Unterhaltung

Überschattet von #MeToo-Debatte Die Berlinale macht Ernst

Die 68. Berlinale wird wortlastig: Das Filmfest räumt der "#MeToo"-Debatte über sexuelle Gewalt viel Raum ein. Auf dem roten Teppich könnte derweil ein Musiker glänzen: der britische Songwriter Ed Sheeran.

Ein bisschen beleidigt ist Dieter Kosslick schon. Eigentlich versprüht der 69-jährige Berlinale-Chef gern betont viel Witz. Dieses Jahr werde der Humor jedoch "etwas reduziert", sagt er. "Die Spaßbremsen möchten das ja nicht." Dieser Seitenhieb gilt 79 deutschen Regisseuren, die bekanntlich jüngst in einem offenen Brief forderten, die Berlinale nach der im Mai 2019 endenden Ära Kosslick "programmatisch zu erneuern". Und dann wurde es böse, denn damit ist gemeint: mit einer Persönlichkeit, "die für das Kino brennt". Zu beliebig und diffus, Cannes und Venedig zu sehr unterlegen, scheint ihnen die Filmauswahl der Berlinale, die der schwäbische Direktor zum florierenden Wirtschaftsunternehmen ausbaute. Seit 17 Jahren steht der Schwabe an der Spitze des Festivals und hat ihm als weltweit größtes Publikumsfestival einen guten Ruf verschafft.

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Küsschen Küsschen auch in Berlin.

(Foto: dpa)

Kosslicks Spürnase fürs Kino, seine Vernetzung in der Branche und sein Talent zur Komik haben ihn zur Seele des Festivals mit Hunderten von Stars gemacht. Wenn er bei der Eröffnungsgala Hollywoodgrößen mit seinem Hausmacher-Englisch empfängt und sich im Pingpong mit Moderatorin Anke Engelke in den eigenen Scherzen verheddert, fühlen sich die Stars angekommen. This is Berlinale. Doch jetzt droht das Lebenswerk des Festivaldirektors Schaden zu nehmen. Ende vergangenen Jahres forderten 79 namhafte Filmemacher, darunter die Oscar-Preisträger Caroline Link und Volker Schlöndorff, einen grundlegenden Neufang für das Festival.

Es könnte also ernster werden bei der 68. Berlinale. Stars und Sternchen, überhaupt alle Branchenvertreter, werden den Schampus bei der zehntägigen Dauerparty in der Hauptstadt nicht so unbekümmert wie sonst schlürfen. Denn mit der "#MeToo"-Debatte über Sexismus und sexuelle Gewalt schwebt eine weitere dunkle Wolke über dem Festival vom 15. bis 25. Februar. Die Berlinale preist die ins Programm aufgenommenen Podiumsdiskussionen und Beratungsangebote zu Belästigung und Missbrauch derzeit fast mehr an als die Auswahl für das Bären-Rennen.

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Die Jury: Präsident der Jury Tom Tykwer (M) mit Schauspielerin Cecile de France (l) Fotograf und Direktor des "Filmoteca Espanola" Chema Prado, Produzentin Adele Romanski, Komponist Ryuichi Sakamoto und Filmkritikerin Stephanie Zacharek.

(Foto: REUTERS)

Der rote Faden im Wettbewerb, wie es ihn in sonst etwa mit den starken Frauen oder der Suche nach dem Glück gab, fehlt 2018. Doch es gibt Schwerpunkte, und zu ihnen zählen erneut Flüchtlingsgeschichten. Markus Imhoof schildert in dem außer Konkurrenz laufenden Dokumentarfilm "Eldorado", was mit den Mittelmeerflüchtlingen nach Verlassen der Boote passiert. Stammgast Christian Petzold verlegt den Anna-Seghers-Roman "Transit" über einen im Zweiten Weltkrieg vor den Nazis nach Frankreich fliehenden Deutschen in die Gegenwart. Im Panorama läuft die Dokumentation "Zentralflughafen THF" über die in den Hangars des alten Flughafens gestrandeten Flüchtlinge. Und in "Styx" trifft eine deutsche Ärztin bei einem Segeltörn auf ein Flüchtlingsboot in Seenot.

Ed Sheeran auf dem roten Teppich erwartet

Ungeachtet des Brandbriefes der Filmschaffenden - den Jury-Präsident Tom Tykwer natürlich nicht unterschrieb: Der Wettbewerb mit 24 Beiträgen, davon 5 außer Konkurrenz, verspricht Gutes. Der Norweger Erik Poppe verfilmte mit "Utøya 22. Juli" das Attentat des Rechtsextremisten Anders Breivik, der 2011 in einem Teenagercamp 69 Menschen tötete.

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Kreischalarm-Garantie mit Ed Sheeran

(Foto: dpa)

Steven Soderbergh drehte seinen Psychothriller "Unsane" über eine Frau, die unfreiwillig in der Psychiatrie landet, komplett mit einem iPhone. Gus Van Sant erzählt in dem  biografischen Drama "Don't Worry, He Won't Get Far on Foot" mit Joaquin Phoenix das Leben des nach einer Sauftour im Rollstuhl gelandeten  Cartoonisten John Callahan. In Emily Atefs "3 Tage in Quibéron" spielt Marie Bäumer Romy Schneider.

Neben Petzold und Atef sind zwei weitere deutsche Filme im Wettbewerb: Der im Großmarkt spielende "In den Gängen" von Thomas Stuber und Philip Grönings "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" über die Hassliebe eines Zwillingspaars. Franz Rogowski, einer der European Shootingstars 2018, spielt sowohl in "In den Gängen" als auch in "Transit" mit. Gefühlt gewinnt übrigens oft ein Film, welcher der Presse am Samstag oder Sonntag um 9 Uhr gezeigt wird. Das bedeutet Chancen für das russische Schriftstellerporträt "Dovlatov" oder das französische Drama "The Prayer" über einen drogensüchtigen Priester.

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"Isle of Dogs - Ataris Reise" eröffnet den Reigen.

(Foto: dpa)

Ein Coup für den roten Teppich ist mit Willem Dafoe gelungen. Der US-Schauspieler, Oscar-nominiert als bester Nebendarsteller in "The Florida Project", bekommt den Goldenen Ehrenbären. Kosslick hofft zudem, dass der zuverlässig Kreischalarm auslösende britische Songwriter Ed Sheeran anreist - die Aufnahme seines aktuellen Albums ist Thema der Doku "Songwriter".

Wes Anderson, dessen Animationsfilm "Isle of Dogs" das Festival eröffnet, wird mit einem Tross an Synchronsprechern auflaufen - darunter Jeff Goldblum, Greta Gerwig und Tilda Swinton. Auch Robert Pattinson, Mia Wasikowska, Gael Garcia Bernal, Isabelle Huppert, Rupert Everett, Bill Nighy und Patricia Clarkson haben sich angekündigt.

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin laufen vom 15. bis 25. Februar.

Quelle: n-tv.de