Politik
Wer offen erzählt, wo er sein Kreuz macht, kann weniger mitteilsame Menschen in eine unangenehme Situation bringen.
Wer offen erzählt, wo er sein Kreuz macht, kann weniger mitteilsame Menschen in eine unangenehme Situation bringen.(Foto: picture alliance / Sebastian Gol)
Samstag, 09. September 2017

"Darüber spricht man nicht": Eigene Wahlentscheidung so intim wie Sex

Die Frage, wen man wählt, halten viele Menschen für ähnlich indiskret wie Fragen zu Sex und Gehalt. Wenn über Wahlen gesprochen wird, dann nicht über das eigene Kreuz auf dem Stimmzettel. Aber warum eigentlich nicht?

"Was wählst Du denn am 24. September?" Wer Kollegen, Freunden oder Nachbarn diese Frage stellt, erhält selten eine klare Antwort: Der Befragte wirkt irritiert, zögert und fühlt sich spürbar unwohl. Das Kreuz auf dem Stimmzettel gehört nach wie vor zu den bestgehüteten Geheimnissen der Deutschen, die Frage danach ist ebenso indiskret wie Fragen zu Sex und Gehalt.

"Das ist eine Intimfrage, darüber spricht man nicht", sagt der Berliner Ethnologe Wolfgang Kaschuba. Das öffentliche Bekenntnis zu einer Partei empfinden viele als Preisgabe eines Stücks Persönlichkeit. Denn mit der Nennung des Parteinamens ist es meist nicht getan. "Man denkt, man müsse erklären und rechtfertigen", sagt Kaschuba.

"Das Wahlgeheimnis bewahrt Menschen davor, in ihrem Wahlverhalten beeinflusst zu werden", sagt der Kommunikationspsychologe Tobias Rothmund von der Universität Koblenz-Landau. "Tabus sind auch ein Schutz. Wir haben die Sorge, bewertet und vielleicht gering geschätzt zu werden."

Früher drohten Repressalien

Die Scheu, sich zur Partei seiner Wahl zu bekennen, sehen die Wissenschaftler auch in der deutschen Geschichte begründet. Die Erinnerung daran, dass Menschen wegen ihrer politischen Meinung unter Druck gesetzt und verfolgt wurden, sei weiter wach. Im Nationalsozialismus galten Andersdenkende und Nichtwähler als "Volksverräter" und mussten Repressalien befürchten. Nach dem Ende des Nazi-Regimes wiederum "fühlten sich viele schuldig, freiwillig oder gezwungen braun gewählt zu haben", sagt Kaschuba.

Der Bundestag wird in freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt, so steht es in Artikel 38 des Grundgesetzes. Seit Einführung des Frauenwahlrechts im Jahr 1918 gilt das Wahlrecht für alle. "Frauenverbände und Gewerkschaften warben damals dafür, dass die Frauen unabhängig von ihren Männern wählen sollen", sagt Kaschuba. "Während der deutschen Teilung betonte die BRD die freie und geheime Wahl angesichts von 99 Prozent Blockwahlstimmen in der DDR."

"Druck, den man nicht möchte"

Zwar drohten heutzutage keine Repressalien mehr, sagt Rothmund. "Viele wollen dennoch ihre Parteienpräferenz nicht offenbaren, um Einflussnahme anders Gesinnter zu vermeiden." Wer offen über sein Kreuz auf dem Stimmzettel spreche, "bringt andere in eine unangenehme Situation". Die Angesprochenen fühlten sich peinlich berührt durch die implizite Aufforderung, sich ebenfalls öffentlich zu bekennen.

Deshalb komme das Thema von vorneherein nicht auf den Tisch. "Das ist eine Art psychologisches Tabu, eine Weiterführung des Gesetzes, dass die Wahl geheim sein muss." Denn sobald jemand über seine Wahlvorliebe spreche, sei auch das Schweigen der Anwesenden entlarvend. "Das ist eine Art von Druck, den man nicht möchte", so der Wissenschaftler.

Unentschlossenheit ist eher Thema

Nach Ansicht Kaschubas ist es zudem nicht mehr "schick" zu sagen, ich wähle CDU oder SPD. Je ähnlicher sich die Parteien in ihren Inhalten werden, desto schwerer falle die Identifikation. "Früher ging es viel mehr um Weltanschauung. Das Bekenntnis zu einer Partei war ein Stück persönliche Identität, um sich in der Gesellschaft zu orten", sagt Kaschuba. Heute sei die politische Landschaft in Deutschland nicht mehr nach politischen Lagern gegliedert, anders als etwa in den USA oder Großbritannien.

"Viele wählen nicht einfach nur eine Partei, sondern machen bestimmte Positionen zum Gradmesser für ihr Verhalten", sagt der Wissenschaftler. Dass etwa in der Flüchtlingsfrage nicht einmal bei CDU und CSU eine einheitliche Position zu finden sei, mache die Entscheidung nicht einfacher. "Das zeigt die hohe Zahl der Unentschlossenen zwei Wochen vor der Wahl", sagt Kaschuba. "Gesprochen wird dann eher über die Schwierigkeit, sich festzulegen, als über das beabsichtigte Wahlverhalten."

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Quelle: n-tv.de

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