Unterhaltung

"Tatort" aus der Schweiz Engel der Vernichtung

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Martin Aichinger (Martin Butzke) behauptet, seine Mutter habe sich nicht freiwillig zum Sterben in die Schweiz begeben.

(Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

Die einen wollen sterben, die anderen das verhindern. Der elfte Flückiger-Fall aus Luzern gibt sich düster und zeitgeistig kontrovers. Dabei wird aus dem großen Sterbehilfe-Sujet am Ende dann doch nur eine verdrehte Schnurre um eine irre Mörderin.

Das kontextuelle Timing - es passt wieder einmal beim "Tatort": Paralympics-Sportlerin Marieke Vervoort ist in diesen Tagen nicht nur wegen ihrer Silbermedaille im 400m-Rollstuhl-Rennen in den Schlagzeilen, es geht auch um ihre Erkrankung und die möglichen Konsequenzen. Erst kursierten Geschichten um die geplante Inanspruchnahme von Sterbehilfe, jetzt hat die 37-Jährige, die an einer degenerativen Muskelerkrankung leidet, selbst Stellung genommen. Die erforderlichen Papiere habe sie bereits seit 2008, die konkreten Pläne sind jedoch frei erfunden. Die Unterlagen würden sie beruhigen, so die Belgierin, aber sie genieße noch jeden Moment, den sie am Leben ist.

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Kommissar Reto Flückiger und Liz Ritschard verhören Mike Zumbrunn.

(Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

Im neuen "Tatort: Freitod" ist die schwerkranke Gisela Aichinger (Barbara-Magdalena Ahren) den Schritt bereits gegangen. Unterstützt und begleitet wird sie von der Sterbehilfe-Organisation Transitus, in einer dafür angemieteten Wohnung nimmt sie eine tödliche Dosis Pentobarbital. Als nach ihrem Tod der Sarg hinausgetragen wird, stehen die Demonstranten der Gegen-Bewegung, ein diffuser Clan names Pro Vita, Spalier und protestieren schweigend. Düster und karg gerät die Auftaktmontage des neuesten Falles aus der Schweiz. Fast dokumentarisch wird der ganze Vorgang gezeigt, Ort des Geschehens ist ein Betonklotz brutalistischer Baukunst. Grau, endzeitlich, selbst die Leute von Pro Vita sehen aus, als würden sie anschließend noch zu einem Casting für "The Walking Dead" wanken.

Als die Sterbehelferin Helen Mathys (Ruth Schwegler) kurz darauf ermordet aufgefunden wird, kommen die Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ins Spiel. Es gibt weitere Tote, der Chef von Pro Vita, Josef Thommen (Martin Rapold), gerät ins Visier der Ermittler.

Zwischen behutsam und betulich

Das Thema ist kontrovers, das sprichwörtliche heiße Eisen, an dem sich die Geister scheiden. Entsprechend gewichtig und bedeutungsschwanger inszeniert Regisseurin Sabine Bosse diesen "Tatort". Der Knackpunkt: Sein eigentliches Sujet - Krimi, Mord, Verdächtige - gerät dabei fast völlig aus dem Fokus, vielmehr entwickelt sich das Ganze, auf dem schmalen Grat zwischen behutsam und betulich, zu einem kleinen Fernsehspiel voll plakativer Symbolik: Überall Kerzen, alles verdunkelt, die Sterbehelfer ein etwas verbrämter Glaubenstross, die Gegenbewegung ein sektenartiges Gebilde, dessen selbstgefälliger Kopf in einem gigantomanischen Büro residiert, das aussieht, als hätte Albert Speer die Kulissen für "Citizen Kane" entworfen. Die einen brummen ihre Protest-Mantras, die anderen, gläubig vernebelt, rezitieren religiöse Gedichte vor dem Sex.

Und dann ist da auch noch der Sohn der Ermordeten, ein verfilzter Plastiktüten-Hobo, der Passanten apokalyptische Aphorismen entgegenranzt.

Und wie in Ermangelung einer schlüssigen Aufklärung wendet sich die Geschichte schließlich vom Kern, ja, vom Titel selbst, ab und verpasst dem geplanten Lehrstück über Sterbehilfe eine etwas effektheischende Wendung Richtung Todesengel. Die Transitus-Angestellte Nadine Camenisch (Anna Schinz) hilft nicht nur den Sterbewilligen, sie befördert auch leidenschaftlich gern ungefragt ins Jenseits. Darauf hätte man früher kommen können, spätestens bei Sätzen wie "Ich spüre so eine positive Energie bei den Menschen, die hierherkommen zum Sterben".

Unterm Strich eine etwas hingebogene, morbide Wahn-Novelle, die sich selbst zudem durch die Synchronisation im Weg steht.

Quelle: ntv.de

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