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25 Jahre Fortschritt Warum es Zeit für Optimismus ist

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Zurück in die Zukunft? Lieber mit Volldampf voraus, rät Zukunftsforscher Professor Dr. Ulrich Reinhardt.

(Foto: imago/Lars Berg)

Heute vor 25 Jahren ging n-tv erstmals auf Sendung. Damals, als Fernseher einfach nur Fernseher waren, Telefone eine Schnur hatten und überhaupt alles weniger komplex und nicht aus den Fugen geraten war. Wirklich? War das früher so? Und wie wird es in 25 Jahren sein, wenn n-tv 50 wird?

Eine Zeitmaschine gibt es (leider - oder zum Glück) nicht. Aber wenn es eine geben würde, wie würden Sie diese nutzen? Würden Sie eine Reise zurück in die Vergangenheit wagen oder nach vorne, in die Zukunft? Fakt ist: Etwa drei von fünf Bundesbürgern würden lieber den Rückwärtsgang einlegen und zurück in die guten alten Zeiten reisen. Getreu dem Sprichwort "Früher war alles besser" glorifizieren sie das Bekannte und blicken mit Skepsis und Angst auf das Unbekannte. Dabei war das Leben nie besser als heute. Das glauben Sie nicht? Schauen wir uns die Fakten an und nehmen das Jahr 1992 als Beispiel.

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War früher wirklich alles besser? Der Blick zurück zeigt, dass der Schein trügt.

(Foto: imago/CHROMORANGE)

Die Lebenserwartung war etwa vier Jahre geringer, die weltweite Armut um das Fünffache höher. Es gab doppelt so viele kriegerische Konflikte, die Kindersterblichkeit war fast dreimal so hoch und die Zahl der Menschen, die nicht lesen und schreiben konnten, war um etwa eine Milliarde höher. Auch Deutschland sah 1992 noch ganz anders aus als heute. Es gab fast fünf Millionen weniger Beschäftigte und im Durchschnitt arbeitete man etwa zwei Stunden länger pro Woche. Das freiverfügbare Einkommen war um 40 Prozent geringer und die meisten Produkte des Alltags, im Vergleich zum Lohn, man glaubt es kaum, teurer als heute.

Die Gleichberechtigung war von Normalität noch deutlich entfernt, im Beruf, an Universitäten oder in der Politik. Wlan gab es nicht und die Kommunikation per Handy war mehr Wunsch als Realität, dafür hieß es am Telefon "Fasse dich kurz – Zeit ist Geld, jede Einheit 23 Pfennig und Ferngespräche nur nach 18 Uhr". Die soziale Stimmung war angespannt und bot eine gefährliche Grundlage für verschiedene rassistisch motivierte Anschläge und Übergriffe, von Hoyerswerda bis Solingen. Die Wirtschaft erlebte nach der Euphorie der Wiedervereinigung einen Abschwung und viele Unternehmen kündigten nach dem Zusammenfall des Ostblocks Personalkürzungen und Einsparmaßnahmen an.

Abwägen lohnt sich

Alleine diese Beispiele zeigen: Es hat sich einiges getan in den letzten 25 Jahren und früher war nicht alles besser – im Gegenteil: Das Leben heute ist besser und sicherer. Und derzeit spricht nichts dagegen, dass sich diese Entwicklung weiter fortsetzt. Rein faktisch besteht also kein Grund, die Zukunft zu fürchten. Warum aber ist die Sorge vor der Zukunft trotzdem so ausgeprägt? Zwei Gründe sind hierfür hauptverantwortlich:

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Man muss nicht immer alles mitbekommen. Diese Einsicht in die Eigenverantwortung kann den Stresspegel reduzieren.

(Foto: imago/Westend61)

Erstens die Quantität von Informationen. Tagtäglich werden wir mit Katastrophen und Hiobsbotschaften konfrontiert: Kriege und Flüchtlingsströme, Politik- und Wirtschaftskrisen, Spaltung der Gesellschaft und Naturkatastrophen, Roboter, die Menschen ersetzen, extreme Ideologien, unfähige Präsidenten. Durch die Informationsflut über alte und neue Medien wird der Eindruck vermittelt, eine Krise jage die nächste und dass wir in extrem schwierigen, unsicheren und schlechten Zeiten leben und leben werden. Nun wäre es zu einfach, den Medien ­– gefangen zwischen Fake News, Einschalt- und Klickzahlendruck – die alleinige Schuld für die Unsicherheit und Zukunftsangst der Bevölkerung zu geben. Zudem wird sich ohnehin langfristig Relevanz und Qualität in der Medienlandschaft durchsetzen.

Für mich liegt die Hauptverantwortung vielmehr bei jedem Bürger selbst. Wir selbst entscheiden darüber, wann wir welche Informationen wie aufnehmen. Statt nur besseren und objektiven Journalismus zu fordern, sollten auch wir uns ausgewählter und kritischer informieren. Selbst in Zeiten, in denen wir 24/7 online sein können und jede irgendwie langweilige Situation mit einem Blick aufs Smartphone kompensieren, lohnt es sich, auszuwählen und abzuwägen. Man muss nicht alles mitbekommen, nicht alles kommentieren und nicht überall dabei sein. Weniger kann tatsächlich mehr sein und am Ende muss sich jeder selbst fragen: Welche Information ist wirklich wichtig für mich und welche eben auch nicht? Dieses würde nicht nur den persönlichen Stresspegel deutlich reduzieren.

Was die Zukunft verspricht

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Prototyp des "Self-driving vehicle" von Google: Neue Technologien sollen dafür sorgen, dass wir mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben haben.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der zweite Grund für den typischen Zukunftspessimismus liegt in der Tatsache begründet, dass man sich schlichtweg vielmehr an positive Vergangenheitsmomente erinnert, als an negative. Dieser Selbstschutz ist dafür verantwortlich, dass wir uns eher an das Wirtschaftswunder als an die 6-Tage-Woche, eher an eine tolle Kindheit und Jugend als an Schläge als Erziehungsmethode und das Züchtigungsrecht von Lehrern sowie eher an Sommer mit Traumwetter als an verregnete Ferien erinnern. (Obwohl Rudi Carrell ja bereits 1975 fragte, wann es denn mal wieder richtig Sommer wird.) Die Vergangenheit wird demnach oftmals glorifiziert und steht in unserer Erinnerung entsprechend für Sicherheit und Konstanz, weniger Komplexität und Entscheidungsdruck, mehr Höhepunkte und eine Art heile Welt.

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Prof Dr Ulrich Reinhardt, Jahrgang 1970, ist Wissenschaftlicher Leiter der "Stiftung für Zukunftsfragen - eine Initiative von British American Tobacco." Er hält eine Professur am Fachbereich Wirtschaft der FH Westküste in Heide.

(Foto: Ulrich Reinhardt)

Was erwartet uns nun aber in der Zukunft? All diejenigen, die mit einer Zeitmaschine ins Unbekannte reisen würden, erwartet ein besseres Leben. Lebenserwartung und Lebensqualität werden weiter steigen. Wir werden Antworten auf gegenwärtige Herausforderungen wie den Klimawandel, Ungerechtigkeit oder Ungleichheiten finden. Die Digitalisierung wird unser Leben nicht negativ revolutionieren und uns arbeitslos machen, sondern wird das Leben optimieren und dafür sorgen, dass wir wieder mehr Zeit für Freunde, für Familie, für Bildung und Hobbys haben. Neue Techniken, vom 3-D-Druck bis zu selbstfahrenden Autos, werden ganz neue Möglichkeiten schaffen, werden Staus und Stress reduzieren, werden den Nutzen statt den Besitz betonen und werden helfen, das Leben gerechter und besser zu machen. Die Bedeutung von zwischenmenschlichen Beziehungen wird zunehmen, Gemeinschaft und Geselligkeit werden eine Renaissance erleben und wir werden uns wieder öfter persönlich miteinander treffen und ausgehen, anstatt nur zu skypen und zu texten, dass wir dieses unbedingt bald mal wieder tun sollten.

Nach fast 20 Jahren wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit der Zukunft, der Gegenwart und der Vergangenheit kann ich daher guten Gewissens versprechen: Die Zukunft wird besser sein als die Vergangenheit. Die Menschheit hat sich stets weiterentwickelt und das Leben hat sich immer verbessert. Dies wird auch zukünftig so sein. Blicken wir daher mit Optimismus auf die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Lernen wir aus der Vergangenheit und gestalten wir die Zukunft gemäß unseren Träumen und nicht unseren Ängsten. Vertrauen wir einander und trauen uns selbst mehr zu.

Oder um es mit den Worten von Victor Hugo zu sagen:

Die Zukunft hat viele Namen.
Für die Schwachen ist sie das Unerreichbare.
Für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte.
Für die Mutigen ist sie die Chance.

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Quelle: ntv.de