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Beziehungen, Arbeit, Statussymbole Wie das Internet den Menschen verändert

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Einsam vor dem Bildschirm statt Spieleabend zusammen mit Freunden - das ist oft Realität.

(Foto: picture alliance / dpa)

Dass wir vor nicht allzu langer Zeit ohne E-Mails und Handy ausgekommen sind, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Die Digitalisierung bestimmt das Leben. Sie wirkt sich in den unterschiedlichsten Bereichen aus - auch in der Wahl unserer Freunde.

Die Internetsoziologie ist ein noch sehr junger Wissenschaftszweig. Er beschäftigt sich mit der Entwicklung der Gesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung und diskutiert Fragen von Freiheit und Sicherheit ebenso wie neue Kommunikationswege und Sozialverhalten. Wie die Februar-Ausgabe von "Spektrum der Wissenschaft" berichtet, können die Forscher mittlerweile erste Ergebnisse vorlegen. Am stärksten wirkt sich das Internet demnach auf die Beziehungen der Menschen aus. Doch auch ihr Denken, Reagieren und Lernen wird ein anderes.

Wer in sozialen Netzwerken unterwegs ist, weiß es: Das Internet ermöglicht ein weit gespanntes Geflecht aus Bekanntschaften. Die Hälfte der befragten Harvard-Studenten kann bei Facebook mindestens 130 "Freunde" vorweisen. Das ergab eine repräsentative Stichprobe.

Doch während Freunde früher Teil eines engen sozialen Verbandes waren, bietet das Internet eine Vielzahl lockerer, schwacher Beziehungen. Die können, wie "Spektrum" darstellt, durchaus ihre Vorteile haben: Bei der Jobsuche oder der Markteinführung eines neuen Produktes hatten schon Anfang der 70er Jahre in den USA diejenigen die größten Erfolge, die auf flüchtige Bekanntschaften setzten.

Menschliche Wärme geht verloren

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Da ist die Wärme spürbar. Reine Internet-Freundschauften bieten so was nicht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Und so weit voneinander entfernt sind die meisten Facebook-Freunde gar nicht. Über maximal fünf Ecken kennt jeder jeden. Wer meint, dass die durch digitale Netze geprägte Gesellschaft auseinanderdriftet, irrt also. Sie rückt näher zusammen. Und doch hat die Sache einen Haken: Den lockeren Internet-Freundschaften fehlt es, wie der Bericht darlegt, an menschlicher Wärme. Was eine freundliche Geste, ein Lächeln und eine muntere Stimme in der persönlichen Begegnung ausdrücken, fehlt bei der digitalen Kommunikation. Auf spürbare Zuwendungen müssen Internetfreunde verzichten.

Sie tun allerdings ihr Bestes, um diesen Mangel zu mildern: Sie verteilen ein anerkennendes "like", einen "poke" (Knuff) oder einen "hug" (Umarmung) und sind überhaupt mit dem Einsatz von Emoticons sehr großzügig. Solche Nettigkeiten wirken der gesellschaftlichen Anonymität ein wenig entgegen. Die nämlich nimmt laut "Spektrum" zu. Solidarität in ihrer früher üblichen Form gerät immer mehr ins Hintertreffen. Das verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass manch einer via Internet mehr Worte mit einem Tausende Kilometer entfernten Unbekannten wechselt als im persönlichen Gespräch mit den Nachbarn.

Tatsächlich vermittelt das Internet über große Distanzen eine gewisse Präsenz des anderen - und damit trägt es zu einem Gefühl von Geborgenheit bei. Immer findet man jemanden, der auf die eigene Anfrage antwortet. So bietet das Internet auch "Oasen sozialen Trosts", wie es im "Spektrum"-Artikel heißt. Unzählige Webseiten bieten Plattformen für die eigenen Nöte und Sorgen und die Gelegenheit, Erfahrungen und Tipps auszutauschen. Die direkten menschlichen Beziehungen jedoch verfallen zusehends.

Wer im Internet zum Freund wird, hängt oft auch weniger vom Charakter der jeweiligen Person ab als vielmehr davon, wie nützlich diejenige ist. Im Netz gilt das Motto: "Eine Hand wäscht die andere." Ist der Nutzen nicht mehr gegeben, etwa weil gegenseitige  Empfehlungen und wohlwollende Einträge ausbleiben, versanden die Beziehungen den Studien zufolge schneller als im realen Leben.

Anderes Denken, schnelles Reagieren, leichtes Lernen

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Eingehende E-Mails werden nicht mehr als störend im Arbeitsablauf empfunden. Promptes Reagieren gilt als normal. Komplexe Aufgaben aber leiden darunter.

(Foto: picture alliance / dpa)

Weg von Beziehungen, hin zur Arbeit: Den Arbeitsstil von Führungskräften hat das Internet dem Bericht zufolge bereits tiefgreifend verändert. Heute geht man weniger planmäßig vor. Gern widmet man sich sofort jeder einzelnen der eingehenden E-Mails; sie gelten mittlerweile oft als willkommene Abwechslung. Früher dagegen sah man sie als ärgerliche Unterbrechung und schob sie zunächst gedanklich beiseite.

Das Internet fördert die Bereitschaft und Fähigkeit, aus diversen Kanälen gleichzeitig Information aufzunehmen, sie sogleich einzuordnen und hierarchisch zu gliedern. Eine US-Forscherin bezeichnet den neuen kognitiven Stil als "Hyperaufmerksamkeit". Klingt gut, doch sie hat ihre Nachteile: Das stetige und sofortige  Reagieren führt dazu, dass man sich oft nur kurz einer Sache widmet. Die Tendenz geht dahin, reihenweise Informationsbröckchen zu konsumieren, und das im Schnelldurchlauf. Komplexe Tätigkeiten, die Zeit und Ausdauer erfordern, gehen unter in einer Flut kleiner Dringlichkeiten.

Doch die Informationsflut hat auch ihre guten Seiten: Sie fördert zum Beispiel die Neugier. Das Internet bietet die Chance zur Erkundung eines jeden Themas, das einen gerade interessieren mag. Es ermöglicht prompte Recherchen - in dem Moment, in dem eine Frage aufkommt. Und so kommt es dem Drang, den Dingen auf den Grund zu gehen, sehr entgegen.

Geschicktes Vernetzen imponiert

Letztlich kann das Internet, so das Fazit des "Spektrum"-Berichts, möglicherweise sogar das Menschenbild ändern. Durch die sozialen Netzwerke sind Freundschaften längst keine private Angelegenheit mehr. Man stellt sie zur Schau und punktet mit der Anzahl der Freunde - bis zu einer gewissen Menge jedenfalls. Eine zu große Zahl an öffentlich gezeigten Freunden wird nämlich, Studien zufolge, meist negativ ausgelegt. Sie weckt dann den Verdacht, dass der Nutzer zu unkritisch umgeht mit seinen sozialen Kontakten und einfach jeden zum Freund erklärt. Angesehen ist, wer im Netz zu erlesenen Freundeskreisen gehört. Das Vernetztsein - mit wem und wie vielen? – bestimmt zunehmend den Wert eines Menschen. Besitz hingegen könnte schon bald als Statussymbol ausgedient haben.

Quelle: n-tv.de, asc

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