Praxistest

Bodenständig und praktischFord Capri Extended Range im Test - historischer Name, neues Auto

07.01.2026, 08:16 Uhr
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Der Ford Capri geht als adretter Allrounder durch. Sein Tagfahrlicht mit vier LED-Elementen pro Scheinwerfer erinnert an die aktuelle Porsche-Lichtsignatur. (Foto: Patrick Broich)

Ford lässt den historischen Namen Capri seit 2024 wieder aufleben. Gemäß Trend gibt es aber kein emotionales Sportcoupé mehr, sondern ein SUV, das allenfalls mit viel Fantasie sportlich, aber immerhin adrett aussieht. ntv.de ist damit gefahren.

Wer beim neuen Ford Capri einen historischen Bezug finden will, muss ziemlich gründlich suchen. Doch der Hersteller leistet Hilfe: In diversen Werbespots hat er Interessenten oder zumindest Neugierige auf die richtige Fährte gebracht. Es ist die Fensterlinie im Bereich der C-Säule. Diese hat das Designteam nämlich sowohl beim historischen Capri-Coupé als auch beim neuen Capri-SUV-Coupé markant gebogen in das Blech stanzen lassen.

Bisschen mager, um mit einem auf Volkswagens Modularem Elektrobaukasten basierenden Elektro-Allrounder das große Erbe des bis heute gefeierten Ford Capri weiterzuführen, nicht wahr? Der Hersteller hat dafür aber schon genug Spott geerntet. Vor allem von einer Autofahrer-Gruppe, die sowieso eher klassische Autos bevorzugt und um Neuwagen einen großen Bogen macht, insbesondere, wenn sie rein elektrisch fahren.

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Nur die Fensterlinie im Bereich der C-Säule erinnert an den Ur-Capri. Immerhin! (Foto: Patrick Broich)

Sicher, das alles ist Spekulation, solange eine Marketingstudie das Gegenteil bewiesen hätte. Aber wer mit Ende 20 oder selbst Ende 30 einen schicken Familien-Stromer sucht, dürfte den alten Capri automobilsozialisatorisch eher nicht mehr so klar auf dem Radar haben. Und da sollen die alten Hasen ruhig ein bisschen protestieren - dem neuen Modell wird die historische Bezeichnung schon nicht schaden, bloß weil der Vergleich womöglich gar nicht trägt.

Also Befangenheitsmodus ausgeschaltet und in den Capri gesetzt. Vielleicht eine kleine Anmerkung zuvor. Der Capri ist die leicht schicker daherkommende Alternative, für den Fall, dass der bürgerliche Explorer zu profan wirken könnte. Und so gesehen macht der übergroße Kompakte einen ganz guten Job.

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Nicht nur, dass der Capri wenig mit dem historischen Original zu tun hat. Auch die Ähnlichkeit zum Polestar 2 hat Ford Spott eingebracht. (Foto: Patrick Broich)

Capri ist ganz schön groß

Innen dagegen herrscht Gleichstand zwischen Explorer und Capri. Und als positiv darf gewertet werden, dass der Einstieg in seinen Fond exakt gleich gut gelingt wie in den des Explorer. Seine flachere Erscheinung ist ein optischer Trick, denn er fällt mit seinen 4,63 Metern satte 14 Zentimeter länger aus. Die Höhe ist mit 1,63 Metern quasi gleich, es gibt lediglich einen Zentimeter Differenz. Mit den vier schmalen LED-Tagfahrlicht-Elementen erinnert die Front übrigens ein bisschen an den aktuellen Porsche-Style - das dürfte der eine oder andere Interessent ja vielleicht begrüßen.

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Im Capri-Innenraum geht es geräumig zu. Das Display ist riesig und dahinter versteckt sich ein geheimes Fach. (Foto: Patrick Broich)

Die Architektur im Innenraum mutet nüchtern und klar an, mit einem separierten Kombiinstrument vor den Augen des Fahrers nebst üppig dimensioniertem Hochformat-Screen. Ein cooles Gimmick ist das kleine "Geheimfach" hinter dem Bildschirm. Und eine auffällig gestaltete Soundbar hoch oben auf den Armaturen soll für ordentlichen Klang sorgen.

Bei den Sitzen geht Ford trotz Plattformgleichheit einen völlig eigenen Weg. Der mit integrierter Kopfstütze ausgerüstete Sessel fällt etwas straffer aus als bei etlichen segmentgleichen Produkten des Volkswagen-Konzerns und ist ergonomisch gewöhnungsbedürftig. Allerdings entlässt er den Passagier selbst nach langer Fahrt erstaunlich frisch und mit entspanntem Rücken. Man kann jedoch zwischen verschiedenem Mobiliar wählen, hier schadet die eine oder andere Probefahrt mit unterschiedlichen Varianten sicher nicht.

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Das Platzangebot in der zweiten Reihe des Capri geht in Ordnung. (Foto: Patrick Broich)

Beim Fahrwerk hätte es ruhig eine Nummer komfortabler sein dürfen. Hier scheint die Note der alten Ford-Mannschaft durchzuschimmern. Denn die Fahrwerker aus Köln sind schließlich bekannt für Präzision und sportlichen Touch. Dennoch bleibt der Capri im Gesamtbild ein moderater Tourer mit der Fähigkeit, langwellige Verwerfungen sauber zu parieren. Berücksichtigt man noch die großzügigen Platzverhältnisse, darf der Fahrkomfort unter dem Strich als angemessen durchgehen. Gleichzeitig gibt der 2,1-Tonner in zügig gefahrenen Kurven ein agiles Bild ab, was nicht zuletzt dem niedrigen Schwerpunkt geschuldet ist dank Batterie im Fahrzeugboden.

Leistung ist fein, Reichweite könnte besser sein

Und der Antrieb? In diesem Fall tritt der Capri als 286 PS starke Extended-Range-Variante mit 77 kWh (netto) Akkukapazität an. Während man an der Durchzugskraft und Souveränität dieses 545 Newtonmeter potenten Antriebs nun wirklich nichts Schlechtes finden kann (6,4 Sekunden bis 100 km/h), muss man beim Thema Reichweite zumindest eine Sache klarstellen. Wer angesichts der Bezeichnung vermutete, dieser Capri sei ein gleichwertiger Ersatz für einen Diesel - das stimmt so nicht. Allerdings taugt er dennoch als Reiseauto mit knapp unter 400 Kilometern Realreichweite zumindest bei milden Temperaturen.

Um die Batterie wieder auf 80 Prozent zu bekommen, sollte man gedanklich mindestens 30 Minuten einplanen, um keine Enttäuschung zu erleben. Demnach sind die werksangegebenen 28 Minuten für eine Ladung von 10 auf 80 Prozent wirklich nur unter optimalen Bedingungen zu erreichen. Immerhin lässt sich der Akku manuell konditionieren, und im Display wird detailliert eine konkrete Ladeleistungsprognose angezeigt - das gibt es im Wettbewerb selten.

Es ist heutzutage jedoch kaum noch hinnehmbar, dass zwischen unterschiedlichen Motorleistungsversionen bei der Ladeleistung so sehr differenziert wird. Während der Allradler nämlich mit bis zu 185 kW lädt, sind es beim hier besprochenen Hecktriebler bloß 135 kW. Natürlich kommt es auch auf die Ladekurve an und nicht bloß auf den Peak. Aber die Zielrichtung sollten eher 20 statt 30 Minuten sein.

Mit einem Grundpreis von 51.400 Euro ist der Ford Capri Extended Range sicherlich kein absolutes Sonderangebot. Aber man sollte fair bleiben und berücksichtigen, was man für diesen Kurs bekommt. Wer den Vergleich zum Verbrenner aufmacht, muss auch die Motorleistung einkalkulieren. Auf der anderen Seite steht allerdings die eingeschränkte Höchstgeschwindigkeit (180 km/h) und die nachteilhafte Ladeperformance.

Dafür geht die Serienausstattung in Ordnung mit Features wie Rückfahrkamera, schlüssellosem Schließsystem plus aktivem Tempomat. Gegen faire 900 Euro Aufpreis gibt es einen elektrisch einstellbaren Fahrersitz mit Massagefunktion. Darüber hinaus ist dann auch die Lenkradheizung an Bord und der Kölner bietet mehr Stauraum innen.

Apropos Stauraum: Beim Kofferraumvolumen ist der Capri ein richtiger Meister, schluckt knapp 600 Liter Gepäckäquivalent bei aufrecht stehenden Sitzlehnen und 1510 Liter, wenn man sie umklappt. Das ist eine Ansage.

Datenblatt Ford Capri Extended Range

Abmessungen (Länge/Breite/Höhe): 4,63 / 1,87 / 1,63 m

Radstand: 2,77 m

Leergewicht (DIN): 2098 kg

Sitzplätze: 5

Ladevolumen: 572 bis 1510 l

Motorart: eine Elektromaschine

Getriebe: eine Übersetzung, fest

Systemleistung: 286 PS (210 kW)

Antrieb: Hinterradantrieb

max. Drehmoment: 545 Nm

Beschleunigung 0-100 km/h: 6,4 s

Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h

Akkukapazität: 77 kWh (netto)

Maximale Ladeleistung (Gleichstrom): 135 kW

Ladeleistung (Wechselstrom): 11 kW

Verbrauch (WLTP, kombiniert): 13,8 bis 14,8 kWh

kombinierte WLTP-Reichweite: 590 bis 627 km

CO₂-Emission kombiniert: 0 g/km

Grundpreis: Ab 51.400 Euro

Fazit: Der Ford Capri ist für sich genommen ein attraktiver Allrounder mit jeder Menge Platz und ganz ordentlichem Komfort. Leider kommt er unter praxisnahen Bedingungen nicht im Ansatz mit unter 15 kWh je 100 Kilometer aus, denn vor allem der Autobahnbetrieb zehrt an den Akkureserven, selbst bei moderater Fahrweise. Aber das ist ein allgemeines Elektroauto- und kein reines Ford-Thema. Entsprechend schmilzt die Reichweite dahin. Bei der Ladeperformance sollte Ford draufsatteln, allein schon wegen des Wettbewerbs. Ein schlechtes Auto ist der Capri aber mitnichten. Er bietet viel Produkt für den aufgerufenen Kurs und erfreut mit diversen cleveren Gimmicks. Es wäre dem deutschen Ford-Standort und seiner Belegschaft gegönnt, wenn der Stromer ordentlich Absatz fände.

Quelle: ntv.de

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