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Öffnen, ohne zu öffnen So kann man versiegelte Faltbriefe lesen

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Computergenerierte Entfaltungssequenz des versiegelten Briefes DB-1538.

(Foto: Unlocking History Research Group/dpa)

Bevor es Kuverts gab, wurden Briefe aufwendig gefaltet, um deren Inhalt vor unerlaubten Blicken zu schützen. Mit einem neuen Verfahren kann man sie lesen, ohne sie zu öffnen und zu zerstören. Weltweit gibt es noch zahllose ungeöffnete historische Briefe und Dokumente, die man so endlich ansehen könnte.

Inzwischen ist es fast vergessen, aber über Jahrhunderte nutzten Briefeschreiber raffinierte Techniken, um vertrauliche Informationen zu schützen: Vor der Massenproduktion von Briefumschlägen in den 1830er-Jahren sollten Siegel und ausgeklügelte Falttechniken den Inhalt vor unberechtigtem Lesen bewahren. Bis heute liegen Hunderttausende solcher Schreiben ungeöffnet in Archiven.

Ein internationales Forscherteam stellt nun ein Verfahren vor, mit dem sich solche Briefe computergestützt lesen lassen, ohne sie zu öffnen und damit zu zerstören. Dies könne neue historische Quellen erschließen, schreibt das Team um die Konservatorin Jana Dambrogio vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Fachblatt "Nature Communications".

Tausende Briefe aus dem 17. Jahrhundert

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Der Brienne-Koffer, ein Briefkoffer aus dem 17. Jahrhundert, wurde dem Postmuseum in Den Haag vermacht.

(Foto: Unlocking History Research Group/dpa)

Eine besonders reichhaltige Sammlung von jahrhundertealten Briefen stellt die sogenannte Brienne Collection dar: Sie umfasst mehr als 3100 Briefe, die im 17. Jahrhundert quer durch Europa verschickt wurden und nicht zugestellt werden konnten - 577 davon sind noch ungeöffnet. Gesammelt wurden die Briefe vom Postmeister-Ehepaar Simon de Brienne und Marie Germain in Den Haag in einer Truhe.

Bisher konnte man solche Faltbriefe nur lesen, wenn man sie dafür aufschnitt und damit beschädigte. Auch die eingesetzte Falttechnik ließ sich bislang kaum zerstörungsfrei untersuchen. Das Team aus den USA, Großbritannien und den Niederlanden stellt nun ein computergestütztes Verfahren auf Basis von Algorithmen vor: Zuerst werden die Briefe per Röntgen-Mikrotomografie durchleuchtet, dann wird ein 3D-Modell erstellt und auf geometrischer Basis die Falttechnik ermittelt, bevor die Schreiben letztlich virtuell aufgefaltet werden. Solche Scans habe man bislang hauptsächlich bei Rollen, Büchern und einfach oder doppelt gefalteten Schreiben genutzt.

Dabei ermittelt der Scan nicht nur etwa die Materialdichte, sondern bildet auch Elemente in der Tinte wie Eisen, Kupfer und Quecksilber ab. Zudem gibt das Verfahren Aufschluss über die jeweils verwendete Falttechnik und damit verbunden den Sicherheitsgrad eines Briefs.

Tausende Techniken beim Letterlocking

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Brief vom 31. Juli 1697 von Jacques Sennacques an Pierre Le Pers: DB-1627 wurde praktisch zum ersten Mal seit seiner Entstehung gelesen.

(Foto: Unlocking History Research Group/dpa)

Wie komplex das ist, zeigt die Tatsache, dass für das sogenannte Letterlocking Tausende Techniken des Faltens, Schneidens, Klebens und ineinander Verschachtelns angewendet wurden. Das führte unter anderem zu unterschiedlichen Formen: So teilen die Forscher die Briefe etwa nach der Zahl ihrer Kanten ein: vom Dreieck über Rechteck und Fünfeck bis zum Zwölfeck. Zusätzlich erschwert wird das Lesen dadurch, dass viele Briefe im Lauf der Jahrhunderte litten - etwa durch Hitze und Feuchtigkeit.

Die Machbarkeit des Verfahrens demonstrieren die Forscher an vier Briefen aus der Brienne Collection. Alle messen zwar ungeöffnet etwa 5 mal 8 Zentimeter, sie wurden aber trotz ihrer rechteckigen Form völlig unterschiedlich gefaltet. Inhaltlich geht es darin oft um Alltagsthemen, etwa im nun erstmals enthüllten Brief DB-1627 vom 31. Juli 1697. Darin bittet ein Jacques Sennacques seinen in Den Haag lebenden Vetter Pierre Le Pers, einen französischen Kaufmann, um eine beglaubigte Todesurkunde für einen Daniel Le Pers.

"Potenzial, neue historische Quellen zu erschließen"

Doch die Themen reichen weit über den Alltag hinaus: "Unser Ansatz birgt das Potenzial, neue historische Quellen zu erschließen", schreiben die Forscher. Als Beispiel nennen sie den letzten Brief der schottischen Königin Maria Stuart, den sie am 8. Februar 1587 - nur sechs Stunden vor ihrer Hinrichtung - an ihren Schwager aus erster Ehe schrieb, den französischen König Heinrich III.: Ein Forschungsprojekt habe ein Jahrzehnt benötigt, um die aufwendige Falttechnik zu entschlüsseln. "Virtuelles Auffalten könnte ein Ergebnis binnen Tagen bringen", notiert das Team.

Als weiteres Beispiel für den historischen Wert des Verfahrens verweisen die Forscher auf die sogenannten Prize Papers: Diese etwa 160.000 nicht zugestellten Briefe wurden von der britischen Admiralität gesammelt und stammen von feindlichen Schiffen, die zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert gekapert worden waren. Weltweit gebe es noch zahllose ungeöffnete Briefe und Dokumente aus verschiedenen Kulturen und historischen Epochen, die sich nun auswerten lassen, ohne sie zu beschädigen.

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Den Forschern geht es jedoch nicht nur um den Inhalt der Schreiben, sondern um jegliche Information, die sich aus diesen Briefen ziehen lässt. So wollen sie etwa die weltweit verwendeten Falttechniken kategorisieren samt dem zugehörigen Sicherungsgrad.

"Sowohl geöffnete als auch ungeöffnete Briefe können nun auf ihr Letterlocking untersucht werden, was die methodische Grundlage für eine neue Disziplin eröffnet", betont das Team. "Wenn Briefe ungeöffnet bleiben, sind sie umso aufschlussreicher."

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa

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