Erste Prototypen-FahrtNoch namenloser neuer Jaguar - fein, schnell, sensationell
Von Patrick Broich, Gaydon
Der große Moment für Jaguar rückt näher: Die Enthüllung eines komplett neu entwickelten Modells, das nicht weniger als eine neue Ära der Marke einläuten soll. Kann die Limousine halten, was das Marketing verspricht? ntv.de ist sie gefahren.
Was haben die da bei Jaguar bloß geraucht? Immer wieder beteuern hochrangige Manager, dass das Serienauto wirklich so kommt, wie das Concept Type 00 aussieht. Nur eben mit vier Türen, ist klar. Eigentlich wollte der Hersteller das Modell ja schon enthüllt haben, aber erstens will gut Ding Weile haben und zweitens ist ja ein bisschen Spannung und Vorfreude auch ganz schön.
Stück für Stück kommen allerdings immer mehr Informationen zum Fahrzeug ans Licht. Und inzwischen gibt Jaguar selbst in bestimmten Abständen Wasserstände durch. Sogenannte Erlkönigjäger haben längst schon Entwicklungsfahrzeuge abgeschossen, die derzeit überall unterwegs sind - selbst in unseren Gefilden, beispielsweise am Nürburgring.
Doch jüngst hatte der Hersteller nach Gaydon geladen, wo er vielseitige und weitläufige Testfacilities unterhält. Genau die richtige Spielwiese, um sich einmal am Steuer des neuen Jaguar auszutoben, dessen Name übrigens auch noch eine ganze Weile unter Verschluss bleiben wird.
Um welche Kategorie Auto handelt es sich überhaupt? Grand Tourer, sagen die Marketingverantwortlichen, und außerdem sprechen sie von einer Höherpositionierung. Höher als die bisherige Oberklasselimousine XJ? Nun ja, was man sagen kann, ohne die genauen Spezifikationen zu kennen, ist, dass die Limousine ein ganz schöner Brocken von Auto ist. Die genauen Abmessungen verraten die Briten noch nicht, aber das Augenmaß müsste schon arg täuschen, wenn hier nicht satt über fünf Meter anlägen.
Was haben Alt und Neu gemein?
Und jetzt darf tatsächlich eingestiegen werden, um die ersten Runden auf dem Testtrack zu absolvieren. Doch einen kleinen Moment dauert es noch, denn das Entwicklungsteam hat dem Autor ans Herz gelegt, zunächst das zu tun, was auch die Ingenieure getan haben bevor und während der Arbeit mit und an der neuen Limousine: ganz viel mit dem historischen Jaguar herumprobieren. Jetzt könnte man sagen, das sei ein wenig naiv, denn was haben schon frühe E-Type oder diverse XJ-Limousinen oder -Coupés aus den 1970er-Jahren mit dem hypermodernen neuen elektrisch angetriebenen Flaggschiff zu tun?
Konstruktiv sicher so ziemlich nichts, aber was die Techniker versuchen können, ist, den Charakter des Neulings an der Philosophie der historischen Vorbilder auszurichten. Interessant dabei ist, dass sich beim XJ sogar bereits die Serie II eklatant von der Serie I absetzt, obwohl die beiden sich optisch massiv ähneln und nur wenige Jahre zwischen ihnen liegen.
In der ersten Zwölfzylinder-Limousine der Marke werkelt die 269 PS starke und 5,3 Liter große Vergaser-Variante des noblen Aggregats, das aber klanglich gar nicht einmal als feiner Gentlemen auftritt, sondern sogar ein bisschen angeraut klingt. Mit dem bloß wenige Jahre jüngeren Einspritzer-Coupé (287 PS) ändern sich Klangbild und Fahrverhalten zum Besseren. Nach dem typisch säuselnden V12-Anlassergeräusch verfällt die Maschine in einen glattgestrichenen Leerlauf. Und beim Hochdrehen mutet der aus den berühmten zwei Benzintanks gespeiste Motor endlich so sämig an, wie man seiner Zylinder-Kaste unterstellt.
Auch das Chassis wirkt hier deutlich steifer, während sich die Serie I vor allem auf den Schlechtwege-Demoabschnitten des Testgeländes doch ganz schön gewunden hat. Auf der freien Bahn pusten beide Ausführungen ordentlich durch und erreichen ohne Mühe 160 km/h und sogar mehr, was ich aus Sicherheitsgründen lasse. Die Bremsen sind schließlich nicht mit denen moderner Autos vergleichbar.
Prototyp fährt seidig und schnell
Nach den Ausfahrten mit den Oldies geht es nahtlos über in den Prototyp. Und so lagen die Pressestrategen mit dem Eventnamen "Spirit of Jaguar" nicht ganz falsch, denn den konnte man ganz sicher erfahren, zumal auch ein seltener E-Type Serie III mit Zwölfzylinder und Viergang-Schaltgetriebe am Start war. Und der fährt sich bis auf die Schwierigkeiten mit den nah beieinanderliegenden Pedalen recht unspektakulär.
Doch welche Erkenntnisse aus den intensiven Probefahrten mit den Klassikern mögen die Techniker bei der Entwicklung des Neuen mitgenommen haben? Vielleicht war es auch mehr die Motivation, ein so komfortables Auto zu bauen wie nur eben möglich. Ehrlich gesagt fühlt sich das noch namenlose Modell tatsächlich ein bisschen himmlisch an, ungefähr so, als sei es irgendwo zwischen BMW i7 sowie Rolls-Royce Spectre angesiedelt. Und zwar nach einem verdammt schweren Wagen, was angesichts 2,7 Tonnen Leermasse auch zutrifft.
Schwerfällig fährt der Brite aber keineswegs, er ist jedoch auch nicht sportlich positioniert, sondern ganz klar auf der Tourer-Seite. Handlich mutet der Riese überdies an dank um sechs Grad eindrehender Hinterräder. Entwarnung also bezüglich der Sorge, was im Parkhaus bloß zu tun sei. Und die Luftfederbälge bemühen sich darum, den auf 23-Zoll-Rädern stehenden Luxusliner möglichst flauschig über holprige Pisten schweben zu lassen. Aber bei kurzen Unebenheiten tut sich das Chassis ähnlich schwer wie ein Range Rover.
Range-Rover-Vibes sind es denn auch, die durch den noch verhüllten Innenraum wabern. So schottet der Newcomer seine Passagiere maximal von der Außenwelt ab, das darf man mit Fug und Recht sagen. Aber das Spurtvermögen ist hier schon eine ganz andere Liga als im traditionellen britischen Kraxler. Mit einer allerdings irgendwie seidigen Wucht schieben drei Elektromotoren derart mächtig an, dass es emotional wird. Aber es fühlt sich anders an als in einem Porsche Taycan, weniger direkt, weniger stramm auch. Dennoch eilen die Zahlen auf dem Digitaltacho in Windeseile gen 161 Meilen pro Stunde, was 258 km/h entspricht. Und das wiederum spricht für die typische 250-km/h-Abregelung.
Ob der elektrische Antrieb auch standfest ist, also seine Leistung zuverlässig abliefert und nicht bereits nach wenigen Beschleunigungsvorgängen abfällt, lässt sich in diesem Kontext freilich nicht klären. Auch mauert Chef-Entwickler Joan Serra Tur bei Nachfragen zur Kühlmethode von Batterie und Motor. Das und auch, ob das Serienmodell so dramatisch-futuristisch aussieht, wie das Concept Type 00 verspricht, wird die Öffentlichkeit im September erfahren, während der Name schon zur Jahresmitte bekanntgegeben werden soll. Mal schauen, ob es eine Überraschung gibt und - falls ja -, wie wild sie wird.