Kolumnen

Schlechte Zeiten, gute Zeiten Mit anrührenden Pinguinen durch die Krise

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Musikuntermalung zu dieser Kolumne: Camille Saint-Saëns - "Der Schwan"

In Zeiten wie diesen werden Millionen Videos per WhatsApp verschickt, die der Erheiterung dienen sollen. Unserem Kolumnisten hat es ein Film besonders angetan: ein Entdeckungsspaziergang der Pinguine im Aquarium von Chicago.

Vielleicht geht es Ihnen momentan wie mir. Sie hängen daheim rum, wenn Sie Glück haben, nicht in Quarantäne und versuchen, zu arbeiten, sich ein Brot zu schmieren, bei Eurosport die 143. Wiederholung der letzten Etappe der Tour de France von 1971 anzuschauen, Ihren Kindern den Satz des Pythagoras beizubringen, damit sie schlau werden und später helfen, die Welt ins nächste Jahrhundert zu schleppen, bevor wir alle die Reise ins Glück antreten und auf den Mars entschwinden.

Aber es will einfach nicht gelingen. Denn das verdammte Smartphone gibt keine Ruh. Es zeigt permanent an, dass schon wieder eine Whatsapp-Nachricht eingetroffen ist. Man wird dieser Tage regelrecht zugeballert mit Botschaften - und alle feuern mit. Ja, auch ich kann diese Kommunikationswaffe bedienen wie sonst kaum jemand auf der bedrohten Erde. Glauben Sie es mir: Ich schreibe schneller Whatsapp-Nachrichten, als mein Schatten schießen kann. Meine Freunde nennen mich nicht umsonst: Lucky Schmoll.

Dieser Tage treffen auf meinem Smartphone Tausende, Zehntausende, ach was, Hunderttausende Videos, Cartoons oder Fotos ein, von denen der Absender jeweils glaubt, sie amüsierten mich und gäben mir Kraft, die gruselige Zeit mit dem fiesen Virus zu überstehen. Manchmal erfüllen sie ihre Mission, meistens nicht. Allein das Corona-Filmchen von Helge Schneider wurde mir von fünf Leuten zugeschickt - einmal sogar aus Weimar, einer Rentnerstadt der Hochkultur, von der ich bisher glaubte, dass sie noch gar kein Internet hat.

Jedenfalls war unter dem ganzen Quatsch eine Fotomontage, die mich dolle zum Lachen brachte. Das Bild zeigte zwei Delfine, die durch den azurblauen Berliner Landwehrkanal schwammen. Original ist das Wasser so dunkel wie die gesamte Stadt im Winter. Das Foto war herrlich absurd und deshalb köstlich. Natürlich spielte es auf die Delfine an, die - auch sehr witzig - in der Lagune von Venedig "zu sehen" waren. Es war eine Inderin, die diverse Fotos ein bisschen wahllos zusammenstellte und dazu schrieb: "Das hier ist ein unerwarteter Nebeneffekt der Pandemie. Das Wasser, das durch Venedigs Kanäle fließt, ist das erste Mal überhaupt klar. Man kann Fische sehen, die Schwäne sind zurückgekehrt." Wären Schwäne ein Maßstab, müsste Deutschland ein ökologisches Paradies sein.

Schwäne sieht man seit zig Jahren nahe der kleinen Insel Burano, die zu Venedig gehört - und die Delfine schwammen im Hafenbecken von Cagliari auf Sardinien, was nicht minder schön ist, weil das normalerweise nicht mehr passiert. Die Inderin weigert sich, ihren Post zu löschen, da die Likes genauso wunderbar sind wie der Gedanken an eine heile(re) Welt. Sie traf einen Nerv. Wer denkt nicht beim Anblick des sauberen Wassers in den Kanälen von Venedig: Wie schön könnte es auf unserem Planeten sein, wenn … ja, wenn der Mensch nicht wäre. Aber er ist gekommen, um zu bleiben.

Tiere sorgen für seelisches Wohlbefinden, sie sind Trostbringer. Sie werden dafür vom Menschen gebraucht, in gewisser Weise auch missbraucht, wenn er sie zur Schau stellt. Einer dieser furchtbaren Kurzfilme, die ich jüngst als Whatsapp erhielt, zeigte einen Hund, angeblich in China, der - haha, saukomisch - mit Mundschutzmaske für Herrchen auf den Markt ging und "einkaufte". Hach, wie süß, hach, wie witzig. "Ist das nicht niedlich?", wurde ich gefragt. Ich antwortete mit "geht so" und fühlte mich prompt wie ein Spaßverderber.

Doch ein tierisches Video hat es mir angetan, ich habe es mir mehrfach angesehen, weil es mich in der Seele berührte. Aufgenommen wurde es von Mitarbeitern des Shedd Aquariums in Chicago. Es zeigt Pinguine, die das tun, was normalerweise uns Menschen vorbehalten ist: Sie watscheln staunend durch einen Raum voller Aquarien, in denen es wild zugeht. Die Tiere wirken wie Kinder, die die Welt entdecken. Sie wissen gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollen. Ich dachte an Jungen oder Mädchen im Spielzeugladen, denen die Eltern gesagt haben: "Ihr habt den Satz des Pythagoras perfekt gelernt, sucht euch etwas aus."

*Datenschutz

Ein besonders freundlicher Pinguin blickt gebannt einer flinken Robbe (oder so) hinterher. Wäre es ein Comic, würde er sagen: He, was geht denn hier ab? Du bist ja genauso schnell wie wir! Vielleicht vor Aufregung oder Verzückung, ich habe keine Ahnung, wie Pinguine ticken: Jedenfalls kann sich da einer gar nicht entscheiden, was er zuerst näher betrachten soll. Der Pinguin geht auf das linke Aquarium zu, nein, dann doch lieber zu dem rechts davon, blickt auf all die Fische hinter der Scheibe, nein, doch lieber nach links, stopp, wieder nach rechts. Sicher hatte er schön Träume gehabt nach all den aufregenden Erfahrungen.

*Datenschutz

Ich mag die kurzen Videos sehr, weil die Rührseligkeit keine künstlich erzeugte ist. Sie ist echt und authentisch. Der kleine Entdeckungsspaziergang der Pinguine hat etwas sehr Wahrhaftiges. Die Tiere verstellen sich nicht vor der Kamera (wie Influencer und B-Prominente) und machen weder sich noch uns irgendetwas vor. Sie sind, wie sie sind. Das hat mir so gut gefallen, dass ich beschloss: Wenn das fiese Virus besiegt ist, muss ich dringend mal wieder in den Zoo. Bis es so weit ist, schreibe ich den Bestseller: "Das geheime Leben der Pinguine".

Musikuntermalung zu dieser Kolumne: Camille Saint-Saëns - "Der Schwan"

Quelle: ntv.de