Unterhaltung

Wie ein Schweizer Uhrwerk And the Oscar goes to … ach, egal

117525044.jpg

Hingucker des Abends: Melissa McCarthy und Brian Tyree Henry.

(Foto: picture alliance/dpa)

Sie kennen das: Sie wollen ein Bild aufhängen, sind aber zu faul, die Bohrmaschine rauszuholen. Bild samt dünnem Nagel fallen runter. Bild, Wand und Füße kaputt. Und dann: Sie wollen einmal alles richtig machen, und trotzdem - nichts klappt. Welcome to the Oscars 2019!

Es fing schon auf dem roten Teppich an: Da gibt es eine Reihe zum Durchlaufen für die Mittelprominenten und ganz Unbekannten, die gerade mal so reindürfen ins Dolby Theatre. Dann eine für die, die keinen Bock haben auf die ganzen Pressefuzzis, die von Jahr zu Jahr mehr werden mit ihren fetten Mikros, die sie den Stars unter die Nase halten und immer dreistere Fragen stellen ("Wie fühlen Sie sich heute?", "Welchen Designer tragen Sie?").

Und tatsächlich rennen über diese "Fast Lane" dann auch die meisten eilig hinweg. Ja, über diesen kostbaren Stoff, auf dem die Stars früher flanierten, wo sie in der Menge badeten und sich von den Journalisten am Rande pfiffige Fragen stellen ließen. Schauspieler, die früher ihre teuren Kleider, ihren unglaublichen Schmuck und ihre neuen Zähne zeigten, hasten heute schnell in den Saal, um möglichst wenig Kontakt mit der trostlosen Außenwelt zu haben, so der Eindruck.

Die wenigen, die stehenbleiben bei einem solchen Event wie der 91. Oscarverleihung, sind entweder jung, relativ unbekannt und werden, sobald sie einen Goldjungen gewonnen haben, nächstes Jahr auf jeden Fall die "Fast Lane" benutzen. Oder sie sind Verpflichtungen eingegangen und haben das Kleingedruckte nicht gelesen. Oder ihr Agent ist neu und hat sich bequatschen lassen.

Alkohol ist doch eine Lösung

Der Eindruck, der dieses Jahr entstanden ist, ist jedenfalls ein hektischer. Und das Vorurteil, dass Journalisten dem Alkohol mehr als gebührend zugeneigt sind, bestätigt sich, weil die am roten Teppich Agierenden über nichts so viel redeten wie darüber, dass es Tequila en masse gibt. Zum Glück ist auch Bill Kaulitz im Karl-Lagerfeld-Gedenkhemd berichterstattend für die deutschen Zuschauer vor Ort. Der hat tatsächlich etwas erfrischend Unverbrauchtes.

Es fällt dann auch nicht so auf, dass Stars wie Charlize Theron an den Kameras der Deutschen einfach so vorbeiziehen - zu sehr ist man in das eigene Gespräch vertieft. Kaulitz betont derweil, dass auch er auf ältere Damen steht. Seine Favoritin für den Oscar als beste Darstellerin ist Glenn Close, schon allein deswegen, weil sie so einen herrlich güldenen Umhang umgeworfen hat.

Nun - sie wird ihn nicht bekommen. Sondern Olivia Colman, die die durchgeknallte Königin Anne in "The Favourite - Intrigen und Irrsinn" spielt und in ihrer Dankesrede - noch immer in der Rolle? - so viel stottert und vor Freude derart überwältigt ist, dass sie fast keine Worte herausbringt und wenn, dann nur lustige: "Also, ich heule jetzt nicht, das macht mein Mann ja schon." Sie selbst ist überzeugt davon, dass dies ihr einziger Oscar bleiben wird. Falls nicht, dann müssten wir nochmal über das Kleid reden für nächstes Jahr.

Überhaupt: nächstes Jahr! Da freuen wir uns jetzt schon drauf! Zwischendurch war es übrigens vollkommen in Ordnung, wenn man mal eingenickt sein sollte auf dem heimischen Sofa. Denn man hatte NICHTS verpasst! Rein gar nichts.

"Drive-Thru"-Oscarnacht

Nun gut, ich bin nicht eingenickt. Und es ist nicht so, dass ich mich ärgere, aufgeblieben zu sein. Aber an den Ringen unter den Augen werde ich die ganze Woche Freude haben. Und wofür? Dafür, dass "Angst essen Seele auf". Zum Beispiel. Dafür, dass die Erkenntnis, eine gute Choreografie zu schätzen, noch lange nicht bedeutet, dass alles wie am Schnürchen klappen muss, um bloß nichts falsch zu machen. Wir lieben Fehler! Wir lieben Unvorhergesehenes! Davon war rein gar nichts zu spüren in dieser "Drive Thru"-Oscarnacht.

117529886.jpg

Julia Roberts kam mit blonder Mähne und pinker Robe.

(Foto: picture alliance/dpa)

Was war denn da los? Es war wie in einem Film, in dem der Bösewicht hinter der Bühne steht, mit dem Messer am Hals des jeweiligen Kindes oder der Geliebten, und sagt: "Wenn du auch nur eine Emotion zeigst, wenn du dich auch nur ein bisschen zu doll bedankst, wenn ihr die Nominierten mit nur etwas mehr Pfeffer im Arsch als wirklich notwendig verkündet, dann schneide ich ihm/ihr die Kehle durch!" Ja, die Einzigen, die sich ein bisschen Mühe gegeben haben, waren Melissa McCarthy in einem wirklich außergewöhnlichen Kostüm und Brian Tyree Henry - passenderweise für die Vergabe des Preises in der Kategorie "Bestes Kostüm".

Auch, dass Julia Roberts bis zur Unkenntlichkeit in Blond und Pink etwas vortrug - war es gar die Verkündung des besten Films? Gewinner aus dem letzten Jahr hielten kleine Reden für ihre Nachfolger, wirkten aber so, als würden sie denen das Schwarze unter den Nägeln nicht gönnen.

Barbra Streisand erschien ebenfalls. Sie solidarisierte sich mit Spike Lee ("Wir tragen beide gern Mützen und kommen aus Brooklyn"), hatte aber kein warmes Wort für Lady Gaga übrig, die in ihrer Rolle in "A Star Is Born" ja mindestens genauso glänzte wie Barbra 1976. Die ganze Veranstaltung wirkte so, als hätte eine Versicherungsagentur einen Betriebsausflug mit Rollenspielen geplant und alle wussten, dass hinter der Vulva-ähnlichen Bühne ein Buffet aufgebaut war, auf dem langsam die Salami-Brötchen vor sich hin welkten.

Keiner, dem man die Schuld geben kann

Positives gibt es aber auch zu berichten: Die 91. Verleihung der Oscars war schon auch politisch, irgendwie, Schauspieler und Hollywood-Schaffende verschiedenster Herkünfte kamen zu Wort. An manchen Stellen war es, als wäre Tinseltown tatsächlich ein einziges großes Bällebad. Aber wie in jedem Bällebad heißt es sinnbildlich bei den Oscars: "Der kleine Kevin und die süße Seraphina wollen jetzt mal schleunigst von ihren Eltern abgeholt werden!" Und - zack - Abgang von der Bühne.

*Datenschutz

Und ob es tatsächlich ratsam ist, eine Veranstaltung dieser Größe ohne eine*n Gastgeber*in durchzuziehen? Kein roter Faden? Keiner, dem man hinterher die Schuld geben kann? Keiner, der den anderen mal auf den Schlips tritt oder sie durch den laktosefreien Kakao zieht? Hm, lame war das. James Corden und Billy Crystal - wo seid ihr gewesen? Also, Barbara Schöneberger hätte bestimmt Zeit gehabt.

Naja, man darf ja froh sein, dass die "kleineren" Kategorien wie Kostüm oder Schnitt oder Ton nun doch nicht in den Werbepausen abgehandelt wurden. Dafür haben die Hollywoodstars tatsächlich selbst gesorgt mit ihrem Protest. Und dass es Preise für die beste Dokumentation gibt, dafür hat Helen Mirrens Mann gesorgt, verriet sie am Rande des roten Teppichs dann doch noch als eine der wenigen, die mit unseren deutschen Abgesandten gesprochen hat. Steven Gätjen hat sich viel Mühe gegeben, die Stars vors Mikro zu bekommen, und so haben wir wenigstens erfahren, dass er auf die Entertainment-Kollegen zu seiner Rechten nicht gut zu sprechen war, weil die noch Selfies mit Bradley Cooper gemacht haben, während er die Großfamilie zu Donnersmarck nach dem werten Befinden fragte.

Ein Hauch von den Grammys

Modisch war auch nichts so richtig aufregend: Weder hatten die Damen sich abgesprochen, alle nur in einer Farbe aufzutauchen, noch war irgendwas so wirklich daneben. Viel Schleife, viel Farbe, viel Schulter. Im örtlichen Drogeriemarkt allerdings dürfte das Regal mit der dunklen Haarfarbe leer sein und in den Stoffläden muss man in den nächsten Tagen mal Tüll und Samt nachbestellen. Aber sonst? Ach ja, Billy Porter ("Pose") kam im Smoking-Kleid.

Keine Oscars für Deutschland. Wir hätten gern Tom Schilling und Kollegen auf der Bühne gesehen. Pamela Goldammer bekam keinen Preis für ihr Make Up in "Border". Und auch "Of Fathers And Sons" ging in der Kategorie Dokumentarfilm leer aus. Wirklich schade.

*Datenschutz

Gossip des Abends: Bradley Cooper kam mit seiner Lebensgefährtin Irina Shayk. Zu gerne hätte man, dass der "A Star Is Born"-Über-Mann auch im wahren Leben ein Traumpaar mit Lady Gaga abgäbe - aber nichts da: Irina und Gaga saßen nebeneinander in Reihe eins und lächelten sich an.

Das Tollste am Oscar 2019? Dass es eigentlich eine Grammy-Veranstaltung war. Es ging sehr viel um Musik, was natürlich an den nominierten Filmen lag. Und Rami Malek wird zu Recht mit dem Oscar für die beste männliche Hauptrolle bedacht. Sein Freddie Mercury ist wirklich überragend in "Bohemian Rhapsody"; der hoch gehandelte Christian Bale allerdings geht leer aus und auch Glenn Close müsste nun erst einmal 72 werden, um doch endlich diesen Preis mit nach Hause nehmen zu können.

Menstruation-Film wird zum Lacher

Fazit: Es wurde viel geweint in dieser Oscarnacht. Vor Glück. Und vor Wut oder Traurigkeit bestimmt auch, leer ausgegangen zu sein. "Black Panther", "Green Book", "BlacKkKlansman" und "Roma" sind die Gewinner des Abends, "A Star Is Born" und "Vice" irgendwie die Verlierer, obwohl Lady Gaga immerhin für den besten Song ausgezeichnet wird. Es wird viel darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, an Benachteiligte (Einwanderer, Farbige und Frauen) zu denken in den heutigen USA, in denen die nächsten Wahlen quasi vor der Tür stehen.

Dass ein Kurzfilm, in dem es um die weibliche Menstruation geht und der Missstände aufdeckt ("Period. End of Sentence"), für die meisten Lacher bei der Dankesrede der Macherinnen sorgt, ist dann vielleicht bezeichnend für den Abend.

*Datenschutz
*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema