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"Tatort: Das Nest" Die Nacht der sitzenden Leichen

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Der Serienmörder könnte jederzeit wieder zuschlagen.

(Foto: MDR/Wiedemann&Berg)

Es tut sich was in Dresden: Nach dem Ausstieg von Henni Sieland bekommt Karin Gorniak eine neue Kollegin zur Seite gestellt. Die Unterstützung kann sie gut gebrauchen, denn der gesuchte Mörder ist ein Psychopath der durchgeknalltesten Sorte.

Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) ist etwas zögerlich. Ständig klickt sie nervös mit ihrem Feuerzeug. Und was sie mit dem Aktenberg auf ihrem Schreibtisch anfangen soll, weiß sie auch nicht so genau. Mit derlei mentalen Fußangeln ausgestattet, passt sie bestens aufs Dresdner Revier, gehen die Dinge hier doch, unter der Ägide von Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach), von jeher einen durchaus eigenwilligen Gang. Erschwert wird die Situation dadurch, dass ihre Kollegin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) als Rekonvaleszentin in den Dienst zurückgekehrt ist und es vorzieht, sich in die Asservatenkammer zu verdrücken.

Es ist der erste Fall, nachdem Kommissarin Sieland (Alwara Höfels) die Segel gestrichen hat, und in Dresden verfährt man so, wie es fast schon Tradition ist, wenn neue Gesichter die tatörtliche Szenerie entern: dem Krimi-Affen ordentlich Zucker geben und den Quasi-Relaunch für neue Perspektiven, Untertöne und dramaturgische Experimente nutzen. "Das Nest", nach einer Drehbuch-Vorlage von Erol Yesilkaya (gemeinsam mit Sebastian Marka Grimme-Preisträger für "Tatort: Meta") und unter der Regie von Alex Eslam ("Bissige Hunde"), gibt sich dieser Gelegenheit mit Wonne hin.

War die Dresden-Dependance vor drei Jahren als etwas unentschlossener Spagat zwischen Krimi und Klamauk gestartet, durchzog die letzten Fälle mit Henni Sieland eine neugewonnene Härte. In dieser Richtung geht es nun weiter, wobei der neue Fall sich nicht um etwaige Anschlüsse oder logische Weitererzählung schert, sondern den Neustart vielmehr als radikale Stilübung inszeniert. Allein die Auftaktsequenz der verunfallten Autofahrerin, die sich blutend und desorientiert einen Weg durch den einsamen Wald bahnt, um plötzlich vor einem leerstehenden, dennoch augenscheinlich "bewohnten" Hotel steht, ist klassisches Horror-Entrée, wie man es von den Experten aus den USA gewohnt ist.

Mörder-Suche außer Kontrolle

Die Autofahrerin Maja Peters (Judith Neumann) beobachtet einen verrückten Mörder bei seiner Tat.

Die Autofahrerin Maja Peters (Judith Neumann) beobachtet einen verrückten Mörder bei seiner Tat.

(Foto: MDR/Daniela Incoronato)

All das gerät im Verlauf dieser Szene noch um einiges drastischer, als die Unfallfahrerin schließlich Zeugin eines Verbrechens wird, Polizei und SEK im Anschluss ein Gruselkabinett voller präpierter Leichen vorfinden, auf Sofas und an Tischen so "lebensecht" drapiert, als hätten sie sich eben noch miteinander unterhalten. Und so extrem soll es im Fortlauf dieser "Tatort"-Folge, ohne allzu arg spoilern zu wollen, bleiben. Für Karin Gorniak wird die Jagd nach dem Mörder dermaßen dramatisch, dass sie sich später am liebsten aus dem Dienst zurückziehen und den einsamen Asservatenkeller dauerhaft zu ihrem Arbeitsbereich machen würde. Leonie Winkler dagegen muss feststellen, wie schwierig es ist, in die Fußstapfen ihres alten Herrn (Uwe Preuss), Kommissar a.D. mit phänomenalem Ruf, zu treten und sich zu beweisen.

"Das Nest" ist mal wieder einer dieser "Tatort"-Fälle, der die Meinungen spalten wird. Der Casual-Gucker dürfte sich bestens unterhalten fühlen: Hier sitzt jede Szene, jede Kamerafahrt dampft vor Freude am postmodernen Suspense-Kino, die Typen sind extrem gezeichnet, die Szenerie blutig-brillant. Die Traditionalisten unter den Tatortlern dürften genau das bekritteln. Zuviel Bubblegum-Kino, Logiklöcher und Effekthascherei.

Prognose: Erst der nächste Fall aus Dresden dürfte darüber Auskunft geben, wohin die Reise für die angeschlagene Gorniak, die wankelmütige Leonie Winkler und den gewohnt vogelwilden Schnabel geht.

Quelle: n-tv.de

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