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Interview zur Mehrsprachigkeit "Man sollte Kinder nicht zwingen"

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Überfordert es Kinder, wenn sie von Beginn an mehrere Sprachen gleichzeitig lernen?

(Foto: imago images / Westend61)

Mehrere Sprachen fließend sprechen zu können, gilt in der globalen Welt als klarer Vorteil. Sollten Kinder deswegen am besten schon so früh wie möglich mit Fremdsprachen in Kontakt kommen? Ein Gespräch mit Tanja Rinker, Expertin für Mehrsprachigkeit.

ntv.de: Wann hat der Mensch das beste Alter, um eine Sprache zu erlernen?

Tanja Rinker: Immer. Es gibt durchaus sensible Phasen, in denen der Erwerb von Sprachen am besten gelingt. Aber das heißt nicht, dass man bis ins hohe Alter nicht auch Sprachen lernen kann. Im Laufe des ersten Lebensjahrs fokussiert sich unser Lautsystem beispielsweise auf die Laute der Umgebungssprache oder eben auf die Laute der Umgebungssprachen, wenn Kinder mit mehreren Sprachen aufwachsen.

Es ist also nicht zwangsläufig so, dass es Älteren schwerer fällt, eine Sprache zu lernen?

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Tanja Rinker ist Professorin für Deutsch als Fremdsprache und Didaktik des Deutschen als Zweitsprache. Sie ist Direktorin am Mehrsprachigkeitszentrum an der Universität Tübingen.

(Foto: Constantin Schulte Strathaus)

Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, die das Sprachenlernen im erwachsenen Alter etwas mühsamer machen. Mit zunehmendem Alter gehen wir zum Beispiel nicht mehr so unvoreingenommen an Sprachen heran. Ein einjähriges Kind hat noch keine Angst davor, sich zu blamieren, Laute und Wörter auszuprobieren. Doch im Laufe der Zeit werden wir immer gehemmter. Das macht es dann immer schwerer, eine Sprache zu lernen. Natürlich spielt auch das Gehirn eine Rolle. Wir lernen sehr viel bis zum Eintritt der Pubertät. Danach erreicht das neuronale Wachstum, in dem neue Verknüpfungen im Gehirn geschaffen werden, ein Plateau. In der Wissenschaft sprechen wir dann auch nicht mehr von einem natürlichen Spracherwerb, sondern es ist dann eher ein Lernen. Im Erwachsenenalter fehlt uns auch die Zeit, uns ausschließlich mit dieser neuen Sprache zu befassen. Wenn wir beispielsweise in einem Fremdsprachenkurs das Italienische erwerben, haben wir nicht die zeitlichen Ressourcen, die ein Kind im Erwerb hat.

Also ist es eine gute Idee, wenn Kinder von Geburt an mit mehreren Sprachen konfrontiert werden? Oder überfordert es sie?

Dafür gibt es überhaupt keine Belege. Wenn Kinder die Möglichkeit haben, mit mehreren Sprachen aufzuwachsen, dann sollte man ihnen auch diese Chance lassen. Also, wenn Mutter und Vater unterschiedliche Sprachen sprechen, sollten sie diese auch benutzen. Selbst wenn noch eine dritte Sprache im Spiel ist - also angenommen, die Mutter ist schon bilingual groß geworden und der Vater spricht seine Sprache -, dann ist das Kind damit nicht überfordert. Allerdings sollten die Eltern realistische Erwartungen an ihr Kind haben. Man kann nicht erwarten, dass das Kind nach drei Jahren in mehrsprachiger Umgebung die gleiche Kompetenz in all diesen Sprachen hat wie ein Kind, das nur mit einer Sprache aufwächst. Es wird situativ zum Beispiel auch sehr unterschiedlich sein, wie umfangreich der Wortschatz in den unterschiedlichen Sprachen ausgebildet sein wird.

Auf welchem Niveau lernen Kinder mehrere Sprachen gleichzeitig?

Das ist sehr unterschiedlich. Es kommt sehr auf den sprachlichen Input an, also, wie viele Stunden das Kind in der Woche mit der Sprache in Kontakt ist. Es spielt auch eine Rolle, wer was mit dem Kind spricht und wie intensiv dieser Sprachkontakt ist. Wenn ich die perfekten Input-Bedingungen in zwei Sprachen schaffen könnte und das durchgängig, indem mein Kind zum Beispiel in eine bilinguale Kindertagesstätte geht und später auf eine bilinguale Schule, dann kann es gelingen, dass das Kind zwei Sprachen auf Muttersprachen-Niveau beherrscht. Wichtig ist, dass beide Sprachen annähernd gleich gewichtet sein müssen. Und das erfordert natürlich ein bisschen Arbeit seitens der Eltern.

Inwiefern erfordert das Arbeit?

Wenn ich möchte, dass mein Kind nicht nur in der Umgebungssprache alphabetisiert wird, dann erfordert das Aufwand. Also, wenn mein Kind in Deutschland in die Schule geht, lesen und schreiben auf Deutsch lernt, der Vater aber Spanier ist und das Kind deswegen noch lesen und schreiben auf Spanisch lernen soll, dann muss ich mich als Elternteil nach entsprechenden Möglichkeiten umsehen. Die Eltern müssen irgendwann eine Entscheidung treffen und sich fragen: Wie geht es nun weiter mit der zweiten Sprache? Es gibt viele Angebote, zum Beispiel den Herkunftssprachenunterricht, also dass die Kinder dann Türkisch, Griechisch, Russisch noch außerhalb der Schule lernen können und dort das Lesen und Schreiben lernen können. Allerdings reichen da nicht ein bis zwei Stunden die Woche.

Wie häufig muss man eine Sprache sprechen, um Muttersprachen-Niveau zu erreichen?

Natürlich wäre es ideal, wenn ein bilinguales Kind 50 Prozent des Tages mit jeder Sprache in Kontakt wäre. Aber in der Realität ist das äußerst schwierig. Die Frage ist aber auch: Woran messe ich, wie gut ein Kind im bilingualen Erwerb geworden ist? Ein Beispiel: Nach ein paar Jahren kann ein Kind, das in Deutschland mit einem deutschsprachigen Elternteil aufwächst, aber auch noch ein englischsprachiges Elternteil hat, die grammatischen Strukturen des Englischen schon ganz gut meistern. Der Wortschatz ist dann aber eventuell kleiner als der Wortschatz eines Kindes, das in den USA aufwächst und den ganzen Tag ausschließlich Englisch hört. Kein Wunder, bei dem erstgenannten Kind sind die Kontexte natürlich viel geringer. Es wird parallel ja auch noch mit dem Deutschen konfrontiert.

Was ist schwieriger - die Grammatik einer Sprache zu lernen oder den Wortschatz auszubauen?

Den Wortschatz einer Sprache kann man jederzeit ausbauen - sei es der Wortschatz der eigenen, einer zweiten oder einer fremden Sprache. Das Lernen der Grammatik einer zweiten oder fremden Sprache kann tatsächlich im Laufe des Lebens etwas mühevoller werden. Die Bedeutung des Wortschatzes darf aber nicht unterschätzt werden. Das Beherrschen der Grammatik ist wichtig, ganz klar, aber nur wer viele Wörter kennt, kann in einer neuen Sprache in eine echte Kommunikation treten.

Wie sinnvoll ist es denn, ein Kleinkind, das in einem reinen deutschsprachigen Elternhaus groß wird, in den Sprachunterricht zu schicken?

Einen reinen Sprachunterricht gibt es für diese Altersgruppe kaum. Es gibt aber viele Studien zum Erwerb des Englischen, das heißt in bilingualen Kindertagesstätten oder in bilingualen Grundschulen. Dort ist es so, dass ein Erzieher oder eine Lehrkraft Englisch spricht, die andere Lehrkraft spricht Deutsch. Es ist erstaunlich, was passiert: Die Kinder erwerben gute bis sehr gute Kompetenzen im Englischen. Wir haben im letzten Jahr eine Studie an einer Grundschule durchgeführt, die einen bilingualen italienisch-deutschen Zweig anbietet. Dafür haben wir in der ersten Klasse eine Erhebung gemacht, zu Beginn und zum Ende des Schuljahres, und es war wirklich faszinierend zu sehen, wie gut die Kinder dem Unterricht am Ende des Schuljahres folgen konnten, obwohl dieser komplett auf Italienisch ablief. Die Kinder können dann auch schon ein bisschen Italienisch sprechen und sie haben in diesem Jahr ein gutes passives Verständnis aufgebaut.

Was meinen Sie mit passivem Verständnis?

Dass sie Anweisungen auf Italienisch verstehen können. Sie können die Aufgaben auf Italienisch verstehen und selber bereits kleinere Antworten geben. Wir werden im zweiten Schuljahr eine Nacherhebung machen. Und wir sind schon gespannt, was sich dann nach zwei Jahren getan hat.

Warum klappt das Sprachenlernen bei bilingualen Angeboten so gut?

Die Handlungsorientierung ist sehr wichtig. Die Angebote funktionieren eben nicht nach dem Schema "Wir sitzen in einem Klassenzimmer und üben italienische Formen", sondern die Sprache ist immer in einen Kontext eingebettet. Das ist echte, authentische Kommunikation und das ist die ideale Situation, um eine Sprache zu lernen. Wenn ein Kind zur Toilette möchte, dann muss es die Italienisch sprechende Lehrkraft auf Italienisch fragen, ob es zur Toilette gehen darf. Oder alle lösen eine Matheaufgabe auf Italienisch. Da gibt es keine andere Option. Das macht diese Sprache zu einem Gebrauchtgegenstand. Dadurch lernen Kinder, sie anzuwenden.

Ist es wichtig, dass die Eltern zu Hause auch die jeweilige Sprache sprechen?

Das verstärkt den Lerneffekt natürlich. In der eben beschriebenen Klasse gab es auch Kinder, die schon Italienisch von zu Hause mitgebracht haben. Sie lernen die Sprache natürlich schneller und haben auch einen größeren Wortschatz. Aber es ist nicht unbedingt notwendig, dass die Eltern zuhause auch Italienisch sprechen. Meine Kollegen und ich versuchen auch gerade noch zu analysieren, ob Kinder, die andere Sprachen mitbringen - wir hatten Kinder in der Klasse, die mit Arabisch und Französisch aufgewachsen waren - genauso von dieser Sprache profitieren oder ob vielleicht nur die, die vorher schon eine weitere romanische Sprache gesprochen haben, wie zum Beispiel Französisch, einen Vorteil beim Italienischlernen haben. Das sind aber noch Fragen, die offen sind.

Was macht man, wenn Kinder sich weigern, zwei Sprachen zu sprechen?

Ruhig bleiben. Kinder haben einfach Präferenzen. Und man sollte sie auch nicht zwingen, so nach dem Motto: "Du musst jetzt mit uns diese Sprache sprechen". Häufig gibt sich das wieder, zum Beispiel bei einem Auslandsaufenthalt oder einem Urlaub bei der Familie. Dann wird die Lust wieder geweckt, Italienisch oder Spanisch zu sprechen. Ab einem gewissen Alter ist die Peergroup auch ganz wichtig, da sprechen die Kinder dann die Sprache ihrer Freunde, um dazuzugehören. Entweder die sind dann auch bilingual, dann passiert es häufig, dass auch in dieser Gruppe beide Sprachen gesprochen werden. Aber wenn man das einzige Kind im ganzen Kindergarten ist, das eine weitere Sprache spricht, dann ist die Motivation natürlich gering. Es kommt immer wieder vor, dass Kinder dann die andere Sprache ablehnen und Eltern sind dann oft enttäuscht. Eltern können aber auch aktiv etwas tun, zum Beispiel eine Spielgruppe finden oder Kontakte herstellen zu anderen Kindern, die eben auch diese andere Sprache sprechen.

Also man soll einfach so weitermachen wie bisher?

Genau. Nicht aufgeben. In Studien haben wir tatsächlich häufiger beobachtet, dass mit Beginn des Kindergartens oder mit dem Schuleintritt viele bilinguale Familien die zweite Sprache immer mehr aufgeben. Dann wird in der Familie fast nur noch Deutsch gesprochen. Klar, die Kinder bringen dann das Deutsche mit nach Hause, ältere Geschwister sowieso und die Eltern sind in der Regel auch bilingual. Vielleicht spricht ein Elternteil gar nicht die andere Sprache, sei es Italienisch, Spanisch oder Russisch, und dann ist das die Sprache, die immer mehr ins Hintertreffen gerät. Andererseits geht es auch nicht nur darum, was die Kinder wollen. Auch die Eltern sollen sich wohlfühlen und nicht verbiegen und ihre Sprache aufgeben. Wichtig ist echte, authentische Kommunikation.

Mit Tanja Rinker sprach Kira Pieper

Quelle: ntv.de