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"Atlas of Beauty" Fotografin zeigt Schönheit in 500 Gesichtern

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Eine der 500 porträtierten Frauen ist die Palästinenserin Amal.

(Foto: Mihaela Noroc)

Auf der Suche nach Schönheit reist die rumänische Fotografin Mihaela Noroc durch mehr als 50 Länder. Jetzt veröffentlicht sie ihre Porträts in einem Bildband und auf einer Ausstellung - und erzählt, warum Schönheit auch eine Last ist.

Die junge Frau im traditionellen roten Gewand arbeitet gerade auf dem Feld, als Mihaela Noroc sie trifft. Hier, im abgelegenen Wachan-Korridor in Afghanistan, hat sich das Leben seit Jahrhunderten kaum verändert und die karge Landschaft gibt gerade genug her, dass die 18-Jährige ihre zwei Kinder ernähren kann. Noroc ist fasziniert von den hellgrünen Augen der Afghanin, fragt, ob sie ein Foto von ihr machen darf und erhält ein begeistertes Nicken. Einige Monate später fotografiert Noroc eine Musikerin in einer hippen Bar in Israel und blickt in beinahe die gleichen grünen Augen und die gleichen Gesichtszüge – obwohl die Frauen in Welten leben, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

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Fotografin Mihaela Noroc reiste für ihren Bildband durch mehr als 50 Länder.

(Foto: Mihaela Noroc)

Vielfalt zeigen, aber auch Gemeinsamkeiten, das möchte die rumänische Fotografin Mihaela Noroc mit ihrem "Atlas of Beauty". 2000 Porträts von Frauen aus über 50 Ländern hat die 32-Jährige fotografiert und 500 von ihnen in einem Bildband festgehalten. Sie findet Schönheit in sibirischen Dörfern und zwischen New Yorker Häuserschluchten, auf dem guatemaltekischen Markt und im Schlamm griechischer Flüchtlingslager. Sie findet sie in jungen Frauen, die ihr Leben noch vor sich haben, und in von den Jahren zerfurchten Gesichtern; in Frauen, die mit Jeans im Rollstuhl sitzen und in solchen, die ihre traditionelle Tracht tragen.

Begonnen hat alles 2013 bei einem Backpackingtrip durch Äthiopien. Dort sieht Noroc Frauen aus Volksstämmen, in denen Nacktheit alltäglich ist, aber auch Frauen, die sich aus religiösen Gründen verhüllen und solche, die sich westlich kleiden und leben. Wenn es so viel Vielfalt und Schönheit in einem einzigen Land gibt, denkt sich Noroc, wie viel davon muss es dann erst weltweit davon geben?

Sie kündigt ihren Job und reist vier Jahre lang mit der Kamera um den Globus. Dabei bildet sie nicht nur Schönheit ab, sondern erzählt auch die Geschichten der Frauen, die sie trifft. Da ist Ania, die als Baby zur Adoption freigegeben wurde, weil sie mit nur einem Bein auf die Welt kam, Berenice, die ihren Job als Hubschrauberpilotin bei der mexikanischen Bundespolizei liebt und Cornelia, die zweimal den Brustkrebs besiegt hat. "Jede Frau hat eine Geschichte zu erzählen", sagt Noroc. "Nur wird sie normalerweise nicht danach gefragt."

Definition von Schönheit wandelt sich

Als Noroc ihr Projekt vor fünf Jahren startet, ganz klein und persönlich zunächst, ist sie vom westlichen Schönheitsideal ihrer rumänischen Heimat geprägt. "Wenn man 'beautiful woman' googelt, findet man fast ausschließlich Fotos von weißen Frauen mit langen, glatten Haaren, vollen Lippen und leicht geöffnetem Mund. Sie sehen alle gleich aus." Auf der ganzen Welt trifft Noroc auf dieses Schönheitsideal, stolpert in China wie in Brasilien über Bleichcremes und Zahnaufheller. Doch sie sieht auch andere Definitionen von Schönheit, und mit der Zeit verändert sich ihr Blickwinkel. Schönheit, das bedeutet jetzt Vielfalt und Authentizität. Aber Schönheit, sagt Noroc, ist auf der ganzen Welt auch eine Last auf den Schultern von Frauen. An manchen Orten bedeutet sie, dass Frauen übersexualisiert werden, anderswo kann nur schön sein, wer schlicht, zurückhaltend und traditionell gekleidet ist. Mit ihren Bildern möchte Noroc deshalb dazu beitragen, den Schönheitsbegriff zu liberalisieren.  

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Mihaela Norocs Bildband "Atlas of Beauty" ist im riva-Verlag erschienen. Einige ihrer Aufnahmen sind bis zum 21. Januar in der Berliner Galerie "f³ Freiraum für Fotografie" zu sehen.

Ihren Porträts sieht man es an, dass die Fotografin - sofern die Umstände es zulassen - viel Zeit mit den Frauen verbringt. Denn die 32-Jährige bildet nicht nur eine Momentaufnahme blasser Schönheit ab, sie fängt die Persönlichkeit der Frauen ein. Keine Posen, keine Kulissen, kein künstliches Licht - die Porträtierten sollen sich an die Kamera gewöhnen und in ihrer natürlichen Umgebung agieren. So schafft Noroc es, sie selbst in traditioneller Kleidung den ihnen zugewiesenen Rollen zu entreißen und sie authentisch wirken zu lassen.

Dass die Farben auf ihren Fotos beinahe explodieren, liegt auch daran, dass Noroc als Tochter eines Malers in ihrer Kindheit von Farben umgeben war. "Und die Welt ist tatsächlich so bunt wie auf meinen Bildern - außer vielleicht im winterlichen Berlin." Berlin ist trotzdem der Ort, an dem sie hängen bleibt, ihre Bilder im Berliner "f³ - Freiraum für Fotografie" ausstellt, überwältigt ist von den Menschenmassen, die kommen, um die Ergebnisse des Projekts zu sehen. Bis sie für den zweiten Teil des "Atlas of Beauty" wieder den Rucksack packt und die Kamera umhängt.

Fotos können gefährlich sein

Auch dann wird sich Noroc wieder ausschließlich Frauen vor ihre Linse holen. Denn Männer porträtieren, sagt sie, kann jeder: "Es gibt schon so viele Fotos von Männern. Männer sagen nicht: Du kannst mich nicht fotografieren, weil ich Angst habe, dass du von der Mafia bist. Oder weil du wiederkommen und mich prostituieren könntest. Sie sagen auch nicht, dass sie erst ihre Ehefrau um Erlaubnis bitten müssen." Denn vor allem in traditionelleren Gesellschaften braucht Noroc Geduld, bis sie Frauen findet, die bereit sind, sich fotografieren zu lassen. Sie streift stundenlang durch die Straßen, über Märkte und durch Cafés. Aber sie schreibt auch Facebook-Aufrufe, bevor sie in eine neue Region reist, denn längst hat ihr Projekt weltweit Aufmerksamkeit erregt. Spenden und Tausende Likes auf Instagram und Facebook sind die Folge.  

Aber ein gutes Porträtfoto ist oft eben nicht planbar. Auf dem Markt im indischen Varanasi trifft Noroc Sikha. Der rote Sari, die bunten Ringe am Handgelenk - Noroc muss sie einfach fotografieren. Doch ohne das Einverständnis des Ehemanns ist das unmöglich. Also folgt sie der jungen Frau nach Hause, es ist mittags um zwölf und die Sonne steht hoch am Himmel. Abends um zehn kommt endlich der Ehemann nach Hause und gibt seine Zustimmung zum Foto. Also klettert Noroc am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang mit Sikha aufs Dach ihres Hauses und fängt fast 24 Stunden nach der ersten Begegnung den Moment ein. Und dann ist alles plötzlich wieder ganz einfach, als Noroc am Tag darauf in der Morgendämmerung am Ganges entlangläuft und eine junge Pilgerin bei einer Opfergabe fotografiert. Noroc drückt zweimal den Auslöser und hat das Titelbild ihres Buches eingefangen. Und das ist wie jedes der Bilder auf seine ganz eigene Weise voller Schönheit.

Quelle: ntv.de

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