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Zwischen Skepsis und Ausdauer Japan auf der Kippe

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Rauch steigt aus dem zerstörten Reaktor 3, der Plutonium enthält.

AP

Mit improvisierten Leitungen, Notstrom-Aggregaten und 30 Wasserwerfern stemmen sich die Einsatzkräfte in Japan gegen den Super-GAU und erzielen kleine Erfolge. Am Samstag soll in Fukushima der Strom wieder fließen. Fachleute in aller Welt bleiben skeptisch. Ministerpräsident Kan schwört derweil sein Land auf einen Neuaufbau ein.

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Auch Meiler 4 ist nicht mehr intakt.

(Foto: dpa)

Der Atomkraftexperte Michael Sailer ist trotz der massiven Anstrengungen der Japaner im Kampf gegen den drohenden Super-GAU höchst besorgt. "Man muss sich vergegenwärtigen, dass wir nicht über einen Reaktor reden, sondern über mindestens drei Reaktoren und vier Brennelemente-Becken, also sieben Anlagen, die dringend Kühlung brauchen", sagte der Geschäftsführer des Öko-Instituts. Selbst wenn es gelänge, bei einem oder zwei davon die Kühlung wieder herzustellen, bedeute das noch lange nicht, dass das bei den anderen gehe. "Ich bin nicht sehr optimistisch."

"Sie müssen alle unter Kontrolle bekommen", betonte Sailer, der auch Mitglied der Reaktorsicherheitskommission der Bundesregierung ist. "Von den Maßnahmen, die jetzt probiert werden, ist keine so, dass sie für alle drei Kerne und alle vier Lager wirkt. Erst wenn alle sieben zur ausreichenden Kühlung kommen, funktioniert es. Mein Glaube daran ist nicht sehr hoch."

Der Kampf steht auf der Kippe

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Kan versucht, sein Volk zu trösten.

(Foto: dpa)

Ministerpräsident Naoto Kan versuchte, seinen Landsleuten Mut zuzusprechen: "Japan als Land wird die Katastrophe überwinden und sich erholen", sagte er mit Tränen in den Augen. "Wir werden Japan neu aufbauen." Als Antwort auf die Katastrophen würden in Japan alle verfügbaren Kräfte gebündelt. Die erste Woche nach Beben und Tsunami habe die Bevölkerung mit Ruhe bewältigt, lobte Kan. Den Opfern und Angehörigen der Opfer drückte er sein Beileid aus. Jeder Einzelne solle jetzt überlegen, was er beitragen könne, um Japan wiederaufzubauen. Auch er selbst werde alle seine Kraft aufwenden, versicherte Kan.

Zu der Lage im Krisen-AKW Fukushima befragt, sprach Kan von einer weiterhin sehr ernsten Situation: Diese erlaube zwar keinen Optimismus. Sie werde aber "in nicht weiter Ferne" unter Kontrolle gebracht.

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Eine aktuelle Luftaufnahme zeigt die zerstörten Blöcke.

(Foto: AP)

Experten in aller Welt sehen aber schwarz. "Wir haben seit 25 Jahren und der Tschernobyl-Katastrophe keine vergleichbare Woche erlebt", sagte William Nuttall von der britischen Universität Cambridge. Dem stellvertretenden Generalsekretär der französischen Atomaufsichtsbehörde (ASN), Olivier Gupta, zufolge bleibt die Situation ernst, da sich der Ausstoß radioaktiver Strahlung fortsetze.

Gefährlichkeit hochgesetzt

Dazu passt, dass die japanischen Behörden die Gefährlichkeit des Störfalls im Atomkraftwerk Fukushima hochstuften. Die Havarie wurde von der Stufe 4 auf die Stufe 5 der internationalen Bewertungsskala Ines eingeordnet. Die Skala bewertet Stufe 4 als einen "Unfall mit lokalen Konsequenzen", Stufe 5 als "Unfall mit weitreichenden Konsequenzen". Nach französischer und amerikanischer Einschätzung ist das Unglück jedoch auf 6 einzustufen. Die höchste Stufe 7 wurde bislang nur einmal erreicht – 1986 bei der Nuklearkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl.

Druck in Reaktor 3 sinkt leicht

Allen Zweiflern zum Trotz stemmen sich die verbliebenen Helfer in den Ruinen des AKW Fukushima 1 weiter gegen den Super-GAU. Sie hoffen, am Samstag die Kühlung des AKW-Wracks wieder in Betrieb nehmen zu können. Die Notkühlung von Reaktor 3 mit großen Mengen Wasser aus der Luft und am Boden wurde nach zwei Tagen zunächst beendet. Der Einsatz von Soldaten und Feuerwehrleuten sei am frühen Samstagmorgen abgeschlossen worden, teilte die Betreiberfirma Tepco mit.

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Wasserpumpen der US-Armee sollen helfen.

(Foto: AP)

Jetzt soll versucht werden, die reguläre Kühlung für die Reaktorblöcke 1 und 2 mit Hilfe einer bereits verlegten Starkstromleitung wieder in Gang zu setzen. Am Sonntag könnten dann die Blöcke 3 und 4 folgen, wie Hidehiko Nishiyama von der Atomsicherheitsbehörde (NISA) mitteilte. Wenn das AKW wieder mit Strom versorgt wird, soll wieder Wasser in die Kühlbecken gepumpt werden können. Über den Zustand der Technik in den teilweise völlig zerstörten Reaktorhallen gab es allerdings keine genauen Angaben.

Der Reaktorblock 3 gilt als besonders kritisch, weil er Plutonium enthält, das zu den gefährlichsten radioaktiven Stoffen gehört. In Block 4 droht das Abklingbecken voll abgebrannter Brennstäbe zu überhitzen und todbringende Strahlung freizusetzen. Die Strahlung in der Umgebung des AKW stieg am Freitag zumindest nicht weiter an. Auch der Druck in der Reaktorkammer von Block 3 ging etwas zurück, wie aus dem jüngsten NISA-Bericht hervorgeht. In den beiden anderen Blöcken aber, die nach dem Erdbeben vor einer Woche automatisch abgeschaltet wurden, zeigen die neuesten Werte eine leicht steigende Tendenz.

Hilfe für "Fukushima 50"

Die Notbesatzung der Atomanlage, in den Medien als "Fukushima 50" bezeichnet, hat inzwischen neue Unterstützung von außen. Fast 140 Einsatzkräfte der Tokioter Feuerwehr versuchten am Freitag mit 30 Spezialfahrzeugen, den besonders gefährlichen Reaktor 3 zu kühlen, der Plutonium enthält. Gleichzeitig setzt der AKW-Betreiber Tepco 120 Atomarbeiter in der Anlage ein. Darunter seien auch erfahrene Spezialisten anderer Stromkonzerne, sagte Sprecher Naoki Sunoda. Was sich genau in der Atomruine abspielt, wird nicht bekanntgegeben. Gerüchte, Tepco setze auch ungelernte, billige Arbeitskräfte ein, weist die Firma vehement zurück.

Die erneuten Kühlversuche seien erfolgreich gewesen, versicherte Regierungssprecher Yukio Edano. Ein Armeesprecher berichtete über Block 3: "Wir haben das Ziel getroffen." Das Wasser soll eine Kernschmelze verhindern. Die Kühlung sei "extrem wichtig", sagte der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Yukiya Amano, in Tokio und sprach von einem "Wettlauf gegen die Zeit". Der durch das Erdbeben verursachte Stromausfall hatte zum Ausfall der Kühlsysteme in den Reaktoren geführt. Werden diese nicht wieder in Gang gebracht, droht eine Kernschmelze und die Freisetzung einer lebensbedrohlichen Menge Radioaktivität.

Regierungssprecher Edano zufolge gelang es bis Freitagnachmittag noch nicht, die Anlage wieder mit Strom zu versorgen. Die Arbeiten machten dennoch "Fortschritte". Gute Nachrichten gab es bereits aus den weitgehend unversehrten Blöcken 5 und 6. Dort sei die Notstromversorgung hergestellt worden, teilte Tepco mit. Wenn die Atomanlage insgesamt besser gekühlt wird, hoffen Experten auf ein allmähliches Abklingen der größten Gefahr.

Kritik an Information und Krisenmanagement

Die IAEA und Amano sehen sich indes angesichts des Krisenmanagements zunehmender Kritik ausgesetzt. Amano versicherte bei seinem Besuch in Japan, im Rahmen des Mandats der Behörde alles Nötige zu tun. Am Montag wolle er den IAEA-Gouverneursrat über seine Erkenntnisse in Japan informieren. Auch die Informationspolitik der japanischen Regierung wird kritisiert.

Roboter aus Deutschland

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Japan hielt für eine Gedenkminute inne.

(Foto: AP)

Deutschland bietet Japan Roboter für den Einsatz im AKW Fukushima an. "Die Geräte stehen bereit", teilte das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit mit. Man warte auf eine Entscheidung der japanischen Atomsicherheitsbehörde, welche Roboter konkret benötigt werden. Japan hatte eine Anfrage an alle IAEA-Mitgliedsstaaten zur Bereitstellung fernlenkbarer Gerätschaften gerichtet. In Deutschland verfügt die Kerntechnische Hilfsdienst GmbH, eine gemeinsame Einrichtung der AKW-Betreiber mit Sitz in Eggenstein-Leopoldshafen bei Karlsruhe, über solche Geräte für den Einsatz bei nuklearen Störfällen. Eine dort erstellte Liste mit Geräten sei der IAEA übermittelt worden, sagte der Ministeriumssprecher. Sobald eine Entscheidung in Japan getroffen und über die IAEA übermittelt sei, könnten die Roboter in kurzer Zeit nach Fukushima geflogen werden.

Strahlungsangaben weiter widersprüchlich

Dank der jüngsten Einsätze sei die Strahlung insgesamt leicht zurückgegangen, teilte der AKW-Betreiber Tepco mit. Die Angaben sind aber umstritten. Europäische Experten berichten, dass die Strahlung wegen der Kühlungsversuche in Zyklen verliefe und insgesamt die Tendenz zum Ansteigen habe. Tepco richtete ein Twitter-Konto ein, unter anderem, um über die Strahlungswerte zu informieren.

Tepco erwägte erstmals öffentlich, das Kraftwerk unter einer Schicht aus Sand und Beton zu begraben. "Es ist nicht unmöglich, die Reaktoren mit Beton zu überziehen", hieß es. Nach der Katastrophe in Tschernobyl wurde ebenfalls mit Sand und Beton eine Deckschicht geschaffen. Vielleicht sei es die einzige Möglichkeit, eine katastrophale Ausbreitung von Strahlung zu verhindern, sagen japanische Ingenieure.

Der Wind am Unglücksreaktor soll zu Beginn kommender Woche in Richtung der Millionen-Metropole Tokio drehen. "Wie weit sich die Radioaktivität dann ausbreitet, kann man aber noch nicht sagen", sagte Christina Speicher vom Deutschen Wetterdienst (DWD).

Unterkühlt und entkräftet

Im Nordosten Japans wurde um 14.46 Uhr - dem Zeitpunkt des Bebens  vor einer Woche - der Toten gedacht. Durch das Beben und die  Tsunamiwelle, die einer japanischen Studie zufolge mindestens 23  Meter hoch war, wurden neuen Angaben zufolge mehr als 6500 Menschen  getötet, 10.300 Menschen werden noch vermisst. Es wird allerdings befürchtet, dass noch weit mehr Menschen der Katastrophe zum Opfer fielen. Es gilt als praktisch ausgeschlossen, dass jetzt noch Opfer lebend aus den Trümmern geborgen werden.

Die Folgen von Erdbeben und Wasserwalze, die steigende Atom-Gefahr und Eiseskälte setzen derweil den Überlebenden der Dreifach-Katastrophe immer heftiger zu. Mindestens 25 Flüchtlinge sind schon gestorben. Sie seien meist alt und total entkräftet gewesen - womöglich wären sie ohne den Kälteeinbruch noch am Leben.

Quelle: n-tv.de, dpa/rts/AFP

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