VIP VIP, Hurra!Falten im Gesicht, Eiter im Bein: Zwei Frauen, eine Wahrheit
Die Promikolumne von Verena Maria Dittrich
Iris Berben und Gina-Lisa Lohfink. Auf den ersten Blick haben diese beiden Frauen ungefähr so viel gemeinsam wie Arthouse-Kino und Dschungelcamp. Die eine spricht mit 75 offen über das Älterwerden, die andere mit 39 über Eiter und die Angst, ihr Bein zu verlieren.
"Ich muss inzwischen mit meinen Kräften haushalten", sagte Iris Berben in dieser Woche in einem Interview, und vielleicht, lieber Leser dieser VIP-Ausgabe, blieb ich gerade deshalb ausgerechnet an ihr hängen, während parallel dazu Meldungen über Gina-Lisa Lohfink durch die Boulevardwelt geisterten. Die erzählte nämlich in dieser Woche, sie habe Angst gehabt, nach Komplikationen infolge eines Beauty-Eingriffs womöglich ihr Bein zu verlieren, weil Flüssigkeit und sogar Eiter austraten. Was für eine dramatische Geschichte, vor allem vor dem Hintergrund, wie viele Jahre Gina-Lisa jetzt schon den Boulevard aufmischt.
Ich erinnere mich noch an ihre flotten "Zack die Bohne"-Sprüche, damals, 2008 in der dritten Staffel von Germany's next Topmodel. Da war sie gerade mal 21. Das ist jetzt 18 Jahre her. Heute ist sie 39. Seitdem ist Gina-Lisa durch unzählige Reality-TV-Sendungen getigert, vom "Dschungelcamp" bis zum Nacktformat "Adam sucht Eva". Niemandem ist entgangen, wie die Frau, die eigentlich eher scheu, fast schüchtern wirkt, sich mit den Jahren optisch immer mehr verändert hat. Immer extremer, immer größere Brüste und Lippen, nie schien es groß genug zu sein; der eigene Körper wurde immer mehr optimiert, nur mit dem Unterschied, dass das Ergebnis ganz offensichtlich nie so zufriedenstellend war, dass man irgendwann sagte: Jetzt ist es genug.
Und irgendwann galt Gina-Lisa nicht nur bei Trash-TV-Fans, ähnlich wie die inzwischen verstorbene Nadja Abd el Farrag, als tragische Figur. Eine Figur, an der sich die Leute mit ihrer Sensationsgier regelrecht ergötzen. "Guck mal, wie die wieder aussieht! Was hat sie dieses Mal machen lassen?" (...) "Ach Gott, jetzt auch noch ein Brazilian Butt Lift", hieß es etwa 2023. Und dann auch noch in einer Klinik in der Türkei, wo sie im Nachhinein erfahren habe, dass dort "nicht einmal alle Ärzte echte Ärzte" gewesen seien. Wörtlich äußerte sie sogar den Verdacht: "Vielleicht hat mich jemand operiert, der gar kein Arzt war."
Dabei soll laut ihrer eigenen Schilderung Fett beziehungsweise Füllmaterial aus dem Gesäßbereich in ihre Beine gewandert sein, was schwere Entzündungen verursacht habe. Gina-Lisa berichtete zuletzt von mehreren Operationen und der Angst, ihr Bein verlieren zu können. Was einst als weiterer Schritt zur vermeintlichen Optimierung begann, wurde für die 39-Jährige am Ende zum medizinischen Albtraum.
Iris Berben, das Alter und 35 Jahre dazwischen
Sie denken womöglich, dass diese beiden Promimeldungen so rein gar nichts miteinander zu tun haben, aber ich finde, sie erzählen viel mehr über unsere Zeit als viele der derzeitigen gesellschaftspolitischen Debatten. Denn da ist auf der einen Seite Iris Berben, 75 Jahre alt, eine Frau, die seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Schauspielerinnen Deutschlands gehört, die immer noch wunderschön aussieht, aber eben nicht wie eine verzweifelte 35-Jährige wirkt, sondern wie eine Frau, die offen darüber spricht, dass sie ihre Energie anders einteilen müsse. Ungeschönt gibt sie zu, dem Älterwerden überhaupt nichts abgewinnen zu können. "Ich finde es überhaupt nicht schön. Und ich wehre mich auch dagegen, dass man das verherrlicht. Ich empfinde es eher als schwer. Es macht manchmal auch wehmütig", so die Frau, die auch als Stil-Ikone gilt. Und weiter: "Man merkt, es wird langsamer, es wird mühsamer, man holt öfter tief Luft."
Und dann ist da parallel Gina-Lisa Lohfink, die zwar nicht mehr so jung ist wie vor 18 Jahren in Heidis Sendung, aber mit ihren 39 Jahren 35 Jahre jünger als Iris Berben. Und sie klagt öffentlich über medizinische Probleme nach einer Schönheits-OP. Verstehen Sie mich nicht falsch, es tut mir wirklich sehr leid, dass Lohfink Schmerzen erleiden muss, aber mir schob sich bei diesem Thema unweigerlich folgender Gedanke in den Kopf: Wenn Gina-Lisa heute 39 ist: Wie sieht dieses ganze System in 30 Jahren aus?
Das klingt vielleicht böser, als ich es meine, aber ich frage mich das wirklich. Denn Gina-Lisa Lohfink wird seit Jahren behandelt wie eine Karikatur. Die künstlichen Lippen, die großen Brüste, das viele Make-up, diese ganze grelle Überzeichnung ihrer selbst. All das wurde über Jahre gleichzeitig gefeiert und verspottet. Erst machte man sie zur Trash-TV-Prinzessin, dann zum Witz und inzwischen ist sie regelmäßig in den Schlagzeilen wegen ihrer verpfuschten Optik. Und jeder glotzt. Und alle haben eine Meinung. Aber irgendwann müsste man sich vielleicht auch einmal fragen, was diese Öffentlichkeit eigentlich mit Frauen macht.
Denn Gina-Lisa wirkt zwar oft wie eine überzeichnete Kunstfigur aus einem surrealen David-Bowie-Film der Siebziger, aber vom Himmel gefallen ist sie nicht. Sie ist nicht eines schönen Morgens aufgewacht und dachte sich: Heute verwandle ich mich in eine tragische Figur des Boulevards. Nein, sie ist das Produkt einer Zeit, die Frauen über Jahre eingehämmert hat, dass sie sexier, künstlicher und auffälliger werden müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Mehr, mehr, mehr, weil das System darauf ausgelegt ist, dass immer weiter optimiert wird, bis der Mensch hinter dieser Optimierung irgendwann fast verschwindet.
"Komplett aus dem Leim gegangen"
Und natürlich lebt auch Iris Berben nicht außerhalb dieser Industrie, das wäre naiv zu glauben. Natürlich steht auch sie unter Druck, denn auch ihr Gesicht wird kommentiert und bewertet. Aber bei ihr sieht man eben ein Gesicht, das nicht komplett gegen das Leben retuschiert wurde. Ja, wow, die hat zwar Falten, aber sie sieht überhaupt nicht "gemacht" aus. Gleichzeitig will sogleich jeder wissen: Was hat sie machen lassen, dass das so natürlich, würdevoll und irgendwie gar nicht alt aussieht? Fragen über Fragen.
Und während all diese absurden Erwartungen gleichzeitig auf Frauen einprasseln, tun wir gesellschaftlich trotzdem so, als entstünden diese Entscheidungen komplett frei und unabhängig, frei nach dem Motto: "Jede Frau wie sie will." Nur entstehen diese Entscheidungen eben nicht im luftleeren Raum. Wir leben doch längst in einer Welt, in der vor allem Frauen unter permanentem Beschuss stehen. Und gleichzeitig sitzen Millionen Menschen täglich in Kommentarspalten und bewerten Frauenkörper, am liebsten die von Stars und Promis. "Boah, die ist aber schlecht gealtert." "Zu viel Botox." "Ihr Mann sieht 20 Jahre jünger aus als sie." "Grundgütiger, die ist ja komplett aus dem Leim gegangen." Und neulich in Cannes: "Der Heidi sieht man ihre 52 Jahre inzwischen aber auch deutlich an."
Manchmal denke ich wirklich, Social Media ist eine gigantische Dauerjury, die ununterbrochen andere Gesichter und Körper bewertet. Vor allem Frauen. Und so denke ich darüber nach, ob zwischen Iris Berben und Gina-Lisa Lohfink nicht nur 35 Jahre Altersunterschied liegen, sondern gewissermaßen auch eine ganze Entwicklung der Öffentlichkeit. Denn Berben stammt noch aus einer Zeit, in der Schauspielerinnen zwar ebenfalls enormem Schönheitsdruck ausgesetzt waren, aber Gesichter trotzdem Gesichter bleiben durften. Gina-Lisa Lohfink hingegen gehört bereits zu jener Generation öffentlicher Frauenfiguren, die mitten hineingeraten ist in diese vollkommen enthemmte Instagram-Unkultur.
Kieferlinien wie mit dem Lineal gezogen
Natürlich ist das Trash-TV-Sternchen ein extremes Beispiel, aber sie ist auch ein Sinnbild für den Zerfall des Anstandes vieler Internet-User. Weil man an ihr fast wie unter einem Brennglas sehen kann, wie brutal diese Industrie geworden ist, die Frauen gleichzeitig erzählt, all das habe mit Empowerment und "deiner Reise zu dir selbst" zu tun, während sie in Wahrheit ein Milliardenmarkt ist, der davon lebt, dass Frauen sich nie ganz ausreichend fühlen.
Das Bittere daran ist nur: Mit 39 beginnt das Leben eigentlich erst langsam erwachsen zu werden. Gina-Lisa Lohfink ist jünger als viele Moderatorinnen, Schauspielerinnen oder Politikerinnen, die heute auf dem Höhepunkt ihrer Karriere stehen. Und trotzdem spricht sie jetzt schon öffentlich über massive gesundheitliche Probleme nach Schönheitseingriffen.
Ich frage mich: Was sehen junge Frauen heute eigentlich noch? Gefilterte Gesichter. Aufgespritzte Lippen. Glatte Stirnen. Kieferlinien wie mit dem Lineal gezogen. Menschen, die irgendwann alle gleich aussehen. Und gleichzeitig frage ich mich eben, wie all diese Gesichter in 30 Jahren aussehen sollen. Was passiert mit einer Generation von Frauen, die schon mit Ende 20 beginnt, gegen jede noch so kleine Linie anzuspritzen? Was passiert mit all den Körpern, die heute bereits Alarm schlagen, obwohl ihre Besitzerinnen noch nicht einmal 40 sind?
Zwischen Iris Berben und Gina-Lisa Lohfink liegen nur 35 Jahre. Aber sie wirken wie zwei vollkommen verschiedene Zeitalter.