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Danke, Santiano!Einen Shanty auf den Wal-Wahnsinn

20.04.2026, 16:46 Uhr Foto-Volker-ProbstVon Volker Probst
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Nehmen kein Blatt vor den Mund: Santiano. (Foto: picture alliance / PIC ONE)

Wer den Wal hat, hat die Qual. Inzwischen auch die Qual mit selbst ernannten Wal-Verstehern und Verschwörungsgläubigen im Rettungsmodus. Gut, wenn es da auch noch Stimmen der Vernunft gibt. Eine kommt prompt von den Shanty-Rockern von Santiano. Ahoi!

Es mag hart für manche Fans sein. Aber, nein, die Bandmitglieder von Santiano haben gar nicht die sieben Weltmeere bereist, Rum aus Fässern getrunken und alle naselang Mast- und Schotbruch erlitten. Ja, die Musiker stammen überwiegend aus Schleswig-Holstein, sind an der Küste aufgewachsen und haben eventuell sogar einen Segelschein. Aber echte Seebären wie James Cook, Vasco da Gama oder Käpt'n Blaubär sind sie nicht. Die Shanty-Rocker verkaufen natürlich in erster Linie ein Image.

Insofern dürften es viele mit einem Schmunzeln quittieren, dass sich die Band nun am Wochenende auf ihrer Instagram-Seite zu dem Wal-Drama in der Ostsee zu Wort gemeldet hat. Als würde sich der Typ im Bären-Kostüm von Bärenmarke dazu äußern, wie denn nun mit einem Problembären umzugehen sei.

Aber Moment! Ganz so an den Barthaaren des Wals ist das Statement von Santiano dann doch nicht herbeigezogen. Zum einen fungieren die Bandmitglieder tatsächlich als Botschafter des Komitees der UN-Ozeandekade - und dürften sich in dieser Funktion zumindest ein bisschen mit Themen rund um Meeresbiologie befasst haben. Jedenfalls mehr, als manche der selbst ernannten Wal-Versteher, die plötzlich nach oben gespült werden. Zum anderen wuchs, wie Santiano es in ihrem Instagram-Post skizzieren, zuletzt offenbar der Druck auf die Band, in der Wal-Frage "doch bitte eine Stimme abzugeben".  

"Nur sein elendes Verrecken"

Und siehe da: Die Mannen rund um Frontmann Björn Both entpuppen sich im Watt des allgemeinen Wal-Wahnsinns tatsächlich als eine beachtliche Stimme der Vernunft. Während im Banne des Buckelwals zuletzt Verschwörungserzähler, Rechtspopulisten und sonstige Verstrahlemänner und -frauen auf Poel "Freiheit für den Wal", "Gemeinsam für Hope" oder sogar "Wir sind das Volk" skandierten, gehen die Jungs von der Waterkant die Sache wohltuend nüchtern an.

"Zunächst einmal verstehen wir natürlich die Anteilnahme und das Bedürfnis, diesen einen Wal zu retten, der offensichtlich eine Projektionsfläche bietet für unsere tiefe Schuld, in der wir Menschen gegenüber der Tierwelt seit Langem stecken", stellen Santiano in ihrem Instagram-Statement zunächst klar, dass auch sie nicht vom Stamme des Captain Ahab sind.

Dann allerdings bringen sie es in aller Deutlichkeit auf den Punkt: "Es kann aber nicht sein, dass sich hieraus zum wiederholten Mal eine gesellschaftliche 'Debatte' entwickelt, die weit über die Diskussion zum Tierschutz und das Finden einer guten Lösung hinausgeht. Hier wird wieder die Wissenschaft und entsprechende Expertise infrage gestellt. Von Leuten, die, wie es die neue Unart ist, immer schon alles besser wussten und in Wort und Tat den inneren Frieden dieses Landes aufs Spiel setzen, Spaltung vorantreiben, das Vertrauen in Wissenschaft und demokratische Institutionen zerstören und damit weit über das eigentliche Problem hinausgehen."

Was ihre Meinung zum weiteren Umgang mit dem Wal angeht, verweisen Santiano auf die Expertise von diversen Meeres- und Tierschutzorganisationen wie Sea Shepherd. Sie erinnern an das Netz, das sich der Wal einverleibt hat, an die Hautabplatzungen auf dem Meeressäuger und daran, wie geschwächt und gestresst das Tier ist. "Selbst wenn es die Nordsee erreicht - glauben wir dann wirklich einen Wal gerettet zu haben?", fragt die Band rhetorisch und gibt direkt die Antwort: "Nein. Wir bekommen nur sein elendes Verrecken nicht mehr mit."

Leinen los, volle Fahrt

Allen, die gerade so in Wal-lung geraten, dass sie am liebsten gleich den nächsten Volkssturm vom Zaun brechen würden, raten Santiano, doch einfach mal sich selbst zu hinterfragen: "An wie vielen Tiertransporten fahren wir täglich vorbei? Wieviel Steaks, Schnitzel und Würste werden demnächst wieder in den Gärten auf den Grills der deutschen Männerkochkunst verbrannt?" Und "wieviel Fischbrötchen knallt sich wer in diesem Sommer beim Spaziergang um den Hafen" auf die Hüften?

Doch damit nicht genug: "Dieses Verhalten infrage zu stellen und vielleicht mal etwas weniger über Vegetarier und Veganer lästern und lachen, sind immer noch geeignetere Maßnahmen, statt sich als Möchtegernfreiheitskämpfer*in moralinsauer in den nächsten medialen Supergau zu stürzen", platzt es aus der Gruppe weiter heraus. Das alljährliche Abschlachten der Grindwale sei dagegen ebenso stets nur eine "mediale Randnotiz" wie "uns die täglichen Toten im Mittelmeer egal" seien - "und wir uns im Regal der Unerträglichkeiten nur noch das raussuchen, was gut in unser Empörungseinerlei hineinpasst".

Das hat gesessen wie der Schuss einer Harpune. Doch - wer hätte es geahnt - in den Kommentaren zu dem Post bringt die neue Wal-Versteher-Armada natürlich direkt ihre Kanonen in Stellung. "Schwaches Statement", meint etwa ein Nutzer, der sich mutmaßlich ganz frisch den Account "Buckelwalhope" zugelegt hat. "Hat man euch für das Statement bezahlt?", ätzt eine Nutzerin, die sich "Lichtundleben" nennt. Und ein anderer möchte die Band jetzt am liebsten canceln: "Und die Moral von der Geschicht, kauft Musik von Santiano nicht."

Doch es gibt auch Menschen, die bislang womöglich nicht zur Fanbase von Santiano gehörten, deren Sympathie die Band jetzt aber schlagartig gewonnen hat. Gemeinsam mit den Musikern möchten sie laut ausrufen: "Der Wal heißt nicht Timmy! Und auch nicht Hope!" Darauf ein Ahoi und einen Shanty: Leinen los, volle Fahrt, Santiano!

Quelle: ntv.de

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