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Maja und Willi gemeinsam auf Achse: Das gäbe es in Wirklichkeit nicht.
Maja und Willi gemeinsam auf Achse: Das gäbe es in Wirklichkeit nicht.(Foto: Apollo-Film/ZDF/dpa)
Freitag, 09. September 2016

"Bienen sind durch die Bank faul": So lebensnah sind Maja und Willi

Von Andrea Schorsch

Mehrere Generationen sind damit groß geworden: "Biene Maja" feiert ihren 40. Fernseh-Geburtstag. Doch stimmt das Bild eigentlich, dass die Serie vom Bienenleben vermittelt? Wie viel haben Maja, Willi und Fräulein Kassandra mit der Realität zu tun? Wir sprechen mit Prof. Jürgen Tautz, emeritierter Bienenwissenschaftler an der Universität Würzburg. Tautz hat 2006 die Bildungsplattform HOBOS geschaffen, die HOneyBee Online Studies. Das Portal ermöglicht den Live-Einblick in einen Bienenstock und liefert dort gewonnene Daten in Echtzeit. Tautz konnte viel über Bienen in Erfahrung bringen. Es zeigt sich: Vieles aus "Biene Maja" ist richtig, manches falsch.

- Willi legt nahe: Bienen sind Müßiggänger. Und das stimmt. "Bienen sind sogar durch die Bank faul", sagt Tautz. Die Mär vom fleißigen Bienchen kann man also getrost vergessen. Durch ausgeklügelte Arbeitsteilung ist es das Bienenvolk als Ganzes, das enorm emsig ist. "Einzelne Bienen machen meistens tatsächlich nichts", weiß der Forscher. Bis zu sechs Millionen Blüten besucht der gesamte Bienenstaat an einem Tag. Für die einzelne Biene bedeutet das: Mehr als zwei bis drei Mal braucht sie nicht auszufliegen. Bringt sie es auf zehn Flüge täglich, gehört sie zur fleißigen Spitzengruppe. Und sind genug Vorräte da, bleiben die meisten Bienen gleich zuhause. Sie hocken rum. Im Leben einer Biene gibt es viel Zeit zum Nichtstun, hat Tautz festgestellt. Nur die Königin ist im Dauerstress: Sie legt bis zu 2000 Eier am Tag. Mehr zur Faulheit der Bienen gibt es hier.

"Uuund diese Biene, die ich meine, die heißt Maaaja..." - Es war der 9. September 1976, als Maja im deutschen Fernsehen das Licht der Welt erblickte.
"Uuund diese Biene, die ich meine, die heißt Maaaja..." - Es war der 9. September 1976, als Maja im deutschen Fernsehen das Licht der Welt erblickte.(Foto: Apollo-Film/ZDF/dpa)

- Mit Willi sammeln auch männliche Bienen Nektar. Das aber ist falsch. Drohnen, so heißen die Bienenmännchen, beteiligen sich nicht am Sammelgeschäft. Es sind allein die Weibchen, die den Honig machen. Willi, der an Blüten nascht – so etwas gibt es im echten Bienenleben nicht.

- Bienenmännchen bewachen im Film den Stock. Aber auch das ist falsch. Drohnen wären für Feinde kein Hindernis; sie sind nämlich wehrlos, weil sie keinen Stachel haben. Wächter sind durchweg Weibchen.

- Und was machen die Männchen dann überhaupt? Fest steht, dass sie sich genau einmal in ihrem Leben mit der Königin paaren. Daran gehen sie zugrunde. "Das ist eine ziemlich grausame Geschichte", sagt Tautz. "Die Drohnen explodieren dann regelrecht, um die Spermien sicher in die Königin hineinzuschießen." Zuvor sind sie aber offenbar auch nützliche Helfer, wenn es um die Klimaverhältnisse im Stock geht: "Durch ihre dicken Körper isolieren sie gut und verhindern den Wärmeverlust nach außen", so der Wisssenschaftler. "Außerdem können sie – wie die Arbeiterinnen – mit ihrer Flügelmuskulatur aktiv Wärme erzeugen." Was die Drohnen sonst noch so tun? Da kann sich die Forschung noch austoben.

Da staunt die Biene. Wie Film-Biene Maja sind auch echte Bienen neugierig und äußerst lernfähig.
Da staunt die Biene. Wie Film-Biene Maja sind auch echte Bienen neugierig und äußerst lernfähig.(Foto: picture alliance / dpa)

- Maja führt es vor: Bienen sind pfiffig. Und das sind sie tatsächlich. Obwohl ihr Gehirn nicht größer ist als ein Stecknadelkopf, sind Bienen erstaunlich gelehrig. "Sie lernen unheimlich schnell und gut, Düfte zu unterscheiden", sagt der Experte, "sowie optische Muster und Formen und Farben von Blüten." Außerdem können Bienen Mengen schätzen. All diese Fähigkeiten, die, wie Tautz betont, "zum Teil nicht mal bei einfachen Wirbeltieren ausgeprägt sind", brauchen Bienen zur Nahrungssuche. Fischen zum Beispiel haben sie damit einiges voraus. Mehr über das "Denken" der Honigbienen gibt es hier.

- Maja fliegt schon als junge Biene zum Sammeln aus. Das aber ist falsch. Eine Biene verbringt die ersten zwei Lebenswochen im Stock. In dieser Zeit ist sie Innendienstbiene. Sie putzt und versorgt außerdem die noch jüngeren Bienen mit Nahrung. Erst in der letzten Lebenswoche, wenn sie schon Senioren sind, gehen Bienen raus in das gefährliche Leben.

- Schaut man sich Maja an, sind Bienen ganz schön neugierig. Das kann die Wissenschaft bestätigen. "Die Neugier ist biologisch notwendig", sagt Tautz. Bienen leben in zwei Welten: Einen Großteil ihres Lebens verbringen sie im dunklen Nest. Da ist es warm, gemütlich und sicher, es gibt keine Feinde, keine Bedrohung. Diese Welt müssen sie verlassen, um Nahrung heranzuschaffen. Und weil Bienen nicht wissen können, wo man diese Dinge findet, müssen sie neugierig sein: Sie suchen die Gegend ab – nach Blütenpflanzen und Wasser, aber auch nach neuen Nistplätzen. "Es ist immer eine bestimmte Anzahl Bienen rein explorativ im Gelände unterwegs, um neue Nahrungsquellen zu finden", so der Wissenschaftler. Diese Suche wird von relativ wenigen Bienen durchgeführt, die die anderen dann über ihre Entdeckungen informieren. Es ist aber keine Gruppe, die darauf spezialisiert wäre. Alle Sammelbienen können diese Aufgabe übernehmen.

Hier gut zu erkennen: der Chip, mit dem das HOBOS-Team das Verhalten einzelner Bienen beobachten kann.
Hier gut zu erkennen: der Chip, mit dem das HOBOS-Team das Verhalten einzelner Bienen beobachten kann.(Foto: HOBOS, Helga R. Heilmann)

- Sind Bienen tatsächlich Individualisten wie Maja? Ja. Das zeigt sich, wenn man Bienen beobachtet, die mit einem Chip versehen wurden und daher individuell verfolgt werden können. "Man sieht große Unterschiede", berichtet Tautz. "Fleißigere, Faulere, Frühaufsteher, Spätaufsteher, Regenwetter-Spezialisten etc. etc." Grundsätzlich wandern die Bienen im Nest herum, patrouillieren und schauen, ob eine Aufgabe ansteht. Finden sie nichts, tun sie nichts. Das ist für einzelne oft der Fall. Die Biene richtet ihre Tätigkeit nach dem, was sie in der Umgebung wahrnimmt. Kommt sie zum Beispiel in den Brutbereich und stellt fest, dass dieser zu kühl ist, beginnt sie zu heizen. Eine von vielen Aufgaben.

- Junge Bienen lernen von einer Lehrerin wie Fräulein Kassandra, vermittelt der Film. Wahrscheinlich stimmt das in ähnlicher Form. Untersuchungen dazu gibt es kaum, stellt Tautz fest. Aber es ist außerhalb von Forschungslaboren noch nie eine Biene allein aufgewachsen. Und das bedeutet für den Experten: "Die Bedingungen für die Weitergabe von Wissen sind bei den Bienen perfekt." Tautz berichtet von einem Experiment: Man hat einem Bienenvolk beigebracht, dass es morgens um zehn Uhr auf einer bestimmten Wiese etwas zu essen gibt. Die Bienen flogen also stets um zehn Uhr aus, um dort zu sammeln. Einem anderen Staat hat man das Sammeln um sechs Uhr antrainiert. Während die Bienen aktiv waren, bildete sich in dem Stock in Larven und Puppen der Nachwuchs. Als man Puppen aus dem Zehn-Uhr-Stock in den Sechs-Uhr-Stock setzte, flogen diese Bienen später nicht etwa um sechs los, wie alle in ihrer neuen Umgebung, sondern um zehn. "Sie haben also als Puppe die Unruhe ihres Elternstocks um zehn Uhr mitbekommen – und richten sich weiterhin danach", resümiert Tautz. "Das ist echte Tradition, die Weitergabe von Gelerntem."

- Willi lässt ahnen: Bienen schlafen ganz gern. Und das ist richtig. Dass Insekten schlafen können, wollte man lange nicht glauben, doch mittlerweile ist der Schlaf der Bienen ein großes Wissenschaftsgebiet geworden. Die Bienen, die im Stock tätig sind und daher nur die Dunkelheit kennen, schlafen immer wieder mal ein paar Stunden. Die Sammelbienen, die auch dem Licht der großen freien Welt ausgesetzt sind, schlafen in einem Tag-Nacht-Rhythmus wie der Mensch. Mehr zu schlafenden Bienen gibt es hier.

- Maja und Willi träumen gelegentlich. Echte Bienen auch? Offenbar ja. "Während sich beim Menschen die Augäpfel hinter den Lidern bewegen, wenn sie träumen, sind es bei den Bienen die Antennen", berichtet Tautz. "So als ob sie Blüten abtasten würden, die sie tagsüber besucht haben." Im Schlaf und im Traum sortiert das Gehirn nämlich einzelne Tageserlebnisse und entscheidet, was erinnert wird und was nicht. Bei Bienen dürfte sich da vieles um die Nahrungssuche drehen.

- Majas Bienenvolk lebt wild und nicht in einem Imker-Holzkasten. So etwas gibt es auch heute noch. "Es gibt in Deutschland wilde Honigbienenvölker in hohlen Bäumen", weiß Tautz. Das HOBOS-Team ist an der Gestaltung einer entsprechenden Landkarte für Mitteleuropa beteiligt. Allerdings sind die natürlichen Nistmöglichkeiten rar, denn lange stand in der Forstwirtschaft die Holzproduktion im Vordergrund.

- Bienen leben ewig, suggeriert der Film. Aber das stimmt natürlich nicht. Die Lebensdauer einer Biene hängt davon ab, ob sie im Sommer oder Winter geboren wird. Sommerbienen werden etwa vier Wochen alt, Winterbienen etwa sieben Monate. Die Königin stirbt erst nach vier oder fünf Jahren. Warum Winterbienen länger leben, konnte bislang nicht geklärt werden. "Die Lebensspanne ist offenbar von Geburt an festgelegt, und es ist egal, was die Biene tut. Aber ihre Umwelt spielt eine Rolle", sagt Tautz. Denn die Temperatur im Nest entscheidet darüber, ob eine Biene als Sommer- oder als Wintertier geboren wird. Und die Temperatur können die Arbeiterinnen durch ihre Flügelmuskulatur bestimmen. "Die Lebensspanne wird quasi von den Nestgenossinnen gebacken", erklärt Tautz. Ein halbes Grad Celsius kann da den Unterschied ausmachen und über ein kurzes oder langes Bienenleben entscheiden. Unsterblich sind nur Biene Maja und ihre Freunde.

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Quelle: n-tv.de

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