langsam voranschreitet, zur Zeitpunkt der Diagnose ist die Krankheit schon weit fortgeschritten.

Seit über 65 Jahren hält sich der Verdacht, dass Infektionen an der Krankheit beteiligt sein könnten. Dafür haben Forscher um Ben Readhead von der Mount Sinai School of Medicine in New York nun den nach eigenen Angaben stärksten Beleg gefunden.

"Die Viren sprangen uns sozusagen an"

Das Team hatte ursprünglich nach molekularen Auffälligkeiten bei der Entstehung der Krankheit gefahndet. Dazu untersuchte es zunächst vier von der Krankheit betroffene Hirnareale bei 622 Hirnspendern mit Alzheimer-Symptomen und 322 anderen Menschen. Dabei fanden die Forscher bei Menschen mit der Demenzform häufiger als in der anderen Gruppe Erbgut von Humanen Herpesviren (HHV) der Typen 6a und 7. Die Analyse von drei anderen Datensätzen bestätigte diesen Zusammenhang. "Wir suchten nicht nach Viren, aber die Viren sprangen uns sozusagen an", wird Readhead in einer Mitteilung der Arizona State University zitiert.

Im nächsten Schritt untersuchte das Team, ob die Präsenz der Viren zu den krankhaften Alzheimer-Kennzeichen beitragen könnte. Dazu prüfte es, ob das menschliche Erbgut mit dem der Viren interagieren könnte. Auch diese Analyse ergab, dass die Viren den Hirnstoffwechsel beeinflussen könnten. Möglicherweise, so spekulieren die Forscher, setze eine hohe Virenlast im Gehirn eine Immunreaktion in Gang, die die Entstehung oder das Fortschreiten der Krankheit fördert.

Herpes-Viren stören Netzwerke

Im letzten Schritt prüften die Forscher dann bei Mäusen die Rolle des RNA-Schnipsels miR-155, das an Immunreaktionen beteiligt ist und vermutlich durch HHV-6A beeinflusst wird. Mäuse, denen der Schnipsel fehlte, bildeten im Alter von vier Monaten verstärkt Amyloid-Ablagerungen.

"Wir können die Frage nicht beantworten, ob Herpes-Viren eine primäre Ursache der Alzheimer-Krankheit sind", räumt Studienleiter Joel Dudley ein. "Aber klar ist, dass sie Netzwerke stören und an Netzwerken beteiligt sind, die die Entwicklung des Gehirns Richtung Alzheimer-Struktur beschleunigen."

HHV-6A und HHV-7 sind nur entfernt mit Lippen- und Genitalherpes (Herpes labialis) verwandt, ähnlich wie dieser aber bei weit über 90 Prozent der Bevölkerung verbreitet. HHV-6 und HHV-7 gelten als Verursacher des Drei-Tage-Fiebers, das vorwiegend bei Kindern auftritt. "Dies ist der bisher schlüssigste Beleg, der auf eine virale Beteiligung an der Entstehung oder am Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit hinweist", betont Ko-Autor Sam Gandy.

Solide Studie

Armin Giese von der Universität München spricht von einer handwerklich soliden Arbeit. "Das ist die umfangreichste und ausführlichste Studie zu diesem Thema, die ich kenne", sagt der Experte vom Zentrum für Neuropathologie und Prionforschung. "Allerdings haben die Forscher keine Kausalität gezeigt." Es sei auch denkbar, dass sowohl das erhöhte Vorkommen der HHV-Varianten als auch eine stärkere Anfälligkeit für die Alzheimer-Krankheit unabhängig voneinander durch gemeinsame Risikofaktoren gefördert würden. Insgesamt seien an der Alzheimer-Krankheit meist viele verschiedene Faktoren beteiligt. "Dass das Immunsystem und Entzündungsprozesse bei der Krankheit eine Rolle spielen, weiß man schon seit langem."

Stefan Bonn vom Uniklinikum Eppendorf (UKE) hält die Arbeit für "einen großen Schritt nach vorne". "Viren und Bakterien spielen möglicherweise bei vielen Krankheiten eine Rolle." Zwar betont auch der Experte vom Zentrum für Molekulare Neurobiologie (ZMNH), dass die Studie keine kausale Verbindung zwischen den Viren und der Demenzform nachweist. "Aber man wird eine Kausalität jetzt gezielt untersuchen." Es sei durchaus denkbar, dass Viren unter bestimmten Umständen die Blut-Hirn-Barriere überwinden und Prozesse im Gehirn ungünstig beeinflussen.

"Wir sind in einer Ära der Wissenschaft, in der wir bemerken, dass wir sehr viele Bakterien und Viren in uns tragen", sagt Bonn. "Darüber, was das bedeutet, ist bisher sehr wenig bekannt. Diese Forschung steht noch ganz am Anfang."

Quelle: n-tv.de, Walter Willems, dpa

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