Glanz, Gloria, Protz und GedönsMaextro S800 - chinesischer Luxus am laufenden Meter

Früher war die Mercedes S-Klasse auch für die Chinesen das Maß der Dinge. Doch mittlerweile stehen sie offenbar mehr auf lokalen Luxus. Der Maextro S800 verkauft sich daheim deshalb längst besser als das Flaggschiff der Schwaben. Warum eigentlich?
Es ist nur ein Fingerzeig, aber einer, der den Westen das Fürchten lehren könnte. Denn mehr als diese schlichte Geste braucht es nicht, damit sich einem wie von Geisterhand die Tür zu einem Luxuserlebnis öffnet, wie es noch bis vor Kurzem allein von Rolls-Royce, Bentley und Maybach und allenfalls noch von Audi, BMW oder Mercedes geboten wurde. Nur, dass der S800 eben nicht aus Deutschland kommt oder aus England, sondern aus China.
Er ist das automobile Flaggschiff der Human Intelligence Mobility Alliance, die der Elektronik-Giganten Huawei mit einer Handvoll chinesischer Pkw-Hersteller initiiert und an der Spitze dieses Portfolios zusammen mit JAC die Marke Maextro aus der Taufe gehoben hat. Und das mit erstaunlichem Erfolg. Schließlich hat sich der S800 nicht nur binnen weniger als eines Jahres über 10.000 Mal verkauft.
Im Dezember hat er zudem auch die europäische Konkurrenz ausgestochen und war in China erfolgreicher als Porsche Panamera, BMW Siebener und Mercedes S-Klasse zusammen. Das schmerzt in Stuttgart und München. Erst recht, weil China der größte Luxusmarkt der Welt ist.
Mischung aus Glanz und Gloria, Protz und Präsenz
Und man muss gar kein Chinese sein, um den großen Gleiter zu goutieren. Auch Langnasen erliegen der einzigartigen Mischung aus Glanz und Gloria, Protz und Präsenz, Raum und Komfort und digitalem Overkill, mit dem die 5,48 Meter lange Limousine um die jungen RMB-Millionäre buhlt.
Natürlich tragen die Chinesen dabei von außen besonders dick auf: Mit der illuminierten Illusion von Diamantenstaub in den Scheinwerfern und funkelnden Rubinen in den Rückleuchten, mit glitzernden Projektionen auf dem Asphalt und einer auffälligen Zweifarblackierung der kolossalen Karosse lassen sie selbst einen Flying Spur oder einen Ghost dezent wirken und eine S-Klasse sieht daneben fast schüchtern aus - selbst wenn ihr Stern neuerdings leuchtet.
Langstrecken-Komfort nach Airline-Standard
Doch sobald man durch die riesigen Türen in dem bei 3,37 Metern Radstand fulminant geräumigen Fond gleitet, gibt es Langstrecken-Komfort nach Airline-Standard, der treffsicher den globalen Geschmack bedient. Nur dass keiner eine Sicherheitsdurchsage macht und man sich den Tomatensaft selbst aus dem Kühlfach holen muss. Aber wie ganz vorn bei der Lufthansa liegt man in klimatisierten Massageliegen und faltet sich bei Bedarf einen kleinen Schreibtisch aus der Mittelkonsole.
In der Tür steckt ein Handy als Fernbedienung, mit dem man die Rollos schließen, die Sternbilder am LED-gespickten Himmel programmieren oder anstelle einer Trennscheibe eine 40 Zoll große Leinwand zwischen die Sitze spannen kann. Dann wird der Fond je nach Lust und Laune zum Konferenzsaal oder zum Kino auf Rädern.
Einparken im Krebsgang
Zwar spielt die zweite Reihe bei diesem Auto die erste Geige, doch sitzt der Fahrer kaum schlechter. Und während sich die Hinterbänkler in der virtuellen Welt verlieren, nutzt der Chauffeur die praktischen Segnungen der Huawei-Software. Denn natürlich fährt auch der S800 freihändig nicht nur auf der Autobahn oder der Landstraße, sondern bis tief hinein in die Stadt, steuert lässig durch die Rushhour und rangiert sich danach auch noch selbstständig in den Parkplatz. Und zwar in Lücken, in die man sich selbst mit deutlich kleineren Autos kaum trauen würde. Wo die aggressive Hinterachslenkung allein nicht ausreicht, schaltet er einfach auf Krebsgang und rollt seitlich an den Straßenrand.
Bei allem Glanz und Gloria und all dem digitalen Gedöns können oder wollen die Chinesen den Wettbewerb mit dem alten Auto-Adel in einer Disziplin allerdings nicht aufnehmen. Ja, auch der S800 hat eine Luftfederung, schwebt wolkenweich durch das Stadtgewühl von Peking und im Auto ist man der Welt so weit entrückt, als hätte jemand draußen auf Zeitlupe gedrückt und den Ton abgedreht. Doch wenn es um den Antrieb geht, wirkt der S800 fast ein bisschen ärmlich.
Denn wo bei der Konkurrenz acht und bisweilen sogar noch zwölf Zylinder schnurren, knattert hier ein aufgeladener Vierzylinder mit mageren 1,5 Litern Hubraum. Der arbeitet zwar nur als Range Extender, der Strom für die E-Motoren produziert, und steckt obendrein nur gegen Aufpreis unter der Haube, will aber trotzdem nicht so recht zum Luxusanspruch passen. Und dass der S800 mit oder ohne Range Extender 530 oder 863 elektrische PS bietet, ist in Zeiten eines 1.251 PS starken Lucid Air Sapphire oder eines Porsche Taycan Turbo GT mit 1.108 PS eben auch nichts Besonderes mehr. Zumal er selbst im besten Fall 4,3 Sekunden für den Standardsprint braucht und ihm die Elektronik bei 240 km/h den Stecker zieht.
Glanz und Gloria kommen weit vor Geschwindigkeit
Aber erstens darf man in China ja ohnehin nirgends schneller fahren als 120 km/h und zweitens ist der jungen Elite im Reich der Mitte offenbar Lokalpatriotismus wichtiger als Leistung. Glanz und Gloria kommen weit vor der Geschwindigkeit. Und spätestens beim Akku ist der Maextro dann ja wieder voll im Spiel.
Schon die vollelektrische Variante kommt bei 97 kWh auf über 700 Kilometer Reichweite, und obwohl bei der Version mit Range Extender 65 kWh genügen müssen, fährt die im besten Falle mehr als 1.300 Kilometer ohne Stopp, bis in ein paar Minuten nachgetankt und bei 390 kW kaum länger nachgeladen wird.
Ja, das Design trifft vor allem den chinesischen Geschmack, auch weil der S800 vorerst ausschließlich daheim verkauft wird. Aber Ambiente und Ausstattung lassen die Wettbewerber aus der westlichen Welt verblassen und der Antrieb ist zumindest konkurrenzfähig. Und spätestens, wenn es ums Geld geht, ist der Newcomer ohnehin unschlagbar. Los geht es nämlich bereits bei umgerechnet 86.000 Euro und selbst die Top-Version ist mit 124.000 Euro noch ein Drittel billiger als der günstigste Maybach. Von Rolls-Royce oder Bentley ganz zu schweigen.
So wirkt der Maextro S800 weder wie ein Klon seiner Konkurrenten noch wie das Produkt einer langen Tradition. Der Newcomer nutzt das Beste aus allen Welten und hat sich damit zumindest in der chinesischen Ecke des Oberhauses bereits ganz schön breit gemacht. Wenn da bloß mal niemand in Europa den falschen Fingerzeig gibt.