Berliner Breakdance-Crew feiertFlying Steps tanzen sich nach ganz oben

Vor einem Vierteljahrhundert betreten sie erstmals die Bühne der Hip-Hop-Szene, heute ziehen sie junge Menschen und deren Eltern gleichermaßen an. Vartan Bassil hat die Flying Steps gegründet und fing ganz unten an.
Der Star steuert das Auto durch den Stadtverkehr. Neben ihm sitzt ein Mädchen und singt. Er, das ist Vartan Bassil, 42, Gründer der Tanzgruppe Flying Steps. Eine Breakdance-Legende, schwärmen die Fans. Sie, der Teenager auf dem Beifahrersitz, ist seine Tochter. Und ein Fan. "Ich nenn' ihn Vater, du nennst ihn Boss", rappt Noel zur Musik aus den Lautsprechern, dreht den Kopf zur Seite und strahlt. Die Auto-Szene ist eine der Schlusseinstellungen eines Dokumentarfilms über den Berliner und seine Breakdance-Welt.
"Flying Revolution" heißt der Kinofilm, der schon auf mehreren Festivals lief. Er erzählt die Geschichte der Fliegenden Schritte, der Flying Steps: Wie aus einer Clique hip-hopbegeisterter Jungs ein Kulturunternehmen wurde, das Shows mit Millionenetats um die Welt schickt. 2018 feiert die Truppe 25. Geburtstag. Und versucht - nach vielen Aufs und Abs - wieder einmal, sich neu zu erfinden.
Bassil, geboren im Libanon und als Siebenjähriger mit der Familie nach Berlin geflüchtet, legt die Latte hoch. Für sich. Und für die Profi-Tanz-Crews. In Berlin, im Stadtteil Kreuzberg, betreiben die Flying Steps inzwischen eine Tanzschule mit mehr als 30 Lehrern und über 1000 Schülern. Türkische Frauen mit Kopftuch und Hipster auf dem Fahrrad, in der Gegend der quirligen Oranienstraße treffen Welten aufeinander. Wer von dort auf dem Weg zum Hauptquartier der Steps in die Lobeckstraße einbiegt, muss vorbei an einer Tankstelle und einer Autowerkstatt.
Die Räume - rund 2000 Quadratmeter - sind hell und zum Teil nagelneu ausgebaut. Im Foyer mit Café sitzen auf Lounge-Sofas und Sesseln die Eltern, hinter Glaswänden übt der Nachwuchs Moves - so heißen die athletischen Tanzbewegungen. In einem anderen Raum machen sich Profitänzer warm. Sie perfektionieren Choreographien, die schon bei Tourneen in Dresden und Kempten ebenso gezeigt wurden wie in Brasilien, den USA und dem Libanon.
Tanzen oder Geld verdienen?
"Ich kannte die Flying Steps schon aus meiner Jugend", erzählt Biriz Bali. "Und ich fand sie gut." Jetzt schickt die 44-Jährige ihre Kinder zum Tanztraining: den achtjährigen Boran und die zehnjährige Ela. Weil es Spaß macht. Und weil es mit Kunst zu tun hat, sagt sie. Und vielleicht auch, weil reichlich Alt-Stars hier durch die Gänge laufen - wie Bassil, der Macher, Michael "Mikel" Rosemann aus Berlin und Lil Ceng, richtiger Name Gengis Ademoski, geboren in Mazedonien, aufgewachsen in Saarbrücken. Sie sind Vorbilder für Kinder und Eltern zugleich.
Als Vartan Bassil Anfang der 90er Jahre mit dem Breakdance begann, war das anders. Seine Eltern, die mit drei Kindern aus dem Bürgerkriegsland Libanon nach Berlin flüchteten, reagierten skeptisch. Doch die Leidenschaft fürs Tanzen übertrumpfte alles: besonders das Lernen. Schon früh hatte er sich in der Schule über Applaus gefreut, wenn er wie Popstar Michael Jackson tanzte. Dann entdeckte er in Musikfilmen wie "Breakin'" oder "Wild Style" seine Passion. Und er fand Jungs, die ähnlich tickten. "Mit Tanzen habe ich irgendwie mehr Aufmerksamkeit bekommen", erzählt der 42-Jährige.
1993 gründete er mit Kadir "Amigo" Memis die Flying Steps. Geübt wurde im "Haus der Jugend" am Nauener Platz im Wedding. Ein Jahr später gewannen sie erstmals das Battle of the Year, eine Art Breakdance-Weltmeisterschaft. Hohe Ambitionen, damals wie heute. Der Ruhm winkte. Aber das schwierige Thema Geldverdienen blieb virulent.
Als Teenager habe er die Berufsschule besucht, Richtung Technischer Zeichner. Doch: "Ich habe mit meinen Eltern drüber gesprochen, ob ich unbedingt arbeiten muss. Oder ob ich mich ein, zwei Jahre nur als Tänzer ausprobieren kann. Sie haben mit viel Gegenwehr zugestimmt", berichtet er. Es schwingt Wärme mit, wenn er über seine Eltern spricht - genau wie über seine Vaterrolle für drei Kinder.
Familienbande, Suche nach Anerkennung und Leidenschaft - diese Kombination hat auch andere Breakdancer geprägt. Bei nicht wenigen spielte zudem die Migrationsgeschichte eine Rolle: Musik, Tanz und Kultur als Aufstiegsleitern. Über seine eigene Erinnerung an die Fluchtsituation sagt Vartan Bassil: "Das ist ein Ding, was bei mir noch mal etwas ausgelöst hat, diesen Ehrgeiz zu sagen: So nicht, ich werde in meinem Leben was schaffen."
Wagnisse auf der "Langstrecke"
Als seine erste Tochter klein war, wohnte die Familie noch bei der Schwiegermutter. Aus Geldmangel. Wenn er bei Elternabenden Breakdancer als Beruf nannte, erntete er mitleidige Blicke. Und war genervt, extrem. Wettkämpfe und kleine Auftritte, das brachte nicht genug ein. "Da kam die Idee, eine eigene große Show zu bauen oder eine eigene Tanzschule zu haben." Er habe gewusst, dass man damit Geld verdienen könne. "Aber man muss es professioneller machen. Und nicht mehr rüberkommen wie die kleinen Hip-Hopper."
Heute gibt es außer der Academy zwei Shows mit rund 35 Tänzern aus aller Welt, die international regelmäßig touren: "Red Bull Flying Bach" und "Flying Illusion". Als dritte Säule kommt Geld rein über Auftragsproduktionen und Firmen-Events. Breakdance-Puristen schmähen dieses Unterhaltungsimperium auch mal abfällig als Tanz-Zirkus. Und als Verrat am ursprünglichen Charakter der Subkultur.
Als nächstes Projekt wollen die Steps eine echte "Langstrecke" zum Erfolg bringen: Vier Wochen (17. Mai bis 10. Juni) soll die "Flying Illusion"-Show Tag für Tag am selben Ort laufen, in ihrer Heimatstadt, im Theater am Potsdamer Platz, und 1600 Plätze füllen. Die Macher stellt es vor die Herausforderung, so lange ausreichend Publikum anzulocken. Für die Tänzer, die sonst größere Pausen einlegen, ist das körperlich ein Marathon.
"Es gibt einen lustigen Spruch: The sky is the limit, der Himmel ist die Grenze." Vartan Bassil wird nachdenklich und faltet die Hände vor sich auf dem Tisch. "Dazu hat jemand gesagt: Und warum gibt es dann Fußspuren auf dem Mond? Die Leute sollten nicht das Gefühl haben, dass da eine Barriere ist, sondern sagen: Dahinter ist immer etwas. Ich glaube, das zeigen wir: Eigentlich gibt es keine Grenzen." Jeder müsse seine Stärken suchen. Und alle Kraft darauf lenken. "Ich glaube, in jedem Menschen steckt ein Talent."