Wissen

US-Studie zu Germanwings-Absturz Viele Piloten kämpfen mit Depressionen

Im März 2015 ließ ein Copilot eine Germanwings-Maschine in den Alpen zerschellen. Er litt an Depressionen. Eine Harvard-Studie zeigt nun: Es gibt viele Piloten, die Symptome einer Depression erkennen lassen. Auf Hilfe verzichten sie.

Das Feld zu erforschen, ist schwierig: Wer als Pilot zugibt, mit Depressionen zu kämpfen, riskiert seinen Job. Eine Studie zu diesem Thema sollte den Teilnehmern daher Anonymität zusichern können, entschieden Forscher der US-amerikanischen Elite-Universität Harvard und entwickelten eine entsprechende Online-Umfrage, mit der sie gezielt Piloten - männliche und weibliche - ansprachen.

Rat und Nothilfe

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (Tel.: 0800/111-0-111) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333; wochentags von 14 bis 20 Uhr)
  • Auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe sind Listen mit regionalen Krisendiensten und mit Kliniken zu finden. Zudem gibt es viele Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige, um die Situation und die Versorgung Depressiver zu verbessern. Sie bieten Depressiven ein E-Mail-Beratung als Orientierungshilfe an.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Rund 3500 Piloten aus mehr als 50 Ländern, zur Hälfte aus den USA, nahmen zwischen April und Dezember 2015 an der Studie teil. Allerdings beantworteten nur 1848 von ihnen auch die Fragen zur aktuellen psychischen Verfassung. Das Ergebnis: 233 von diesen, also 12,6 Prozent, zeigten deutliche depressive Symptome; 75 von ihnen, also 4,1 Prozent, gaben an, in den zwei Wochen vor ihrer Studienteilnahme Selbstmordgedanken gehegt zu haben. Anzeichen für eine Depression gab es besonders bei jenen, die hohe Schlafmitteldosen nahmen und jenen, die sexueller oder verbaler Belästigung ausgesetzt waren.

"Schleier der Verschwiegenheit"

Die Piloten wurden in der Studie unter anderem gefragt, wie oft sie antriebslos sind, wie oft sie deprimiert oder hoffnungslos sind, wie häufig sie Schlafstörungen haben, wie oft sie sich müde oder kraftlos fühlen, wie häufig sie Konzentrationsprobleme haben, wie oft sie daran denken, sich etwas anzutun und wie sehr diese Probleme sie in ihrer Arbeit oder in ihren Kontakten beeinträchtigen. Das sind Fragen, die gemäß eines Diagnose-Standards zur Erkennung von Depressionen gestellt werden.

"Wir haben herausgefunden, dass viele Piloten, die derzeit fliegen, mit depressiven Symptomen kämpfen, und es könnte sein, dass sie keine Hilfe suchen, weil sie Angst vor negativen Auswirkungen auf ihre Karriere haben", fasst der Hauptautor der Studie, Assistenzprofessor Joseph Allen, die Studienergebnisse zusammen. "Es gibt einen Schleier der Verschwiegenheit um psychische Probleme im Cockpit."

Die Aussagekraft der Studie, ist - das sagen die Harvard-Wissenschaftler selbst - begrenzt. So konnten zum Beispiel die Anzeichen für Depressionen, die sich aus der Online-Teilnahme ergaben, nicht durch ein persönliches medizinisches Gespräch bestätigt werden; die Anonymität sollte eben gewahrt bleiben. Die Forscher gehen aber davon aus, dass die gewonnenen Zahlen eher zu niedrig als zu hoch sind und auf jeden Fall ein relevanter Anteil der Piloten mit Depressionen zu kämpfen habe. Angesichts dessen empfehlen die Wissenschaftler den Fluggesellschaften, ihre Hilfsangebote für Betroffene deutlich zu verbessern. Sie veröffentlichten die Studie im Fachjournal "Environmental Health".

In der Gesamtbevölkerung leiden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit rund 350 Millionen Menschen an Depressionen. In Deutschland sind es nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe rund fünf Prozent der Menschen zwischen 18 und 65, in den USA rund sieben Prozent.

Quelle: n-tv.de, asc/dpa

Mehr zum Thema