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Forscher entwickeln Plan Wer als Erstes Corona-Impfung erhalten sollte

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Mehr als 170 Impfstoffkandidaten gegen Covid-19 sind derzeit in der Entwicklung.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Noch gibt es keinen verlässlichen Impfstoff gegen Covid-19. Experten gehen aber davon aus, dass dies nur eine Frage der Zeit ist. Doch wenn er da ist - wer soll ihn zuerst verabreicht bekommen? Eine Gruppe von Ethikern hat nun einen Plan entworfen, der manche überraschen dürfte.

Derzeit wird weltweit fieberhaft nach einem Impfstoff gegen Covid-19 gesucht - mehr als 170 Impfstoffkandidaten sind derzeit in der Entwicklung. China und Russland haben bereits die ersten Impfstoffe zugelassen, allerdings bevor diese alle Testphasen durchlaufen haben. Die USA bereiten sich bereits auf die Verteilung von Corona-Impfstoffen ab Ende Oktober vor. Experten glauben, dass ein oder mehrere Kandidaten bis Anfang 2021 in der Europäischen Union zur Verfügung stehen werden. Doch die große Frage ist: Wenn es einen Impfstoff geben wird - wer wird zuerst geimpft? Erst alle Älteren? Oder besser Ärzte und Krankenschwestern? Vorrangig die am stärksten betroffenen Länder oder alle gleichzeitig?

Ein Vorschlag zur Vorgehensweise kommt von einem Team internationaler Ethiker: Im Fachblatt "Science" stellen sie ein dreistufiges Modell vor, das sich vor allem daran orientiert, Todesfälle und die Folgen einer schweren Covid-19-Erkrankung zu verhindern.

Das "Fair Priority" getaufte Modell der 19 internationalen Ethiker um den Mediziner Ezekiel Emanuel von der US-amerikanischen University of Pennsylvania umfasst drei zentrale Werte, die als Leitlinien bei der Impfstoff-Verteilung unter den Ländern gelten sollten: der Nutzen für die Menschen und die Begrenzung von Leid, die Priorisierung von Benachteiligten und die gleiche moralische Sorge für alle Menschen.

Drei Phasen der Impfstoff-Verteilung

Daraus ergibt sich für die Forscher der Fokus auf drei Folgeschäden der Corona-Pandemie: Zunächst müsse es darum gehen, den Tod und dauerhafte Organschäden von Betroffenen zu vermeiden. Der zweite Faktor umfasse die indirekten gesundheitlichen Folgen durch Belastungen des Gesundheitssystems sowie drittens schließlich wirtschaftliche Schäden. Davon leiten die Forscher drei Phasen der Impfstoff-Verteilung ab:

Phase 1. In dieser sollte es vor allem darum gehen, vorzeitige Tode und schwerwiegende gesundheitliche Folgen zu verhindern. Daher sollten für jedes Land die zu erwartenden, vorzeitigen Todesfälle durch Covid-19 mittels Berechnung der "üblichen erwarteten Lebensjahre" ermittelt werden, einer häufig verwendeten globalen Gesundheitsmetrik. Jene Länder, in denen eine Impfstoff-Dosis mehr übliche erwartete Lebensjahre erhalten würde, sollten Priorität bekommen.

Phase 2. Für diese Phase schlagen die Autoren vor, zwei Metriken zum Maßstab zu nehmen, nämlich zum einen die gesamtwirtschaftliche Verbesserung und zum anderen das Ausmaß, in dem Menschen durch eine Impfung von Armut verschont blieben.

Phase 3. In dieser Phase sollten zunächst Länder mit höheren Übertragungsraten priorisiert werden, aber alle Länder schließlich genügend Impfstoffe erhalten, um die Übertragung zu stoppen - was vermutlich voraussetze, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung eine Immunität aufgebaut haben.

Medizinethiker Emanuel und seine Kollegen stellen sich damit gegen andere Vorschläge, denen zufolge etwa zunächst vor allem das medizinische Personal eines Landes oder Angehörige von Hochrisiko-Gruppen wie etwa Ältere geimpft werden sollten. Gerade das medizinische Personal in wirtschaftlich starken Ländern habe oft bereits Zugang zu hinreichend wirksamen Schutzmaßnahmen gegen das Virus, sodass deren Impfung vermutlich keine große Wirkung zeigen würde, heißt es. Darüber hinaus hätten gerade Länder mit niedrigem oder mittlerem Einkommen häufig weniger ältere Einwohner und weniger medizinisches Personal. "Am Ende geben sie den reichen Ländern viel Impfstoff, was nicht das Ziel einer fairen und gerechten Verteilung zu sein scheint", erklärt Emanuel.

Mehr Menschen gleich mehr Impfdosen?

Ebenso lehnen die Autoren den Vorschlag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ab, die Menge der Impfdosen an der Bevölkerungsgröße eines Landes auszurichten. Denn der WHO-Plan lasse außer Acht, so Emanuel, dass die Situation in verschiedenen Ländern unterschiedlich sei: Länder mit ähnlicher Bevölkerungsgröße hätten dramatisch unterschiedliche Todesfall-Zahlen und ökonomische Folgen.

Möglichen Kritikern, die meinen, ethische Maßstäbe seien angesichts des zu erwartenden "Impfstoff-Nationalismus" ohnehin irrelevant, entgegnen die Autoren, dass ihr Modell spätestens dann an Bedeutung gewinne, wenn der R-Wert - die Reproduktionszahl - innerhalb eines Landes unter 1 falle. Das bedeutet, dass ein Infizierter im Mittel weniger als eine weitere Person ansteckt und die Epidemie damit langsam abflaut. Dann gebe es für Regierungen keinen Grund mehr, einen Impfstoff zurückzuhalten. "Wenn eine Regierung die Grenze der nationalen Präferenz erreicht hat, sollte sie Impfstoffe für andere Länder freigeben", schreiben die Autoren.

Schon jetzt ist allerdings zweifelhaft, ob alle Länder nach dieser Maxime handeln würden. So haben etwa die USA angekündigt, sich nicht an der internationalen Impfinitiative Covax zu beteiligen. Covax soll einen weltweiten und fairen Zugang zu einem wirksamen Impfstoff gewährleisten. Die Europäische Union will die Initiative mit Garantien in Höhe von 400 Millionen Euro unterstützen. Gleichzeitig hatte sich die EU-Kommission bereits im Frühjahr auf das Ziel eines "Impfstoffs für alle" verständigt. In diesem Rahmen ist geplant, rund zwei Milliarden Impfstoff-Einheiten bis Ende 2021 von verschiedenen Herstellern gemeinsam einzukaufen, um eben den befürchteten "Impfstoff-Nationalismus" gar nicht erst aufkommen zu lassen.

RKI entwickelt Modell für Deutschland

Innerhalb Deutschlands befasst sich die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut (RKI) mit den ethischen Aspekten der Verteilung eines möglichen Impfstoffs. Dazu gehörten auch Empfehlungen zur Priorisierung bei vermutlich limitierten Impfstoffmengen, heißt es in einer Stellungnahme. Ein Modell zur Bewertung des maximalen Nutzens einer Impfung werde vom RKI derzeit in enger Abstimmung mit der Stiko erarbeitet.

Zu den Unsicherheiten eines solchen Modells gehört die Frage, wie effektiv ein möglicher Impfstoff sein müsste, um die Pandemie wirkungsvoll eingrenzen zu können. "Die Wahrheit ist, dass uns immer noch Informationen für eine genaue Planung und/oder die Ableitung universeller Strategien oder Empfehlungen für Covid-19-Impfungen fehlen", sagt etwa Carlos A. Guzman, Leiter der Abteilung Vakzinologie und Angewandte Mikrobiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig.

So seien beispielsweise der Prozentsatz der infizierten Personen, die schwer an Covid-19 erkranken, sowie die Sterblichkeitsraten je nach lokalen und regionalen Faktoren sehr unterschiedlich, betont Guzman. Darüber hinaus variierten die Immunreaktionen nach einer Infektion zwischen leichten und schweren Covid-19-Infektionen. "Vor allem fehlen uns aber wesentliche Informationen über die Reaktionsfähigkeit, Sicherheit und Effektivität der potenziellen Corona-Impfstoffe."

Quelle: ntv.de, kst/dpa