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Unglaubliches Konzert in der DDR Als Springsteen die Mauer wackeln ließ

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160.000 Karten wurden für das Konzert von Bruce Springsteen in Ost-Berlin verkauft, es dürften doppelt so viele dagewesen sein.

(Foto: imago/BRIGANI-ART)

Am 19. Juli 1988 wird es laut in Ost-Berlin, so laut wie nie zuvor. Superstar Bruce Springsteen ist in der Stadt und die jungen Leute können es nicht fassen. Die SED will so die Unzufriedenen besänftigen - doch das Gegenteil tritt ein.

Es ist ein lauer Sommertag im Juli 1988, als die Berliner Mauer zu wackeln beginnt. Während die Wachsoldaten zwischen den Panzersperren auf dem Todesstreifen ihre Patrouillen laufen, betritt knapp fünf Kilometer entfernt ein US-Amerikaner eine riesige Bühne auf der alten Radrennbahn Weißensee. 300.000, vielleicht 400.000 Menschen aus der gesamten DDR sind gekommen, um ihn zu sehen. Später wird es heißen, es sei das größte Konzert der Geschichte des Staates und der zugehörige Verkehrsstau sei der längste gewesen. Der Mann, der auf der Bühne nun "One, two!" ins Mikrofon schreit, in die Luft springt und in die Saiten seiner abgenutzten Fender Telecaster schlägt, heißt Bruce Springsteen.

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Andrea Beu war damals dabei. Heute ist sie Redakteurin bei n-tv.de.

"Man konnte es gar nicht glauben", erinnert sich die Berlinerin Andrea Beu, die damals eine der 160.000 verkauften Karten ergattert hatte. Einer wie Springsteen in der DDR? Das schien selbst nach vorangegangenen Auftritten von Künstlern wie Bob Dylan, James Brown, Joe Cocker und der Band Depeche Mode kaum möglich. Springsteen war noch eine Nummer größer, er war der wohl größte Rockstar seiner Zeit. Ihren Tagebucheintrag überschrieb Beu damals mit "BRUCE SPRINGSTEEN!!!" und beschrieb den Tag so: "1/4 4 zum Konzert losgegangen, Campinghocker vom Drogisten geborgt, ziemlich voll, 19.00-23.00 Uhr. WAHNSINNS KONZERT, 24 Uhr zu Hause, bis 1 Uhr noch Konzertaufzeichnungen angesehen. Total fertig gewesen, aber glücklich!"

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Erik Kirschbaum ist US-Korrespondent der "L. A. Times" in Deutschland. Er lebt seit Ende der 80er-Jahre in Berlin und hat ein Buch über Bruce Springsteens Auftritt in Berlin geschrieben.

So ging es nicht nur ihr. Zehntausenden, vielleicht Hunderttausenden war es gelungen, ohne Karte auf das Gelände zu gelangen. Die Ordner waren überfordert, die Macht der nachdrängenden Massen war zu groß. Ein Erlebnis, das über den Tag hinausreicht? "Das Springsteen-Konzert in Berlin war ein Mosaikstein auf dem Weg zum Fall der Mauer", glaubt der US-Journalist Erik Kirschbaum. Er hat ein Buch ("Rocking the Wall") über den legendären Abend geschrieben. "Natürlich waren Gorbatschow, Perestroika, die Leipziger Demonstrationen und die Prager Botschaft wichtiger", räumt er im Gespräch mit n-tv.de ein. "Aber dieses Springsteen-Konzert wird bisher von Historikern fast gar nicht wahrgenommen."

Springsteen sollte DDR-Jugend besänftigen

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Der "Boss" spielte rund vier Stunden lang - es war eines der längsten Springsteen-Konzerte überhaupt.

(Foto: imago/BRIGANI-ART)

1988 merkte auch die DDR-Führung, wie unzufrieden die jungen Leute waren. Die Zahl der Ausreiseanträge stieg und stieg. Ein Auftritt eines großen westlichen Rockstars könnte die Jugend beruhigen, argumentierte die DDR-Jugendorganisation FDJ. Und da passte einer wie Springsteen gut - einer, der über einfache Arbeiter sang und als kapitalismuskritisch galt. "Ich hatte kaum eine Platte einer Ostband", erinnert sich Andrea Beu, "die guten sahen wir uns lieber live an". Das Album "Springsteen Live 1975-1985" hatte sie dagegen einem sogenannten Schallplattenunterhalter für etwa ein halbes Monatsgehalt abgekauft.

Die Strategie, mit dem beliebten Rockstar die jungen Leute zu beruhigen, ging nicht auf, ist Kirschbaum überzeugt. Das Konzert habe die Stimmung in der DDR weiter angeheizt, auch wenn das gar nicht Springsteens Ziel gewesen sei. "Es hat die Leute nur noch hungriger gemacht nach mehr Freiheit." Der Geist war aus der Flasche.

Auch für Springsteen selbst war es ein großer Moment. Bis heute erwähnt er gelegentlich die "Show in East-Berlin" als eines seiner denkwürdigsten Konzerte. "Er kam 1981 zum ersten Mal nach Ost-Berlin", erzählt Erik Kirschbaum. "Wie jeder Amerikaner wollte er sehen, wie es hinter der Mauer ist." Er sei fasziniert gewesen von dem Unterschied zum Westteil der Stadt. Dort zu spielen sei zu einem Lebenstraum für ihn geworden, sagt Kirschbaum. Jahrelang wies man Springsteen ab. Bis es am 19. Juli 1988 dann doch so weit war.

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Manche Fans brachten sogar selbstgenähte US-Flaggen mit.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Doch dass er nicht gekommen ist, um der SED zu helfen, macht Springsteen schon mit seinem ersten Song deutlich. Er beginnt das Konzert mit dem Titel "Badlands", den er bislang auf der Tour nur einmal gespielt hatte - und nicht als Opener. Ein klares Statement: Denn darin erzählt er von einem jungen Mann, der sich eingeengt fühlt, frustriert ist und davon träumt, die Kontrolle zu übernehmen. So etwas bekommt man von den Puhdys ("Alt wie ein Baum") nicht zu hören. Da vermutlich kaum jemand auf den Text achtet, ist das aber nicht weiter gefährlich für das Regime.

Bloß nicht die "Mauer" erwähnen

Heikel wird es erst, als Springsteen eine Rede hält. Das hielt er für notwendig, nachdem die FDJ versucht hatte, sein Konzert als Solidaritätsveranstaltung für die Sandinisten in Nicaragua zu präsentieren. Dazu hatten sie große Banner aufgehängt. Springsteen wollte sich nicht vereinnahmen lassen, sein Manager Jon Landau drohte mit Absage. Die Banner kamen wieder weg.

Von seinem westdeutschen Chauffeur Georg Kerwinski ließ sich Springsteen dann ein paar Worte übersetzen. Von einem Zettel liest er während des Konzerts auf Deutsch vor. Er sei nicht für oder gegen eine Regierung gekommen, sondern um Rock'n'Roll zu spielen für die Ost-Berliner. Dann dieser Nachsatz: "In der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren umgerissen werden." Ursprünglich hatte Kerwinski von "Mauern" geschrieben. Das ist knapp fünf Kilometer von der Mauer entfernt aber dann doch zu brisant. Nach einigem Aufruhr hinter der Bühne wurde das in "Barrieren" umgewandelt. Da war selbst der zweite Mann im Staat zufrieden, Honecker-Vertreter Egon Krenz. Der hatte Springsteen hinter der Bühne getroffen und den "Barrieren"-Passus persönlich abgesegnet, wie Kirschbaum sagt.

Springsteen rockt sich durch seine Hits, der Höhepunkt ist dann "Born in the USA". Im Publikum sind selbstgenähte Flaggen des Klassenfeindes USA zu sehen, die Massen singen den Song mit, in dem es um einen frustrierten Vietnam-Veteranen geht. "Es war unglaublich, wie lange der abgerockt hat", erinnert sich Andrea Beu an das knapp vierstündige Konzert, eins der längsten in Springsteens Laufbahn. "Er hätte das gar nicht tun müssen. Wir lagen ihm ja sowieso schon zu Füßen." Doch der "hardest working man in showbusiness" wird seinem Ruf gerecht. "Ich werde nie vergessen, wie er sich einen Eimer Wasser über den Kopf goss und dann noch eine Stunde gespielt hat." Auf dem Weg nach draußen sei das Gedränge so stark gewesen, dass sie den Kontakt zum Boden unter ihren Füßen verlor. "Man hat an dem Abend schon gespürt, dass sich in der DDR etwas tut", sagt Andrea Beu. 16 Monate später fiel die Mauer.

Quelle: n-tv.de

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