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Feuerstoß im Gehirn Warum lösen Bilder Epilepsieanfälle aus?

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Für die Betroffenen wird "Stimulusvermeidung" empfohlen - also etwa kein Stroboskop-Licht im Club.

(Foto: picture alliance / dpa)

Flackerndes Licht im Club ist als Gefahr für Epileptiker bekannt. Doch auch bestimmte normale Fotos können Anfälle zur Folge haben. Forscher finden nun die Gründe heraus. Sie halten es für möglich, dass auch Migräne auf diese Weise ausgelöst werden kann.

1997 müssen in Japan 685 Menschen mit epileptischen Anfällen ins Krankenhaus, nachdem sie eine bestimmte Folge der TV-Kinderserie "Pokemon" gesehen haben. 2012 sorgt ein weiterer Fall für Aufsehen: Ein Video für die Olympischen Spiele wird von der offiziellen Website entfernt, weil es Anfälle bei Zuschauern auslöst. Sie alle haben hochsensibel auf optische Eindrücke reagiert - mit der Folge eines neuronalen Feuerstoßes im Gehirn.

Dass bestimmte flackernde Bilder in natürlicher Umgebung, bei Fernsehen oder Computerspielen solche Wirkungen auf Menschen mit fotosensibler Epilepsie haben können, ist bekannt. In fast einem Drittel der Fälle sind es jedoch unbewegte Bilder, die einen Anfall triggern.

Wissenschaftler aus den Niederlanden und den USA haben versucht, dem Phänomen auf die Spur zu kommen und sämtliche Fachliteratur dazu gesichtet: Ihre Schlussfolgerung: Eine maßgebliche Rolle dabei spielt die Entstehung von Gamma-Wellen im Gehirn, genauer: im visuellen Kortex, wo optische Reize verarbeitet werden.

Sich wiederholendes Muster in Hirnaktivität

Dora Hermes vom Medizinischen Zentrum der Universität Utrecht und Kollegen beschreiben ihre Funde im Fachblatt "Current Biology": Gamma-Wellen - ein bestimmtes, sich wiederholendes Muster in der Hirnaktivität im Frequenzbereich über 30 Hertz - treten etwa dann auf, wenn empfindsame Menschen ein Bild mit breiten schwarzen und weißen Balken anschauen.

Die Forscher stellten fest, dass die Wellen vor allem beim Betrachten scharf konturierter, kontrastreicher Gittermuster gemessen werden, beim Blick auf Naturszenen oder weich gezeichnete Objekte hingegen nicht. Auch lassen Gamma-Wellen sich offenbar reduzieren, wenn die Kontraste gemildert werden, die Breite der Balken reduziert wird, das Muster vom Gitter zum Karo übergeht.

"Unsere Funde legen nahe, dass es auch beim Bau von Häusern wichtig sein könnte, solche visuellen Muster zu vermeiden, da sie einen Kreislauf in Gang setzen, Unbehagen, Kopfschmerzen oder Anfälle auslösen können", sagt Hermes. Sogar gesunde Menschen würden sich beim Betrachten solcher Bilder oft leicht unbehaglich fühlen. Die Forscher halten es für möglich, dass auch Migräne auf diese Weise ausgelöst werden kann.

Bedeutung der Gamma-Wellen rätselhaft

Seit den 1980er-Jahren untersuchen Neurologen Gamma-Wellen mit Hilfe des EEGs (Elektroenzephalogramm) durch Sensoren auf der Kopfhaut - doch über ihre Bedeutung rätseln sie immer noch. Manche glauben, die Schwingungen seien wichtig für Aufmerksamkeit und neuronale Kommunikation. Bei erfahrenen Meditierenden beispielsweise werden häufig Gamma-Wellen gemessen, ebenso bei Lernprozessen. Andere Forscher halten sie hingegen nur für ein neuronales Nebenprodukt.

Als Nächstes wollen die Neurologen nach weiteren optischen Mustern suchen, die fotosensible Epilepsie auslösen können - indem sie die Reaktionen von gesunden Menschen und Epileptikern vergleichen. Auch ein Vorhersagemodell soll entstehen, welche Bilder oder Szenen am ehesten Gamma-Wellen - und damit möglicherweise Anfälle - triggern.

Fotosensible Epilepsie

Nach Angaben der Forscher leiden zwischen 0,3 bis 3 Prozent der Bevölkerung an fotosensibler Epilepsie. Für Deutschland nennt Hajo Hamer, Leiter des Epilepsiezentrums der Uniklinik Erlangen, für sämtliche Epilepsiefälle einen Anteil von 0,5 bis 1 Prozent. "Nur ein sehr kleiner Teil aller Betroffenen ist fotosensibel." Besonders häufig sind es Teenager, vor allem Mädchen. Im Erwachsenenalter verschwinden die Anfälle meist wieder.

Obwohl die vor Bildschirmen verbrachte Zeit seit Jahren zunimmt, scheint die Zahl der optisch bedingten Epilepsiefälle nicht zu steigen. Allerdings gebe es dazu keine wissenschaftlich fundierten Daten. Für die Betroffenen laute die Empfehlung "Stimulusvermeidung" - also Sonnenbrille beim Autofahren und kein Stroboskop-Licht im Club. Aber auch die Behandlung mit Antiepileptika zeige gute Wirkung.

Quelle: n-tv.de, Andrea Barthélémy, dpa

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