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Mittwoch, 05. Mai 2010

Problem in allen Schichten: Mehr Aufmerksamkeit für Messies

Es fängt meistens ganz harmlos an, bis man schließlich keinen Fuß mehr vor den anderen setzen kann. Menschen, die Müll in ihren Wohnungen sammeln, werden Messies genannt. Sie haben durch ihren zwanghaften Sammelwahn meistens eine Fülle an Problemen.

Messies sind nicht mehr Herr ihrer Lage. Viele Mieter flüchten einfach und hinterlassen ihren Vermietern ihren Müll.
Messies sind nicht mehr Herr ihrer Lage. Viele Mieter flüchten einfach und hinterlassen ihren Vermietern ihren Müll.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Immer mehr Menschen türmen Müllberge in ihrem Wohnzimmer auf und sind mit ihrer Situation hoffnungslos überfordert. Experten bezeichnen sie als sogenannte Messies - in Anlehnung an das englische Wort für Unordnung. Schätzungen sprechen von rund zwei Millionen Messies in Deutschland - die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. "Das Messie-Syndrom wird völlig unterschätzt", sagt Wedigo von Wedel in München. Er ist Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins "H-Team e.V.", der sich seit 20 Jahren mit dem Messie-Phänomen beschäftigt.

An diesem Mittwoch veranstaltet der Verein in München eine Fachtagung zum Thema: "Desorganisiertes Leben in der eigenen Wohnung - sind das alles Messies?" "Das Messie-Syndrom ist in aller Munde, aber keiner weiß so genau, was das eigentlich ist", betont von Wedel. "Wir brauchen mehr Forschung und vor allem bessere Ausbildung von Sozialarbeitern. Nicht nur die Betroffenen selbst sind hilflos - diejenigen, die sie betreuen sollen, auch."

Überforderungen und Verlust

Nicht nur Wohnungen werden von Messies zugemüllt, manchmal müssen auch ihre Autos herhalten.
Nicht nur Wohnungen werden von Messies zugemüllt, manchmal müssen auch ihre Autos herhalten.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Messies gibt es nach Angaben von Wedels quer durch die Gesellschaft. "Es geht von jung bis alt - wir haben auch schon Jugendliche, die das Problem haben", betont er. Ein Armutsphänomen sei das Syndrom nicht. "Es sind alle Schichten betroffen." Allerdings könnten - vor allem bei älteren Menschen - "traumatische Armutserfahrungen" in der Jugend ein Grund für den zwanghaften Sammelwahn sein. Die Ursachen sind in fast allen Fällen sehr ähnlich. "Wir finden bei annähernd jedem Fall schmerzhafte Verluste - den Tod eines nahen Angehörigen zum Beispiel", sagt er.

"Viele mussten viel zu früh Eigenverantwortung übernehmen und fühlen sich chronisch überfordert. Oft kommen dann noch gescheiterte Beziehungen und Beziehungsängste dazu." Eine komplett zugestellte oder zugemüllte Wohnung biete vielen Menschen ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit. "Zumauern, Höhle bauen", erklärt von Wedel. "Wenn jemand immer wieder von Menschen enttäuscht wurde, sagt er: "Meine Bücher sind mir wenigstens treu"." Eine solche Einstellung führe aber meist dazu, dass soziale Kontakte einschlafen oder ganz abbrechen.

Nicht jeder, der unordentlich sei, sei aber gleich ein Messie, sagt von Wedel. Keine Lust, aufzuräumen, das kenne jeder. "Wenn man aber merkt, dass diese "Aufschieberitis" unheimlich frustrierend und deprimierend wird, dann sind die Probleme da."

Quelle: n-tv.de