"Ist es denn nie vorbei?"Warum dieses Dschungel-Wiedersehen anders war
Von Verena Maria Dittrich
Wie ist es, dem frisch gekürten Dschungelkönig zu begegnen? Beim Wiedersehen lassen die Camper die letzten 17 Tage Revue passieren. Ariel reflektiert ihr Verhalten und Samira und Eva geraten erneut aneinander. Doch über allem liegt ein Interview, das der Hotelmitarbeiter Herr W. nun erstmals gegeben hat.
Nach dem Dschungel ist vor dem Dschungel. Das Finale liegt keine 24 Stunden zurück, da kommen die Camper zum großen Wiedersehen noch einmal alle zusammen - und natürlich ist ein solches Treffen immer auch mit großen Erwartungen verknüpft. Was sagen sie über ihre Zeit im Camp, was bereuen sie, was würden sie heute anders machen?
Alle haben sich in Schale geworfen und sehen sehr schick aus, doch dieses Wiedersehen ist mit denen der Vorjahre nicht zu vergleichen. Draußen bebt ein großer Sturm ob des frisch gekürten Dschungelkönigs, die Emotionen kochen hoch, und es ist kaum möglich, diese Causa differenziert zu betrachten, ohne direkt als "Fangirl", "Täterschützer" oder "Boomer" niedergebrüllt zu werden.
Wer nicht mit einstimmt in den Reigen der kollektiven Wut auf Ofarim, hat es in diesen Tagen nicht leicht. Fast zeitgleich mit Beginn der Baumhaus-Show bricht der Hotelmitarbeiter Herr W. erstmals sein Schweigen und gibt der "Zeit" ein Interview.
Wir erinnern uns an das Hin und Her während des Dschungels: Der eine Anwalt sprach von einer Verschwiegenheitserklärung, der andere von einer Unterlassungserklärung. Bald schon kamen juristische Laien kaum noch mit. Dazwischen immer wieder die durchaus berechtigte Frage: Was ist eigentlich so schwer daran, sich zu entschuldigen?
Tagelang ging es schließlich um diese Entschuldigung. "Er hat sich doch schon entschuldigt, wieso soll er sich nochmal entschuldigen?", sagten die einen. Wieder andere waren der Ansicht, Ofarim würde lügen, wenn er behaupte, sich entschuldigt zu haben, und sehr viele Menschen haben von der erfolgten Entschuldigung - auch auf Ofarims Instagram-Account - schlicht nichts mitbekommen.
"Ist es denn nie vorbei?"
Der Hotelmitarbeiter erzählt nun, wie befremdlich die nebulösen Halbsätze Ofarims im Camp auf ihn persönlich gewirkt haben und wie sehr sie ihn ärgern. Er sagte, er habe die Einstellung des Verfahrens akzeptiert, um endlich einen Schlussstrich zu ziehen. Inzwischen stelle er sich die Frage: "Ist es denn nie vorbei?" Indes sitzt Ofarim im Baumhaus und spricht mit Sonja und Jan abermals darüber, warum er "nichts sagen dürfe".
Herr W. jedoch sagt in dem Interview mit der "Zeit", es habe weder eine Schweigevereinbarung noch eine Verpflichtung zur Verschwiegenheit gegeben - anders, als Ofarim es im Camp wiederholt erzählt hatte. Untersagt sei ihm lediglich, die nachweislich falsche Behauptung erneut zu äußern, W. habe ihn wegen des Tragens einer Davidstern-Kette nicht ins Hotel gelassen. "Er inszeniert sich wie ein Opfer, obwohl ich das bin, und das ist schwer für mich." Es ist dieses erste Interview, das das gesamte Wiedersehen (zumindest im Netz) überschattet.
Was wäre, wenn der 43-Jährige sich noch einmal - und vor einem großen Publikum - entschuldigt hätte? Was wäre, wenn Ariel es sich nicht zur Camp-Aufgabe gemacht hätte, Ofarim täglich mit teils schier unerträglicher Penetranz zu piesacken? Zwischen berechtigter Kritik und öffentlichem Moralbeschuss verläuft eine Grenze, die derzeit auffallend oft überschritten wird.
Die 22-jährige Schweizerin selbst gibt inzwischen zu, die Art und Weise, wie sie das eine oder andere gesagt habe, zu bereuen und ihr Verhalten zu reflektieren. Denn oft sind es nicht die Worte oder die Kritik selbst, sondern die Art, wie man sie anbringt.
Gleich zu Beginn des Wiedersehens merken die Moderatoren an, es habe schon tosenderen Applaus für einen neuen Dschungelkönig gegeben, und es kommt auch zur Sprache, dass viele der Camper Angst gehabt hätten, zu viel Zeit mit Ofarim zu verbringen - aus Furcht, einen Stempel abzubekommen und vom "braven Sünder" beschmutzt zu werden.
"Ich wollte meine Stimme erheben"
Wir sehen viele Rückblicke auf die Ereignisse im Camp, über das auch gesagt wird, eines der "starken Frauen" gewesen zu sein. So lauschen wir "Powerfrau" Ariel, die glaubte, anfangs so oft in die Prüfungen gewählt worden zu sein, weil "die Leute" sie "amüsant" fanden. Auch über Ofarims Unfall wird noch einmal gesprochen, und Eva sagt, "ganz andere Bilder" gesehen zu haben. Ihr Prüfungspartner sei sehr wohl schwer mit dem Kopf aufgestoßen.
Ob Ariel rückblickend sagen würde, ihre Art im Camp könnte auch zu viel gewesen sein? "Bei den Ausschnitten, die ich gesehen habe, muss ich auch ganz ehrlich sagen: Ich habe übertrieben, aber mir war auch sehr oft langweilig." Oder wie Hardy Krüger findet: "Da stoßen einfach Welten aufeinander. (…) Es war ja auch wirklich jeden Tag dieselbe Platte." Angesprochen von den Moderatoren auf ihre "Hartnäckigkeit", die "auch sehr oft drüber" gewesen sei, sagt die "reflektierte Person": "Ich wollte meine Stimme erheben, aber nicht gegen den Menschen, sondern für die Werte. (…) Ich wollte auch nicht, dass er sich gemobbt fühlt."
Sonja schreitet ein, als es um die Annahme geht, der Musiker sei ausschließlich wegen seines Skandals im Camp gewesen. Tatsächlich sei er "schon mehrfach über Jahre angefragt worden". Und weiter: "Er konnte die Erwartungen, die ihr an ihn gestellt habt, überhaupt nicht erfüllen."
Ofarim meint, vieles sei auch aus seinem Privatleben, über manche Sachen dürfe er "nicht reden, denn dann gibt es eine Konsequenz". Ariel aber habe nicht locker gelassen, weil sie "keine Reue" gespürt habe, und Simone findet: "Es gibt auch immer noch den Menschen dahinter." Auf die Frage jedoch, ob Ariel glaube, Ofarim geholfen zu haben, Dschungelkönig zu werden, antwortet sie mit: Ja.
"Wir kommen an dieser Stelle nicht weiter"
"Ich weiß, dass mich das bis ans Ende meiner Tage begleitet", sagt Ofarim schließlich. Man kann an dieser Stelle wütend sein, resigniert, enttäuscht oder fassungslos. Aber all die Empörungswellen im Netz bringen niemanden weiter - schon gar nicht uns als Gesellschaft.
Denn die Lügen eines Menschen sind kein Freibrief für kollektive Enthemmung und mediales Dauerfeuer - und doch scheint genau das derzeit vielerorts der Fall zu sein. Emotionen kochen hoch, man geht sich in den Kommentarspalten einander regelrecht an die Gurgel, und die Algorithmen glühen.
Vieles ließe sich noch über dieses Wiedersehen schreiben, etwa darüber, dass Eva und Samira erst fein miteinander sind, nachdem sie sich ausgesprochen haben - bis die Griechin plötzlich wie aus dem Nichts anmahnt, ob Samira denn wisse, dass sie die auf ihr Kissen gedruckte DM überhaupt nicht hätte veröffentlichen dürfen.
Am Ende sind es ausgerechnet die Moderatoren, die einen Satz sagen, der diese gesamte brennende Kiste kaum treffender hätte beschreiben können: "Wir kommen an dieser Stelle nicht weiter."