Unterhaltung

Volksbühne, Fäkalien, Finanzen Dercons Abgang - ein "Fiasko wie der BER"

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Nach nur wenigen Monaten im Amt verlässt Intendant Chris Dercon die Volksbühne.

(Foto: dpa)

Die heftig kritisierte Intendanz von Volksbühnen-Chef Chris Dercon findet nach nur wenigen Monaten ein Ende. Das Theater soll vor dem finanziellen Kollaps stehen. Es ist ein Scheitern mit Ansage - und ein Desaster für die Berliner Kulturpolitik.

Die Intendanten der Berliner Theater protestierten nahezu geschlossen. Künstler übten scharfe Kritik. Aktivisten besetzten das Haus. Und vor der Bürotür lag täglich ein Haufen Fäkalien: Die Berufung von Chris Dercon zum Nachfolger von Frank Castorf als Intendant der Volksbühne hat zwei Jahre lang die Kulturszene der Hauptstadt in Atem gehalten. Sie sorgte für Streit, aber auch Häme und Hass.

Nun wird dieser Streit abrupt beendet, nach nicht mal einer Spielzeit: Kultursenator Klaus Lederer und Dercon hätten sich einvernehmlich darauf verständigt, die Intendanz mit sofortiger Wirkung zu beenden, heißt es in einer Mitteilung der Kulturverwaltung. Man sei "übereingekommen, dass das Konzept von Chris Dercon nicht wie erhofft aufgegangen ist und die Volksbühne umgehend einen Neuanfang braucht".

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"Tschüss Chris" - hämische Plakate gegen den Volksbühne-Chef in Berlin.

(Foto: dpa)

Hinter dieser Formulierung steckt nicht nur ein erbitterter Streit um das künstlerische Konzept des Belgiers, der das Haus internationalisieren und das Sprechtheater mit anderen Kunstformen mischen wollte. Laut einem Medienbericht geht es auch ums Geld. Das Theater stehe vor dem finanziellen Kollaps, berichteten RBB, NDR und "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf interne Papiere. So seien etwa von Dercon erwartete Sponsorengelder in Höhe von 1,25 Millionen Euro weitgehend ausgeblieben. Gleichzeitig seien Kartenverkauf und Auslastung des Theaters seit dem Chefwechsel eingebrochen. Auch weniger Vorstellungen als unter Castorf würden die Einnahmen schmälern.

Claus Peymann, der langjährige Chef des Berliner Ensembles, machte die Politik für das Desaster verantwortlich. "Die erwartete Katastrophe ist also eingetreten", sagte er und verwies auf seine Warnungen vor zwei Jahren. Verantwortlich sei aber nicht "der gänzlich überforderte, nette Herr Dercon", sondern der Regierende Bürgermeister Michael Müller und dessen Vorgänger Klaus Wowereit. "Die Zerstörung der Volksbühne ist im kulturellen Bereich das gleiche Fiasko wie die nicht enden wollende Tragikomödie mit dem BER."

Seit seiner Berufung im April 2015 ist Dercon teils hämische Kritik entgegengeschlagen, aus der Kunstszene der Stadt, aber auch aus dem Haus, das er leiten sollte. Lederer, der dem Intendanten selbst skeptisch gegenüberstand, fand in seiner Mitteilung deutliche Worte an manche Kritiker: Es sei ihm wichtig zu betonen, "dass die persönlichen Angriffe und Schmähungen aus Teilen der Stadt gegen Chris Dercon in der Vergangenheit inakzeptabel waren", wird der Linken-Politiker zitiert. Solche Formen der Auseinandersetzung seien unwürdig und entbehrten jeder Kultur.

"Eventbude" statt Traditionsbühne

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Die Berufung Dercons war eine Überraschung. Der 1958 geborene Belgier hatte zwar neben Kunstgeschichte auch Theaterwissenschaften studiert, sich danach aber vor allem als Museumschef in München und London einen internationalen Namen gemacht. In Berlin sollte er erstmals ein Theater leiten.

An der Volksbühne trat er ein schweres Erbe an: Castorf hatte das Haus zwischen 1992 und 2017 zu einer der wichtigsten deutschen Bühnen gemacht, die mehrmals zum "Theater des Jahres" gewählt worden war. Neben Castorf gaben sich Regisseure wie Christoph Marthaler, Christoph Schlingensief und René Pollesch die Klinke in die Hand. Schauspieler wie Henry Hübchen, Sophie Rois, Corinna Harfouch, Birgit Minichmayr, Milan Peschel und Martin Wuttke gehörten zeitweilig zum Ensemble. Das Haus erreichte eine Auslastung um die 75 Prozent - mittlerweile soll sie bei Eigenproduktionen bei 50 Prozent liegen.

Doch es war weniger die Furcht, Dercon könne die großen Fußstapfen Castorfs nicht füllen, weshalb Kritiker gegen ihn auf die Barrikaden gingen. Es war vielmehr das Konzept des neuen Theaterchefs. Dem Belgier wurde vorgeworfen, die Wurzeln der Volksbühne als Sprechtheater kappen und aus einer Traditionsbühne eine "Eventbude" machen zu wollen. Im schlimmsten Falle, so wurde befürchtet, könnte das feste Ensemble durch wechselnde Gastauftritte und einen internationalen Festivalbetrieb ersetzt werden. Kommerzialisierung statt große Kunst also, austauschbare Stars statt Repertoire. Man fühlte sich bestätigt, als Dercon das Haus von "Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz" in das international verständlichere "Volksbühne Berlin" umbenannte.

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"Doch Kunst" - auch die Besetzung des Theaters im September 2017 war eine Reaktion auf Dercon.

(Foto: imago/Seeliger)

Kurz vor seinem Amtsantritt im August 2017 hatte Dercon vor dem Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses noch versichert, keinen radikalen Neustart zu wollen. "Wir sind auf Kontinuität aus", sagte er. Allerdings kündigte er gleichzeitig eine Erweiterung des Spektrums an. Neben dem klassischen Theater sollten auch Tanz, Musik, Kunst, Mode und digitale Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz statfinden. Zudem sollten neue Spielstätten in der Stadt hinzukommen, etwa auf dem Tempelhofer Feld. Die Skepsis blieb: "Herrn Dercon ist es bei seiner Anhörung im Ausschuss nicht gelungen, die Zweifel auszuräumen, ob er seine Aufgabe vertragsgemäß erfüllt", sagte danach die Ausschussvorsitzende Sabine Bangert.

Diese Zweifel waren nicht neu. Mitarbeiter der Volksbühne - sowohl Techniker als auch Darsteller - übten bereits 2016 in einem offenen Brief scharfe Kritik an Dercon, der sich kurz zuvor in dem Haus vorgestellt hatte. "Uns schreckt nicht das Neue", hieß es in dem Schreiben. Aber Dercon fehle jede "konzeptionelle Linie". Er betreibe eine "Schleifung von Identität" und den "Ausverkauf der für uns geltenden künstlerischen Maßstäbe". Mit Sorge sehe man dem Intendantenwechsel entgegen, der als "keine freundliche Übernahme" bezeichnet wurde.

Fäkalien vor der Bürotür

Das war noch gemäßigt formuliert. In sozialen Medien und per Mail gab es heftige Angriffe, unsachliche Kritik und Häme. Als die neue Theaterleitung die Profile auf Facebook und Co. übernahm, folgte ein regelrechter Shitstorm. Vor der Bürotür der neuen Theaterleitung lagen bald täglich Fäkalien. "Das ist keine Form von Kritik, das ist Hass", sagte Dercon dazu. Schließlich wurde auch noch das berühmte "Räuberrad" vor dem Theater, eine Art Wahrzeichen, abmontiert - Castorf hatte es seinem Nachfolger nicht überlassen wollen. Einen Monat nach Beginn seiner ersten Spielzeit folgte die Besetzung der Volksbühne durch Aktivisten. Ein "Anti-Gentrifizierungszentrum" kündigten die Besetzer an. Nach etwa einer Woche wurde das Haus von der Polizei geräumt.

Natürlich gab es auch Unterstützung für Dercon. Manch einer hoffte auf ein vielfältiges, ein weltoffenes Programm. Doch die viele Kritik erschwerten Dercon und seinem Team den Neustart. So gab es Probleme, nach dem Abgang langgedienter Schauspieler wie Sophie Rois ein neues Ensemble aufzubauen. Regisseure, die mit Castorf zusammengearbeitet hatten, zogen ihre Stücke aus dem Repertoire zurück. Statt in den ersten Monaten mit neuen Eigenproduktionen für Aufsehen zu sorgen, musste Dercon auf Gastspiele und Koproduktionen zurückgreifen. Hinzu kamen eigene Fehler: Große, schwammige Ankündigungen wurden nicht erfüllt, blieben unkonkret. Erste Inszenierungen unter seiner Ägide wurden von der Kritik gemischt aufgenommen. Das Engagement von Ex-"Dschungelcamper" Helmut Berger im Dezember wirkte dann eher peinlich als spektakulär.

Kultursenator Lederer, der dem designierten Geschäftsführer der Volksbühne, Klaus Dörr, die kommissarische Leitung des Hauses übertrug, muss nun nicht nur einen neuen Intendanten finden, sondern auch für eine finanzielle Stabilisierung des Hauses sorgen. Die Spielfähigkeit sei gefährdet gewesen, sagte er nach einer Personalversammlung. Zudem muss er den Schaden für die Politik begrenzen. Deren Alleingang bei Dercon darf es nicht noch einmal geben. Obwohl man das der Berliner Kulturpolitik auch zutrauen würde.

Quelle: n-tv.de

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