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Niedrigwasser hemmt Schifffahrt Warum ist ein Fluss bei Pegel null nicht trocken?

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Bei Emmerich am Rhein sank der Pegel auf einen historischen Tiefstand.

(Foto: picture alliance / Jochen Tack)

Viele Flüsse führen derzeit wenig Wasser, die Rheinschifffahrt steht deshalb unter Druck - und mit ihr die deutsche Wirtschaft. Pegelstände sind plötzlich in aller Munde. Was sagen die aber genau aus und warum ist beim Erreichen des Nullpunkts noch immer Wasser im Fluss?

Kurz vor der niederländischen Grenze, bevor der Rhein in die Waal übergeht, liegt Emmerich. Die Kleinstadt hat in den letzten Tagen einige Berühmtheit erlangt, weil hier ein historischer Tiefstand gemessen wurde: Der Pegel des Rheins sank an der Emmericher Messstelle erstmals unter den Wert von null Zentimetern. Trotzdem fuhren weiter Schiffe auf dem Fluss - auch auf Höhe der Stadt Emmerich.

Ein Pegel von null bedeutet also nicht, dass der Fluss trocken liegt. Was aber sagt der Pegelstand dann darüber aus, wie viel Wasser in einem Fluss fließt? ntv.de erklärt, wie der Pegel gemessen wird, wie der Wert zu verstehen ist und was er für die Schifffahrt bedeutet.

Was ist der Pegelstand?

Statt vom Pegelstand wird offiziell oft auch vom Wasserstand gesprochen. Den definiert die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) auf ihrer Website "Pegel Online" so: "Der Wasserstand ist der lotrechte Abstand eines Punktes des Wasserspiegels über dem Pegelnullpunkt der Pegellatte."

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Ein Wasserstand von null weist auf einen vergleichsweise leeren Fluss hin.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Wasser- oder Pegelstand gibt also an, wie hoch das Wasser an einer bestimmten Messstelle steht. Genauer: Er beschreibt, wie viel Wasser an der jeweiligen Messlatte über dem Nullpunkt liegt. Weil der Nullpunkt aber nicht die tiefste Stelle des Flusses markiert, kann ein Fluss mit einem Wasserstand von null noch sehr viel Wasser führen.

Den Nullpunkt legt der Betreiber der Messstelle dabei nach bestimmten Vorgaben selbst fest. "Die Höhenlage des Pegelnullpunkts ist so zu wählen, dass keine Wasserstände mit negativen Vorzeichen auftreten können", schreibt die Arbeitsgemeinschaft von Bund und Ländern zum Thema Wasser (LAWA) dazu in ihrem "Pegelhandbuch". Üblicherweise liegt der Pegelnullpunkt deshalb etwas niedriger als der niedrigste Wert, der an der jeweiligen Stelle über einen langen Zeitraum gemessen wurde.

Wo wird der Wasserstand gemessen?

Das "Pegelhandbuch" von Bund und Ländern legt fest, dass die Pegel an Stellen angebracht werden sollen, wo das Wasser möglichst an beiden Ufern gleichmäßig fließt und ein stetiges Gefälle aufweist. Flussstellen, an denen das Wasser den Pegel umfließen oder sich zurückstauen könnte, sind demnach nicht geeignet.

Wenn über bestimmte Pegelstände gesprochen wird, geht es vor allem um große Flüsse wie den Rhein oder auch die Oder, die zu Verkehrswegen ausgebaut wurden und dem Bund gehören. Diese "Bundeswasserstraßen" erstrecken sich deutschlandweit über 7300 Kilometer. An diesen Strecken betreiben die 17 regionalen Wasserstraßen- und Schifffahrtsämter gemeinsam ein Netz aus Messstellen, deren Messungen offen zugänglich sind.

Die Pegelstände der Bundeswasserstraßen lassen sich auf der Website "Pegel Online" abrufen. Laut Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) melden die verschiedenen Messstellen den Wasserstand zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Der Großteil der Wasserstände der Binnengewässer werde aber alle acht Stunden online aktualisiert, die Küstenpegel seien in der Regel nicht älter als 30 Minuten.

An welchem Wert orientiert sich die Schifffahrt?

Für die Binnenschiffe ist von zentraler Bedeutung, wie tief der Fluss dort ist, wo sie fahren. Das gibt der Pegelstand aber nicht an. Deshalb orientieren sich die Besatzungen von Frachtschiffen an der "Fahrrinnentiefe". Die allerdings wiederum vom jeweiligen Wasserstand abhängt, wie die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) auf Anfrage von ntv.de erklärt: Der Pegel ist demnach Bestandteil der Berechnung, mit der Kapitäne und Reederinnen die Fahrrinnentiefen für ihre Routen ermitteln.

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Ein Beispiel: Neben Emmerich ist dieser Tage auch die Stadt Kaub am Rhein immer wieder im Gespräch, weil es dort bei wenig Wasser für die Schiffe eng werden kann. Auch hier werden derzeit besonders niedrige Wasserstände gemessen: Aktuell liegt der Pegel in Kaub bei rund 35 Zentimetern.

Wünschenswert wären 78 Zentimeter, bei diesem Wasserstand ist die "Solltiefe der Fahrrinne garantiert", so der WSV. Denn dann liegen genau 1,90 Meter zwischen der Wasseroberfläche und der mittleren Flusssohle. Diese knapp zwei Meter sind die "angestrebte Mindestfahrrinnentiefe" für den Rhein bei Kaub. Derzeit ist die Fahrrinne dort wegen des niedrigen Wasserstands aber nur knapp 1,50 Meter tief. Laut dem Bundesverband der deutschen Binnenschifffahrt kann ein Schiff, das sonst 4000 Tonnen Ladung aufnimmt, den Rhein an dieser Stelle wegen des Niedrigwassers nur mit rund 1000 Tonnen Fracht befahren.

Ab wann können Frachtschiffe nicht mehr fahren?

Behördliche Fahrverbote gibt es in Deutschland nur bei Hochwasser. Bei Niedrigwasser müssen die Reedereien selbst entscheiden, welches Risiko sie eingehen können und wollen. Andreas Lemme, Geschäftsführer der HGK Dry Shipping GmbH, erklärt im Gespräch mit ntv.de: "Da gibt es keinen elektronischen Anzeiger, letztendlich sind das Faustformeln, nach denen man entscheidet." Und Erfahrungswerte. Denn es gilt verschiedenste Faktoren zu bedenken. Wenn der Pegel derart niedrig sei wie zurzeit, könne selbst die Größe der Schiffsschraube einen Unterschied machen. "Manche bringen bei Niedrigwasser einen kleineren Propeller an", sagt der Reeder.

Auch in welchen Hafen ein Frachter fahre, beeinflusst laut Lemme, wie viel das Schiff laden kann. Manche Häfen würden öfter ausgebaggert als andere, bei Niedrigwasser könne das einen Unterschied machen. Lemmes Unternehmen fährt vor allem auf dem Rhein. Morgens werfen er und sein Team einen Blick auf die gemessenen Pegelstände: "Kommt Wasser, bleibt der Pegel gleich oder sinkt er?" Wenn im Bodensee oder im Oberrhein die Wasserstände steigen, "dann kann man gut 10 oder 20 Zentimeter mehr laden", rechnet er vor.

Solche Entscheidungen bespreche man gemeinsam mit den verantwortlichen Schiffsführern, erzählt Lemme. Denn die Person am Steuer sei gerade bei Niedrigwasser ein wichtiger Faktor: "Ein Kapitän, der schon 20 Jahre auf dem Fluss fährt, der kennt jeden Strauch und jede Untiefe!" Und darf sich deshalb laut Lemme auch mehr Last zutrauen als jemand mit weniger Erfahrung.

(Dieser Artikel wurde am Samstag, 20. August 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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