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Inside Wall Street Party ohne Muppets

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Goldman Sachs hat ein PR-Problem.

(Foto: AP)

Das angeschlagene Image von Goldman Sachs bekommt einen weiteren tiefen Kratzer: Ein scheidender Mitarbeiter schreibt sich in der "New York Times" seinen Frust von der Seele. Er beschreibt eine Bank, die darauf ausgerichtet ist, die Kunden abzuzocken. Die Wall Street bebt.

Goldman Sachs
Goldman Sachs 326,85

Die Wall Street ist in Feierlaune. Der Dow Jones notiert über 13.000 Punkten, und jetzt hat sich auch der S&P-500-Index über eine magische Marke geschoben: nördlich der 1.400 Punkte liegt er so hoch wie seit vier Jahren nicht mehr. Auf dem Weg zu Top-Kursen hat der Markt die Euro-Krise ebenso ignoriert wie die Sorgen der amerikanischen Verbraucher, den Arbeitsmarkt und vieles mehr.

Das neueste Kapitel, das Anleger eigentlich in Scharen vertreiben müsste, sind die Enthüllungen aus dem dunklen Empire von Goldman Sachs. Aus diesem ist der 33-jährige Greg Smith am Dienstag ausgestiegen – und zwar mit einem Donnerknall. Nach zwölf Jahren, in denen er sich zum Executive Director im internationalen Derivate-Geschäft hocharbeitete, kündigte er  per Email an seine Vorgesetzten. Smith schrieb, dass ihm die Atmosphäre in der Firma nicht mehr gefalle, dass er besorgt mit ansehe, wie das Interesse der Firma über das der Kunden gestellt wäre… er schrieb hingegen nicht, dass die New York Times seine Abrechnung mit dem ehemaligen Arbeitsgeber wenige Minuten später drucken würde.

Mit der Dienstagsausgabe der traditionsreichen Zeitung wurde aus dem bislang unbekannten Smith der Held und Anti-Held der Wall Street, der eine längst überfällige Debatte neu angestoßen hat. Man diskutiert (wenn auch nicht zum ersten Mal) über das Verhältnis von Anlegern und Investmentbanken – und es gibt viele, die Smith recht geben. "Wir handeln sehr viel mit Goldman Sachs und wir wissen, dass wir dabei immer vorsichtig sein müssen", schrieb ein Großkunde an Smith. "Wir verstehen ihre Botschaft."

Börsengang änderte Unternehmenskultur

Einige Insider bezeichneten Smith in Online-Kommentaren als "naiv" und meinten, die Verhältnisse bei Goldman Sachs seien offensichtlich gewesen. Dass es dem Unternehmen weniger um das Wohl der Kunden als um die eigenen Gewinne gehe, sei selbstverständlich. Dabei lassen die Kritiker außer acht, dass beides sehr eng zusammengehört. Mehr als hundert Jahre lang hatte sich Goldman Sachs unter Anlegern einen Ruf erworben, sehr persönlich auf Kunden einzugehen und deren individuelle Situation in die Investmentstrategie aufzunehmen.

Das änderte sich Insidern zufolge 1999, als das Unternehmen an die Börse ging und Aktionäre wichtiger wurden als Kunden. Die dürften es wohl problemlos wegstecken, dass sie bei Goldman Sachs intern als "Muppets" – gewissermassen als Deppen – bezeichnet wurden. Sie dürften aber größere Probleme damit haben, dass ihnen, wie Smith schreibt, ganz strategisch Produkte angedreht wurden, die Goldman Sachs loswerden wollte oder von denen die Bank profitieren konnte. Ganz neu ist das natürlich nicht. Schon 2010 wurde das Unternehmen verklagt, weil man gegen die Kunden wettete, und der sensationelle Fall des "fabelhaften" Fabrice Tourre, jenes Traders, der Kunden hochkomplizierte Hypotheken-Derivate andrehte, die letztlich implodierten, hatte Goldman Sachs schon einmel 500 Millionen Dollar Strafe gekostet. Und doch: Mit jedem neuen Fall verliert das traditionsreiche Haus an Ansehen, ziehen sich weitere Kunden zurück – der Vertrauensverlust an der Wall Street ist enorm.

Und dass immer weniger Anleger den Banken und Investmenthäusern vertrauen, das schlägt sich auch im Handel nieder – wenn auch nur auf den zweiten Blick. Steigende Kurse für die Finanzriesen und die Indizes überhaupt können nicht verhüllen, dass das Handelsvolumen an der Wall Street in den letzten Jahren dramatisch eingebrochen ist. Im Schnitt werden an der New York Stock Exchange zur Zeit täglich etwa halb so viele Aktien gehandelt wie vor fünf Jahren. Und der größte Teil dieser Papiere läuft in Hochfrequenzprogrammen, hinter denen keine wahren Käufer mehr stehen. Das heißt: Die Indizes steigen, an der Wall Street ist Partylaune – aber keiner spielt mit.

Das wiederum wirft eine interessante Frage auf: Wie stabil ist eine Rekordrallye, die auf dünnem Volumen aufgebaut ist?

Quelle: ntv.de

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