Auto
Rund um den Nachbau von Porsches erster großer Erfindung, dem Hybridsportwagen Semper Vivus aus dem Jahr 1900, wird die Karriere jenes Mannes aufgezeichnet, der die Entwicklung der deutschen Automobilindustrie wie kein Zweiter prägte.
Rund um den Nachbau von Porsches erster großer Erfindung, dem Hybridsportwagen Semper Vivus aus dem Jahr 1900, wird die Karriere jenes Mannes aufgezeichnet, der die Entwicklung der deutschen Automobilindustrie wie kein Zweiter prägte.
Mittwoch, 28. Februar 2018

Wo Ferdinand die Drähte zog: Die erste Adresse für Porsche-Fans

Normalerweise bestimmt die Geschichte der Herren Laurin und Klement den Tagesablauf im Skoda-Museum. Doch nicht weit von der Wirkungsstätte der beiden Herren hat ein gewisser Ferdinand Porsche einst die Drähte gezogen.

In der Tanvaldská 38 wurde 1875 kein Geringerer als Ferdinand Porsche geboren.
In der Tanvaldská 38 wurde 1875 kein Geringerer als Ferdinand Porsche geboren.

Wien, das Schüttgut bei Zell am See, Gmünd, Wolfsburg und natürlich Stuttgart: Es gibt viele Orte, die man mit dem Namen Porsche verbindet. Doch die Geschichte des Autopioniers beginnt an einem ganz anderen, weithin unbekannten Flecken: in Maffersdorf in Tschechien. Denn hier, eine Stunde entfernt vom Skoda-Stammsitz Mladá Boleslav, wurde am 3. September 1875 vor mittlerweile 142 Jahren in der Tanvaldská 38 kein geringerer als Ferdinand Porsche geboren, sagt Andrea Frydlová. Und sie muss es wissen. Denn als Chefin des Skoda-Museums kümmert sie sich nicht nur um "ihre Gründerväter" Václav Laurin und Václav Klement. Sondern im Auftrag des VW-Konzerns hat sie vor ein paar Jahren das nahezu verfallene Häuschen im heutigen Liberec gekauft, liebevoll renovieren lassen und zu einem Kleinod im Porsche-Kosmos herausgeputzt. Kein Wunder, dass in der eher schmucklosen Einfallstraße mittlerweile 911, Panamera und Cayenne aus aller Herren Länder einfahren.

Von außen sieht das weiße Häuschen mit dem spitzen Giebel und dem penibel gerechten Kiesweg im Vorgarten fast so aus wie damals, als Porsches Eltern Anton und Anna hier ihre Spenglerei hatten. Doch hinter der Fassade ist alles neu, es erinnert nichts mehr an ein Wohnhaus mit Werkstatt, in dem eine achtköpfige Familie gelebt und gearbeitet hat. Und auch wenn natürlich offensichtlich ist, was Ferdinand von Kindheit an buchstäblich angetrieben hat, ist das Geburtshaus kein Auto-Museum.

Keine Oldtimer-Ausstellung

Ein Tablet an die Exponate gehalten, lässt die Informationen fließen.
Ein Tablet an die Exponate gehalten, lässt die Informationen fließen.

Wer Oldtimer sehen will, der fährt besser nach Zuffenhausen. Stattdessen hat Frydlová drei große Räume geschaffen, in denen rund um einen modern interpretierten Esstisch die Familiengeschichte derer zu Porsche aufgedröselt wird. Rund um den Nachbau von Porsches erster großer Erfindung, dem Hybridsportwagen Semper Vivus aus dem Jahr 1900, wird die Karriere jenes Mannes aufgezeichnet, der die Entwicklung der deutschen Automobilindustrie wie kein zweiter prägte.

Hier darf sich die Region Nord-Böhmen als Zentrum der Innovationen feiern. Nicht umsonst wurde die Schiffsschraube dort erfunden, der Druckknopf industrialisiert und die erste Rakete ins All geschossen – selbst wenn sie nur einen halben Meter groß war. Und so luftig, licht und leer die Räume wirken, so voll sind sie mit Informationen und Geschichten. Denn man muss nur die ausliegenden Tablet-Computer an die Exponate halten, dann fließt Treibstoff in die Zeitmaschine im Kopf und die Exponate werden lebendig.

Ein farbenfrohes Bild

Die Dampfmaschine und andere "Spielzeuge" jener Zeit.
Die Dampfmaschine und andere "Spielzeuge" jener Zeit.

So zeichnet Frydlová ein buntes, lebendiges Bild des Technik-Genies und erzählt farbenfroh, wie der junge Ferdinand allen Widernissen zum Trotz seiner Faszination gefolgt ist. Denn eigentlich hätte er Spengler werden sollen wie sein Vater und nach dem frühen Unfalltod seines Bruders Anton die Werkstatt übernehmen. Doch Kabel haben den 14-jährigen offenbar deutlich mehr interessiert als Rohre. So oft er kann schleicht er sich in die ein paar Straßen weiter gelegene Maschinenspinnerei Ginzkey, die weit über Böhmen hinaus bekannt ist und auf ihren mehr als 250 mechanischen Webstühlen später sogar den größten Teppich der Welt für das Waldorf Astoria Hotel in New York webt.

So verfällt Porsche der Faszination für Maschinen und für elektrische Anlagen und auch die vom Vater erzwungene Spenglerlehre kann daran nichts ändern. Heimlich schleicht er sich immer wieder auf den Dachboden und experimentiert dort selbst mit Elektrizität. Wobei das mit der Geheimhaltung so eine Sache ist, wenn plötzlich ein Teenager mit batteriebetriebenen Lampen an den Schlittschuhen über den zugefrorenen Dorfteich saust. Aller väterlichen Strenge zum Trotz zieht Porsche Junior buchstäblich weiter Strippen und findet Rückhalt bei seiner Mutter, die ihm zumindest die Abendkurse für Elektrotechnik an der "K. u. K. Staatsgewerbeschule" im benachbarten Reichenberg, dem heutigen Liberec ermöglicht. Und als eines Tages im Haus in der Hauptstraße 38 wie sonst im ganzen Ort nur bei Ginzkey elektrisches Licht brennt und die erste elektrische Türklingel rappelt, muss auch Porsche Senior klar sein, dass die Spenglerei wohl einen neuen Juniorchef braucht.

Also gibt er unter dem sanften Druck seiner Frau sowie des Fabrikanten und Ferdinand-Förderers Ginzkey irgendwann dem Drängen seines Sohnes nach und lässt den jungen Mann ziehen. Während sein jüngerer Bruder Oskar die Spenglerei übernimmt, geht Ferdinand nach Wien - und der Rest ist Geschichte, die mit Maffersdorf bis auf ein paar gelegentliche Besuche mit spektakulären Prototypen nichts mehr zu tun hat.Kuratorin Frydlová kann damit gut leben. Mag sein, dass Wirken und Werken des Ferdinand Porsche mit anderen Orten und Stätten verbunden sind, räumt sie ein. "Doch das ändert nichts daran, dass die Tanvaldská 38 buchstäblich die erste Adresse im Porsche-Kosmos ist."

Quelle: n-tv.de