Unterhaltung

Adieu, MarioMit Herrn Adorf auf dem Weg zum Flughafen

09.04.2026, 14:12 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecEin Nachruf von Sabine Oelmann
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Kurze Pause am 10.12.2023 in der Astor Filmlounge in München bei einer Jubiläumsveranstaltung anlässlich "60 Jahre Winnetou". (Foto: Nicole Giesa)

Mario Adorf war bereits zu Lebzeiten eine Legende, mit einer Aura, wie sie nur wenige umgibt. Adorf war sehr lange fit, körperlich und geistig. Er war außerdem ausgesprochen höflich, seine Nähe wollte man nicht missen. Deswegen hätte ich ihn auch nach Frankreich gefahren und nicht nur bis zum Flughafen.

Am liebsten wäre ich mit ins Flughafengebäude gegangen. Einen Mann, 90 Jahre alt zu diesem Zeitpunkt, den wollte ich nicht allein zum Schalter laufen lassen. Ich hatte bereits diese betüddelnde Art drauf, die man älteren Herrschaften gern angedeihen lässt und die ihnen signalisiert, "das schaffst du auf keinen Fall allein". Ganz anders Mario Adorf: Er hielt mir die Autotür auf, damit ich bequem einsteigen kann. Und er sprang förmlich aus dem Wagen, um sie mir wieder zu öffnen, als wir am BER angekommen waren. Ich müsse nicht mit reinkommen, bedeutete er mir, das würde er gut selbst schaffen, er wolle sich noch ein bisschen umschauen und in ein paar Zeitungen blättern. Er deutete einen Handkuss an, bedankte sich für die Fahrt, und ich stieg wieder in mein Auto, Adorfs Eau de Toilette hing noch schwach auf dem Beifahrersitz.

Er war im Januar 2020 nach Berlin gekommen, weil der Club der Filmjournalisten ihn mit einer Hommage für sein langjähriges Schaffen ehrte. Ausdrücklich wurde in der Ehrung seine inspirierende Kraft erwähnt, die wir nun zu spüren bekamen. An einem der Abende vor der Veranstaltung gehörte ich zu einer kleinen Gruppe, die mit ihm und seiner Frau Monique essen gingen. Er unterhielt den ganzen Tisch, nicht nur mit Anekdoten aus seiner langen Karriere und der einen oder anderen Geschichte über Kollegen, nein, er wollte sehr viel wissen. Was wir arbeiten, denken, wollen, wie wir die Lage im Land einschätzen, die des deutschen Films insbesondere, alles einfach. Mit seiner Frau lebte er schon lange in Frankreich, seine Sicht von außen auf Deutschland, seine alte Heimat (geboren 1930 in Zürich, aufgewachsen in der Eifel) war interessant.  

En passant

Wir sprechen von Anfang 2020, dem Jahr, als so vieles noch in Ordnung schien. Weder das Coronavirus noch Russlands Angriffskrieg waren aktuell, auch der ganze Komplex um Israel-Gaza-Iran war nur im üblichen Sinne bedenklich. Allerdings war Donald Trump Präsident der USA und Angela Merkel befand sich in den letzten Zügen ihrer zu dem Zeitpunkt 15 Jahre währenden Amtszeit als Bundeskanzlerin. Monique, Adorfs Frau, war an dem Abend dabei und verstand vieles, aber die meisten von uns versuchten, ihr Französisch zusammenzukratzen, um sich auch mit der Frau des Künstlers zu unterhalten. Wenn es holperig zu werden drohte, dann übersetzte er, ganz en passant. Er schien den Abend zu genießen, wir hatten so viele Fragen an ihn, zu seiner lebenslangen Karriere und vor allem zu seinen Plänen.

Es war die Zeit "kurz vor Corona", wie man heute so sagt. Diese Phase, diese Pest, sollte seine Pläne leider aufs Heftigste durchkreuzen, denn zu den Filmen, in denen er mitspielen sollte, würde es nicht mehr kommen. Das wussten wir damals noch nicht, hielten, selbst Ende Januar, das Coronavirus für eine weit entfernte Angelegenheit und hockten dementsprechend nah beieinander.

Mario Adorfs Präsenz war einzigartig. Menschen, die mit ihm gearbeitet haben, beschreiben ihn als einen der "alten Schule", einen "der letzten ganz Großen", und als jemanden, der einfach Star-Appeal hatte. Er erhellte den Raum, wenn er eintrat, er blickte wach und klug in die Welt, seine braunen Augen blitzten fast immer interessiert bis verschmitzt. Er wollte auf keinen Fall zu viel Gewese um seine Anwesenheit, genoss dennoch die Aufmerksamkeit.

Ein letztes Mal?

Im Auto, einem höchst intimen Raum, wenn man mit einem anderen Menschen zu zweit darin fährt, den man kaum persönlich kennt, auf dem Weg zum Berliner Flughafen, schaute er immer wieder aus dem Fenster und schien seinen Gedanken nachzuhängen. Am Hotel in Charlottenburg, wo ich ihn abgeholt hatte, verabschiedete er sich höflich vom Hoteldirektor und den Pagen - und immer umwehte ihn diese Aura, dass er alles ganz bewusst in sich aufsog. Als könne er Dinge, Menschen, Orte, zum letzten Mal sehen.

Auf der Fahrt fragt er mich zwischendurch immer wieder nach Persönlichem, ohne dass es neugierig wirkte. Einfach nur interessiert. Er bewunderte, wie leise das Elektroauto fuhr und bemerkte, dass wir uns erst am Anfang dieser Entwicklung befinden, als ich darüber stöhnte, wie schnell man das Ding aufladen müsste und wie lange das jeweils dauerte. Er lächelte. Ein 90-Jähriger hat wohl ein anderes Verhältnis zur Zeit.

Nachdem Mario Adorf dann nach Frankreich zurückgekehrt war, trat erst einmal die große Stille ein. Die Welt schien sich nicht mehr zu drehen. Ende September 2021 ergab sich jedoch eine weitere Gelegenheit, Mario Adorf zu treffen. Corona war offiziell vorbei, er reiste wieder nach Berlin, weil der Sohn seiner engen Freunde Senta Berger und Michael Verhoeven, Simon Verhoeven, den Ernst-Lubitsch-Preis (den Adorf selbst 1974 für "Die Reise nach Wien" erhalten hatte) verliehen bekam. Auch Adorfs Familie, die in Berlin lebt, kam. Bei der Preisverleihung, die ich zu dem Zeitpunkt mitverantwortete, herrschte also eine familiäre Atmosphäre. Wir hätten ihn auch danach am liebsten jedes Jahr wieder eingeladen, seine Gesundheit ließ aber nach, er brauchte mehr Ruhe, hatte schließlich noch andere Projekte und Auftritte, wollte die Zeit mit den engsten Freunden und der Familie genießen, lesen.

Vor seinem 95. Geburtstag letztes Jahr gab er der TV-Illustrierten "Hörzu" ein Interview, in dem er andeutete, seinen Lebenswillen zwischenzeitlich eingebüßt zu haben: "Die Erfahrung, die ich dieses Jahr gemacht habe, war schon sehr negativ", sagte er, und: "Es gab einen Punkt, an dem ich dachte: 'Das langt jetzt.' Da hätte ich eigentlich gerne losgelassen." Seinen Geburtstag feierte er am 8. September 2025 aber dennoch im kleinen Kreis: "Einfach ein schönes Abendessen mit acht, maximal zehn Personen", verriet er.

Verstörend, betörend

Denke ich jetzt an Mario Adorf, dann denke ich an einen Mann voller Würde, einen Mann, den ich mal als Kind gezeichnet habe (sicher in seiner Rolle als Bösewicht Santer bei "Winnetou") und daran, dass ich eine gute Note für dieses Bild bekam. Ich denke an einen aufrechten Mann, einen, der Bösewichten etwas Menschliches gab, und der bei allem Quatsch, den er auch mal gedreht hat, immer seinen wundervollen, leisen Humor durchscheinen ließ. Ich denke an Adorf als Generaldirektor Heinrich Haffenloher in "Kir Royal ("Schimmerlos, ich scheiß’ dich so was von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast!"), und ich denke an ihn in seiner Rolle als Bruno Lüdke in "Nachts, wenn der Teufel kam". So verstörend, so betörend, so eine Bandbreite - das können nicht viele. Ich denke an einen Mann, der trotz seines Könnens nie abhob. Er sagte in einem seiner letzten Interviews, dass er mit sich im Reinen sei und vollkommen "überrascht, so ein hohes Alter erreicht zu haben".

Er habe nicht das Gefühl, dass es noch viel aufzuarbeiten gäbe, sagte er auch. Das tun wir jetzt, indem wir uns bewusst machen, was er uns hinterlässt. Sicher, 95 ist ein stolzes Alter, aber einer wie er wird fehlen.

Im Kopf behalte ich das Bild, wie er sich noch einmal umdreht am Berliner Willy-Brandt-Flughafen, winkt und lächelt, bevor ich aus der "Kiss & Fly"-Zone rausfahre. Natürlich habe ich Mario Adorf kein Bussi zum Abschied gegeben, und natürlich habe ich auch kein Selfie von uns. So einer war er nicht - jedenfalls nicht für mich. Mario Adorf war ein Herr. Gute Reise!

Quelle: ntv.de

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