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Abschied von einer Legende Adieu, Karl Lagerfeld

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So viel mehr als eine Stilikone: Karl Lagerfeld ist im Alter von 85 Jahren gestorben.

(Foto: picture alliance / Caroline Seid)

Von einem wie Karl Lagerfeld hätte man nie gedacht, dass er stirbt. Sprach doch der Modeschöpfer selbst nie vom Aufhören. Nun ist Karl der Große im Alter von 85 Jahren gestorben. Seine Kreationen, sein Look werden bleiben - seine spitzen Sprüche auch.

Irgendwann ist es einfach so weit, irgendwann stirbt jede Person. Und dann liest oder hört man: Der oder die ist tot. Dann ist man überrascht, betroffen, traurig. Doch es gibt Leute, bei denen rechnet man einfach nicht damit, egal wie betagt sie sind. Karl Lagerfeld wurde immerhin 85, bevor er das Zeitliche segnete, und so richtig überraschend kommt die Nachricht eigentlich auch nicht.

Spätestens, seit er bei der Chanel-Präsentation in Paris Anfang des Jahres nicht mehr die Braut und den Applaus entgegennahm, war klar: Da stimmt etwas nicht. Aber: "Warum sollte ich aufhören zu arbeiten?", blaffte er vor einiger Zeit noch einen Journalisten an, der ihn nach dem R-Wort (Rente) fragte. "Wenn ich aufhöre, dann sterbe ich und dann ist alles vorbei."

Und doch ist er, der König, der Meister, zu dem so etwas Schnödes wie Sterben gar nicht passt - man sieht förmlich, wie er verächtlich die Lippen spitzt und "Pfff" macht - nun von uns gegangen. In einem Krankenhaus soll es passiert sein und eventuell hat ihn sogar der gemeine Krebs dahingerafft. Was sollen wir nur anfangen ohne ihn? Viel vordergründiger noch: Was sollen wir nur anziehen ohne ihn?

Gefürchtet und geliebt

Es war bestimmt nicht einfach mit ihm. Es war aber auch nie einfach für ihn! Er war ein Perfektionist, einer, der die opulentesten Schauen lieferte, die wunderbarsten Kreationen. Bescheidenheit in der Mode war seine Sache nicht. Bescheidenheit als Person - das war schon wieder etwas anderes. War es vielleicht gar nicht so anstrengend, Karl Lagerfeld zu sein? Der Mann war eine Ikone und er bleibt es, denn bereits zu Lebzeiten war klar: Der Modedesigner mit den deutschen Wurzeln, dem speziellen Stil und dem leichten Gelispel war schon lange eine Legende.

Er war keiner, der sich versteckte, aber er hatte auch gerne seine Ruhe, seine Privatsphäre. Es gab immer wieder mal die eine oder andere Person an seiner Seite und wir dürfen davon ausgehen, dass er kein einsamer Mensch war. Es ist anzunehmen, dass er in seinen letzten Stunden nicht allein war. Der Designer, der Katzen liebte und seine "Choupette" zu einem Star machte, war unterhaltsam, hatte Witz - und neben seinem Talent, schöne Dinge zu kreieren, eine unglaublich spitze Zunge. Er wurde gefürchtet und geliebt, er sagte oft das, was andere sich nicht trauten auszusprechen, und bekam dennoch nur selten auf die nicht vorhandene Mütze dafür.

Seine Freunde und Verehrer vermissen ihn schon jetzt. "Er verwandelte mich von einem schüchternen deutschen Mädchen in ein Supermodel", trauert Claudia Schiffer um ihren Förderer. Für sie war Lagerfeld "die einzige Person, die Schwarz und Weiß in Bunt verwandeln konnte. Was Warhol für die Kunst war, war er für die Mode; er ist unersetzlich". Und Wolfgang Joop erklärt ihn zum Europäer der ersten Stunde: "Er ist mit 16 Jahren nach Paris gegangen und hat es geschafft, eine deutsch-französische Brücke zu schlagen. Dadurch ist er eine europäische Figur geworden."

Vom Moppelkarlchen zur "Skinny Bitch"

Einen Mann wie Karl Lagerfeld wird es nie wieder geben. Aus dem Modestudenten aus bestem Hamburger Hause wurde ein fleißiger Designer, der sowohl für Fendi arbeitete als auch für H&M entwarf. Und mit seiner unverwechselbaren Handschrift rettete er das Haus Chanel vor dem Tod durch Spießigkeit.

Seine eigene Linie wurde zunächst nicht ernst genommen, dann zum Trend. Vor allem, als Lagerfeld seinen Stil gefunden hatte: Zu seinem persönlichen Signature-Look gehörten der weiß (gewordene), gepuderte Pferdeschwanz, tief im Nacken gebunden, meist eine große schwarze Sonnenbrille, der steife Hemdkragen, Handschuhe zu jeder Jahreszeit und ein gut sitzender Anzug. Irgendwann hatte eine Art Cola-Light-Diät aus dem moppeligen Wohlstandskarlchen einen schlanken Lagerfeld gemacht, und zwar genau dann, als Kollege Hedi Slimane die Skinny Jeans - ob man das nun mag oder nicht - für den modischen Mann als gesellschaftsfähig ausrief.

Und weil zu "skinny" auch irgendwie die Ergänzung "bitch" gehört, ließ sich Karl Lagerfeld, zumindest an manchen Tagen, nicht lange bitten: Er verteilte, am liebsten ungefragt, Urteile über seine Mitmenschen. "Dicke" und ihre typischen Krankheiten machte er, als Neuschlanker, ab sofort verantwortlich für das Loch in der Sozialversicherung. Er richtete über Sein oder Nichtsein, Instagram-Erfolg oder Absturz, darüber, welches Model angesagt war und welches nicht.

Weit mehr als ein Kleid

Claudia Schiffer zum Beispiel war - immer wieder - angesagt ("Ich liebe Cloooodia"). Heidi Klum ("Heidi who? ….) nicht so. Hatte man seine Gunst ergattert, wich er seiner Neuentdeckung - siehe Kaia Gerber - nicht mehr von der Seite. War er ihrer oder seiner jedoch überdrüssig, fand sich schnell ein Ersatz. Doch irgendwie schaffte er es, dass ihm niemand jemals wirklich lange böse sein konnte! Das liegt sicher daran, dass dieser Mann wirklich etwas konnte. Seine Leidenschaft galt neben der Mode auch der Fotografie und der Architektur; seine Entwürfe, seine Skizzen waren bereits ein großer Teil der Kunst des Karl Lagerfeld.

Ein Genie, werden viele sagen, denn das, was er hinterlässt, geht weit über ein Kleid, und sei es noch so schön, hinaus. Und das würde er selbst auch so sehen, denn: "Meine Devise im Leben ist, es fängt mit mir an und hört mit mir auf." In diesem Sinne - gute Weiterreise, Karl.

Quelle: n-tv.de

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