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"Oben zart, unten hart" Race Track Training am Sachsenring

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Wer kann, der kann geschmeidig in die Drift.

(Foto: Holger Preiss)

Wer besser werden will, der muss trainieren. Das gilt auch fürs Autofahren. Nun gibt es die unterschiedlichsten Fahrveranstaltungen. n-tv.de hat sich Driving Events von Mercedes mal näher angesehen. Natürlich das Race Track Training.

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Unter- oder übersteuern? Was mache ich wann?

(Foto: Holger Preiss)

Es gibt viele Fahrsicherheitstrainings in Deutschland: Der ADAC bietet sie in den ihm angeschlossenen Zentren an, die einzelnen Autohersteller haben sie im Portfolio. Die Idee ist in der Regel die gleiche: Man möchte Auto- und Motorradfahrern die Möglichkeit bieten, sich auf einem abgeschlossenen Areal Fähigkeiten anzueignen, die im alltäglichen Verkehr lebensrettend sein können. Nun gut, wenn Hersteller solche Termine anbieten, wollen sie natürlich auch das anreisende Publikum für die Marke begeistern oder bei der Marke halten. Denn anders als in der Regel beim ADAC fährt man hier nicht mit dem eigenen Auto, sondern kann - so jedenfalls bei Mercedes - die Palette einer ganzen Baureihe unter die Füße nehmen. Der Vorteil: Man lernt nicht nur die Fahrzeuge kennen, sondern auch, wie unterschiedliche Antriebsarten in Grenzbereichen reagieren.

Den Selbsttest machte der Autor bei einem sogenannten Driving Events von Mercedes am Sachsenring. Selbstredend musste es das Rennstreckentraining sein, denn wo, wenn nicht bei diesem lernt man alles über das Fahren. Aber Achtung! Wie überall im Leben steht auch auf dem Track vor der schnellen Runde die Übung, die Übung und die Übung. Wer also glaubt, er würde hier gleich mit 230 km/h über den Rundkurs geschickt, der irrt. Fakt ist aber, dass der Einstieg in das Fahrtraining tatsächlich mit den C63 S-Modellen beginnt. Ja, genau, das sind die dicken Dinger aus Affalterbach mit dem Kürzel AMG. Unter der Haube bollert ein fetter 4.0 Liter V8 mit 510 PS und einem maximalen Drehmoment von 700 Newtonmetern. Gewaltig!

Bitte nicht die "Häschenhaltung"

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Wenn sich die Pylonen unter dem Auto zusammenschieben, dann hat man die Linie verloren.

(Foto: Holger Preiss)

Noch bevor die Motoren gestartet werden und die Klappen im Astpuff geöffnet sind, gibt es eine Einweisung. Nicht die Warnung vor der zu erwartenden Kraft und dem gigantischen Antritt der Straßen-Boliden, sondern einfach eine schlichte Erklärung zum richtigen Sitzen im Auto. Der Mann, der sehr unterhaltsam darauf hinweist, dass weder die "Häschenhaltung" noch das "Erdbeerkörbchen" oder "Burger King" die richtige Position am Lenkrad für den schnellen Kurvenlauf ist, ist Niklas Stötefalke. Der eine oder andere könnte den Namen schon mal gehört haben, denn Stötefalke ist selbst Rallye-Pilot und fährt für das Team Opel Buschmann. Einer mit Erfahrung und zwar in jeder Hinsicht. Vom Sieg bis zum schweren Rennunfall. Aber das ist Schnee von gestern.

Stötefalke und sein Co-Pilot sind wieder genesen und der 27-Jährige ist nicht nur Fahrtrainer und Rallye-Fahrer, er ist auch ein Unterhaltungstalent. Und genau so geht es mit böllernden V8-Aggregaten zum Rutschhandling-Parcours. Hier soll nicht nur gelernt werden, wie ein Auto unter- oder übersteuert, sondern auch, wie es wieder in die Spur gebracht werden kann. Natürlich sind die AMG-Modelle über alle vier Räder angetrieben, aber der Hauptteil der Kraft geht schon an die Hinterachse, was dazu führt, dass der eine oder andere erstmal die Pirouette probt. Nicht schlimm, denn unter der fachkundigen Anleitung von Stötefalke wird ganz schnell ein sicheres und flottes Umrunden des Parcours daraus.

Last und Lust der Drift

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Wenn das Heck kommt, dann muss es wieder gerade gestellt werden.

(Foto: Holger Preiss)

Was immer wieder für Furore beim Zusehen sorgt, ist die Drift. Also wird die zweite Station des Tages die Kreisbahn mit Gleitfläche. Die Idee ist klar: einfahren, einlenken, Gasstoß, Heck kommen lassen, gegenlenken und mit Gas und Lenkung immer wieder korrigierend durch den Kreis driften. Der beste Querfahrer ist natürlich der, der seine Bahn aus der Seitenscheibe verfolgen kann. Kleinigkeit für die einen, schier unmöglich für andere. Natürlich sind alle Helferlein wie das ESP ausgestellt und die Kennlinien sind auf Race gestellt, was die Kraft der AMG mit voller Wucht ans Heck schickt. Ergo: "Querstellen ist ganz leicht, das Halten sauschwer", denkt der Autor und dreht sich schon wieder im Kreis. Umso erstaunlicher, wenn ein junger Mann von Anfang 20, der noch nie gedriftet ist, Runde um Runde grinsend aus der Seitenscheibe schaut.

Nun wird manch einer anmerken, dass das doch alles nichts mit Race-Training zu tun hat. Nichts ist im Tempolauf schlimmer als ein Quersteher. Die Zeit, die man hier verliert, ist kaum aufzuholen. Aber ganz unwichtig ist das nicht, denn egal, was ich mache, ob driften oder Kurven fahren, die Blickführung muss stimmen. Es geht immer darum, den Kurvenausgang, besser schon die nächste Kehre im Auge zu haben. Und was ist in der Kurve noch wichtig? Das richtige Bremsen, um jenes angesprochene Querstehen zu vermeiden, was einem im Ernstfall die Zeit zersägt oder im Straßenverkehr gegen den stehenden Lkw oder in den Gegenverkehr treibt. So also wird auch das zur Übung und zwar in der legendären "Omega"-Kurve des Sachsenrings.

Die Grenzen der Physik

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Wer richtig bremst, bleibt in der Spur.

(Foto: Holger Preiss)

Dieses Manöver wird aber nicht mehr mit den AMG bewältigt, sondern mit den C-Modellen. Unterschiedliche Motorisierungen, unterschiedliche Typen von Coupé über Limousine bis hin zum Kombi und natürlich unterschiedliche Antriebsarten an Heck oder an beiden Achsen. Hier wird also nicht nur erfahren, wie wichtig das harte Anbremsen und das sanfte Geben eines Lenkimpulses ist, was Stötefalke kurz in "oben zart und unten hart" zusammenreimt, sondern auch, wie sich die schon erwähnten Unterschiede auf das allgemeine Fahrverhalten gerade in Extremsituationen auswirken. Ausbrechen, verziehen, schieben, alles ist möglich, aber alles ist auch kontrollierbar. Natürlich gibt es Grenzen, die die Physik setzt. Wenn die erreicht sind, gibt es nur noch den Abflug. Auch das muss den Teilnehmern bewusst werden.

Den hat es aber beim Driving Events auf dem Sachsenring nicht gegeben. Auch nicht beim anschließenden Training der Ideallinie. Zum einen war Stötefalke als besonnener Instructor davor, zum anderen waren die Teilnehmer talentiert und gelassen genug, dass diese Übung, die mit den Straßenfahrzeugen und den AMG-Boliden gefahren wurde, zur freudvollen Kurvenhatz und nicht zum leidigen Ausflug ins Kisebett wurde. Unterdessen war Petrus aber der Meinung, dass die Art des Trainings zu einfach sei und Grenzbereiche viel schneller erreicht werden müssten. Genau aus diesem Grund ließ er bei drei Grad Celsius einen Regenguss vom Himmel kommen, der die Rennstrecke zur Rutschbahn machte und den Gummi auf den Felgen erstarren ließ.

Lohnt sich das?

"So", hörte man Stötefalke über Funk, "das wäre dann der Moment, wo Lewis Hamilton die Regenreifen bekommt". Die gab es hier nicht, aber auch die mit guter Profiltiefe ausgestatteten Bridgestone Potenza kamen an ihre Grenze. Glücklich, wer jetzt den 4matic fahren durfte. Richtig schlecht ging es denen, die die hecklastigen AMG durch den Regenkurs steuern mussten. In den Kurven schwänzelte das Hinterteil und die Antriebsräder drehten das eine um das andere Mal durch. Ohne die kleinen Helferlein wäre in den Programmen Sport Plus oder Race der Abflug programmiert gewesen. Auf diesem Weg gab es dann wohl auch für die Abgebrühtesten noch einen klitzekleinen Adrenalinkick.

Nun hätten sich die Teilnehmer nach dem verregneten Tag natürlich ärgern können, dass die hier investierten 820 Euro buchstäblich ins Wasser gefallen sind. Dem war aber nicht so. Zwei junge Schweizer zeigten sich am Ende des Trainings sogar so begeistert, dass sie sagten, sie seien ab jetzt Mercedes-Fans, obgleich sie sonst BMW den Vorzug geben würden. Und auch die anderen Probanden erweckten nicht den Eindruck, als würden sie mit dem, was sie auf Grund des widrigen Wetters erlebt hatten, hadern. Natürlich muss man mit Blick auf den Preis sagen, dass das Ganze kein Schnäppchen und beispielsweise ein Angebot vom ADAC deutlich preiswerter ist. Dort reist man für viele Kursen aber auch mit dem eigenen Fahrzeug an, während man bei einem Driving Events die unterschiedlichsten Fahrzeuge gestellt bekommt, die Versicherung inklusive ist und auch der Sprit nicht extra berechnet wird. Und so ein V8 lässt bei einer solchen Veranstaltung unter Hochdruck gerne mal um die 23 Liter Super Plus durch die Endrohre rauchen.

Quelle: n-tv.de

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