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Vom (Un-)Sinn der Zeitumstellung Innere Uhr kommt aus dem Takt

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Wer hat an der Uhr gedreht?, heißt es in einem Kinderlied zum Zeichentrickfilm mit Paulchen Panther.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Uhren werden in der Nacht zum Sonntag um eine Stunde vorgestellt. Diese alljährliche Prozedur hat diverse Auswirkungen. Das Osterfest könnte in diesem Jahr durch Symptome wie Konzentrationsmangel und Appetitlosigkeit beeinträchtigt werden.

Jeder Mensch hat seine individuelle innere Uhr. Diese führt dazu, dass es bessere und schlechtere Zeiten am Tag gibt, was Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit, aber auch die Effektivität von Ruhephasen und Pausen angeht. Diverse physiologische Abläufe wie Hormonausschüttungen, Regeneration des Körpers und die Verdauung folgen dieser inneren Uhr, die sich im Gehirn in der unteren Etage im Hypothalamus befindet.

Doch am Wochenende wird sie durch die Umstellung der Uhren auf Sommerzeit mal wieder aus dem Takt gebracht. In der Nacht zum Ostersonntag werden alle Zeitmesser von zwei auf drei Uhr vorgestellt. Dadurch kann man einen sogenannten Mini-Jetlag bekommen, der zu diversen Symptomen wie Schlafstörungen, Müdigkeit, schlechter Laune und Gereiztheit, Konzentrationsschwächen, Appetitlosigkeit und Verdauungsproblemen führen kann.

Nicht alle leiden gleich

Vor allem Kinder, Frauen, Senioren und Menschen mit Schlafstörungen sind  von den gesundheitlichen Beeinträchtigungen betroffen und benötigen zwischen 4 und 14 Tage, um die Umstellung zu kompensieren. Die meisten haben zu Beginn der Sommerzeit größere Probleme als zu Beginn der Winterzeit. Grund dafür ist die gestohlene Stunde, denn während der Körper am Morgen noch im Schlafmodus ist, soll er schon funktionieren. Weder der Puls noch die Hormone für den Stoffwechsel haben sich an die um eine Stunde vorgezogenen Aktivitäten angepasst. Das führt dazu, dass man sich müde, unkonzentriert und schlapp fühlt. Dazu kommt die Umstellung auf den Frühling, die bei vielen mit "Frühjahrsmüdigkeit" und allgemeinen Mattheit daherkommt. Der Spaß am Eier und Osternester verstecken und suchen könnte diesen Sonntag also auf der Strecke bleiben, es sei denn, man befindet sich in der luxuriösen Situation und kann die Zeitverschiebung über die Osterfeiertage einfach ignorieren. Damit ist das Problem an sich nicht gelöst, sondern nur verschoben.

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Frauen leiden öfter als Männer unter der Umstellung der Zeit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Um die Umstellung auf Sommerzeit zu erleichtern, können kleine Veränderungen helfen. So ist es sinnvoll, sich an dem Tag der Umstellung so wenig wie möglich vorzunehmen und, wie in diesem Jahr für viele möglich, auch am Tag darauf noch mehr nach der inneren Uhr zu leben. Feststehende Termine, unbedingte Erledigungen und Stress sind nämlich zusätzliches Gift für den bereits angegriffenen inneren Taktgeber. Wer nicht unbedingt Autofahren muss, der sollte besser darauf verzichten. An beiden Osterfeiertagen könnten beispielsweise die Mahlzeiten nur mit geringer Verschiebung zu den gewohnten alten Zeiten eingenommen werden. Zudem kann man mit einem ausgedehnten Osterspaziergang und leichter Bewegung die Stimmung heben und einer entspannten Mittagsruhe die Schläfrigkeit bekämpfen.

Wer allerdings unter Schlafstörungen leidet, der sollte von einer Mittagsruhe und vom Schläfchen zwischendurch mindestens eine Woche nach der Zeitumstellung Abstand nehmen, da sonst die Ein- und Durchschlafschwierigkeiten noch größer werden können. Einer aktiven Erholungspause oder dem Praktizieren von Entspannungstechniken um die Mittagszeit steht dagegen nichts im Weg.

Sinn und Zweck der Zeitumstellung

Bereits mit der Einführung der Zeitumstellung 1980 wurde über deren Sinn gestritten. Durch das Drehen an der Uhr sollte das Tageslicht besser genutzt und so Energie eingespart werden. Die Entscheidung war einerseits eine Folge der Ölkrise 1973 und andererseits eine Anpassung an die westlichen Nachbarländer, die bereits 1977 die Sommerzeit eingeführt hatten. Zudem musste man sich mit der damaligen DDR einigen, um ein Zeitchaos insbesondere im geteilten Berlin zu vermeiden. Von 1950 bis 1979 gab es in Deutschland keine Sommerzeit. Eine einheitliche Sommerzeitregelung ist seit 1996 in der Europäischen Union in Kraft.

Das Energiesparpotenzial durch die Zeitumstellung konnte allerdings von verschiedenen Stellen bisher nicht bestätigt werden. Die Energiewirtschaft beispielsweise kann seit Jahren keine Sparwirkung erkennen. Selbst das Umweltbundesamt hat in einer kurzen Stellungnahme mitgeteilt, dass durch die Zeitumstellung "eher nicht mit einer Energieeinsparung zur rechnen" ist. Zwar könne durch die Zeitverschiebung um eine Stunde nach vorn das Tageslicht im Sommer besser ausgenutzt und so Strom für die Beleuchtung eingespart werden. Da der Tag aber eine Stunde zeitiger startet, wird morgens mehr geheizt. Das Umweltbundesamt glaubt an eine Nullrechnung, der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) dagegen ist der Meinung, dass durch die Umstellung auf Sommerzeit sogar mehr Energie verbraucht wird als ohne.

Unfälle und Schlafdefizit

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Uhrmachermeister Rolf Zurmöhle stellt die Kirchturmuhr der St. Jacobi-Kirche in Hannover per Hand um.

(Foto: picture alliance / dpa)

Untersuchungen belegen noch mehr negative Auswirkungen. Am Tag nach der Uhrumstellung gehen beispielsweise bis zu 12 Prozent mehr Menschen zum Arzt. Zudem kommt es nicht nur an den Montagen, sondern im gesamten Monat, nachdem im Frühjahr an der Uhr gedreht worden ist, zu einem starken Anstieg von Verkehrsunfällen. Müdigkeit der Autofahrer und Wildtiere, die von der Umstellung auf die Sommerzeit natürlich nichts wissen, aber dennoch von verändertem Verkehrsaufkommen betroffen sind, sind die Gründe dafür.

Bei der Koordination von Fahr- und Flugplänen, Dienstplänen mit Nachtschichten und Uhren, die nicht über Funk gesteuert werden, muss mit relativ großem Aufwand die Manipulation an der Uhr berücksichtigt werden. Der Großteil der Kirchturmuhren in Deutschland beispielsweise, die den Takt von Gemeinden lautstark angeben, müssen per Hand auf Sommerzeit umgestellt werden. Da sich die Verantwortlichen nicht zwei Mal im Jahr die Nacht um die Ohren schlagen wollen, stellen die meisten schon am Abend vorher die Uhren um.

Zeit bleit ein Machtinstrument

Im Grunde genommen leiden alle Menschen, die sich morgens mit einem Wecker wecken lassen müssen, unter den gesellschaftlichen Vorgaben von Zeit und leben an ihrer inneren Uhr vorbei. Das hat zur Folge, dass sie ein ordentliches Paket an Schlafdefizit mit sich herumtragen. Die Umstellung auf Sommerzeit verschärft diesen Zustand zusätzlich, kritisieren Chronobiologen.

Der Grund, weshalb trotz aller negativen Auswirkungen immer noch an der Zeitumstellung festgehalten wird, ist für Kritiker eindeutig. Die Zeit war und ist ein Machtinstrument und wurde als solches von Herrschern vielfach benutzt. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Quelle: ntv.de

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