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Zuhören lohnt sich Gangsta-Rap - mehr als Sex, Drugs & Crime

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Gangsta-Rapper der alten Schule: Der US-Rapper Ice-T auf dem Cover seines Albums "Gangsta Rap".

(Foto: Amazon)

Gangsta-Rap ist beliebt wie nie, das Genre bricht Streaming-Rekorde, Slangbegriffe wandern in die Alltagssprache und auch im Feuilleton beschäftigt man sich mit der Musik von der Straße. Was ist daran so faszinierend und warum lohnt es sich, zuzuhören?

Sie heißen Haftbefehl, Capital Bra, Bushido oder Xatar. Sie inszenieren sich als harte Männer mit einem Hang zu Gewalt, dicken Autos und halbseidenen Geschäften - und sie sind mächtig erfolgreich. Deutscher Gangsta-Rap ist beliebt, kein Genre wird in Deutschland häufiger gestreamt. Grund genug, sich dem Thema mal wissenschaftlich zu nähern, findet Martin Seeliger. Er ist Soziologe und Kulturwissenschaftler an der Uni Hamburg und er hat über Gangsta-Rap zwei Bücher geschrieben.

Anerkennung und Integration

Martin Seeliger schreibt über Gangsta Rap.

Martin Seeliger schreibt über Gangsta-Rap.

(Foto: Transcript Verlag)

Wenn Seeliger im ntv.de-Podcast "Wieder was gelernt" über sein Forschungsfeld spricht, klingt es eher nach Vorlesung als nach Straßenslang. "Gangsta-Rap bestätigt gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse, Männerdominanz, einen übersteigerten Materialismus, ein Protzen mit Besitztümern", sagt der Soziologe. "Gleichzeitig stellt er eine Kritik daran dar, dass der Arbeitsmarkt stark ethnisch segmentiert ist, dass wir, bedingt durch die deutsche Migrationsgeschichte, eine Überrepräsentation von Migranten im Niedriglohnsektor haben, ein selektives Bildungssystem und keine Chancengleichheit zwischen den Angehörigen unterschiedlicher ethnischer Gruppen."

Für ihn spiegelt die Musik den Kampf um Anerkennung und Integration wider - und sie hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor. Kritik an gesellschaftlicher Ungleichheit gibt es zwar auch in anderen Rap-Genres, beim sogenannten Zeckenrap etwa. Dieses Subgenre bewegt sich weit links im politischen Spektrum. Die Künstler sind oft eng verbunden mit linken Aktivisten, Antifa-Gruppierungen oder etwa auch der Punkszene. Gangsta-Rapper haben damit nichts am Hut. Sie erzählen ihre Geschichten anders, zumeist unpolitisch und mit wenig Rücksicht auf Korrektheit.

Wer hier die Gesellschaftskritik heraushören will, muss ein bisschen um die Ecke denken. Seeliger erklärt: "In dem mit Ketten behängten jungen Mann, der in einem Premium-Auto durch die Straßen seiner Nachbarschaft fährt, steckt insofern eine Gesellschaftskritik, als dass das ein erwerbsbiografisches Statement ist: Seht her, ich habe es von unten zu diesen Sachen geschafft, die meiner Bevölkerungsgruppe eigentlich gar nicht zugedacht sind." Die Protagonisten erzählen in ihren Texten, wie sie es geschafft haben - "Vom Bordstein bis zur Skyline", so der Titel des Solo-Debüts von Gangsta-Rapper Bushido.

Großes Egoisten-Kino

Die Pointe, sagt Seeliger, ist dabei immer die gleiche: "Das Leben hat mich hart gemacht und jetzt wende ich mich hart gegen die bürgerlichen Teile der Gesellschaft. Ich hole mir, was mir zusteht. Diese ganzen weißen Manager, die lange als männliche Elite in der Gesellschaft galten, die haben es aus der Mitte nach oben geschafft. Wenn es im neoliberalen Kapitalismus um Leistungsfähigkeit geht, dann übertreffe ich die, denn ich komme von ganz unten."

Rücksichtsloser Egoismus, kalter Kapitalismus, Gewaltverherrlichung, Unterdrückung von Schwachen, Homophobie, Sexismus und immer wieder das Verbrechen - die Liste der schlechten Eigenschaften des Genres ist lang. Für bare Münze dürfen wir aber nicht alles nehmen, was Rapper sagen, mahnt Seeliger. Es gehe immer auch um die "performative Dimension", also die Aufführung einer Geschichte, in der der Rapper in die Rolle des erfolgreichen, mächtigen Alphatiers schlüpft. Und die werde auch deshalb immer wiederholt, weil das Publikum genau solche Geschichten hören will.

Dass sie glaubhaft vermittelt werden, ist wichtig für den Erfolg - wie authentisch sie aber tatsächlich sind, lässt sich nicht beantworten. Es gibt Fälle, in denen die Realität die Fiktion einholt. Das vielleicht spektakulärste Beispiel ist die Geschichte des Rappers Xatar, der bei einem filmreifen Raub Gold im Wert von 1,7 Millionen Euro erbeutet hat. Er floh in den Irak, wurde gefasst und musste für vier Jahre hinter Gitter. Die Beute ist bis heute verschwunden. Auch die Rapperin Schwesta Ewa, eine der wenigen Frauen im Genre und Ex-Prostituierte, musste wegen Steuerhinterziehung und vielfacher Körperverletzung ins Gefängnis. Minderjährige Fans soll sie zur Prostitution gezwungen haben, bewiesen ist das nicht.

Authentisch oder nicht?

Solche Fälle zeigen die Schattenseite der glorreichen Verbrecherwelt, aber sie zahlen auch auf das Konto des Genres ein, Stichwort Authentizität. Manche Rapper thematisieren diese Ambivalenzen auch in ihren Texten, sprechen offen über die Schattenseiten des Lebens in gesellschaftlichen Randbereichen und gesetzlichen Grauzonen. Prominentestes Beispiel dafür ist vielleicht der Rapper Haftbefehl, dessen Musik von den Straßenkids in seiner Offenbacher Heimat gefeiert wird und selbst Feuilletonisten mit Bildungsbürgerhintergrund Anerkennung abringt.

Viele Fans des Genres hören die Musik aber eher wegen der Form als wegen des Inhalts, glaubt Seeliger. Sie finden die Protagonisten cool, weil sie eine Sehnsucht nach Reichtum und einem guten Leben im Überfluss verkörpern - und weil sie einen Einblick in eine gefährliche Welt vermitteln, die gerade weißen, behütet aufgewachsenen Mittelstandskids sonst verschlossen bleibt. Für Martin Seeliger hat das auch etwas Voyeuristisches: "Man guckt da wie durch ein Schlüsselloch auf ein Leben, das nur aus Sex, Drogen, Schlägerei und Shisha-Bar besteht. Man kann das ein bisschen mit einem Porno vergleichen: Alles ist total übertrieben. Und das macht es irgendwie noch voyeuristischer, dass man aus der Distanz heraus diese überstilisierten Berichte bekommt."

Geschichten von unten

Wichtig ist für Seeliger aber vor allem, dass man das Genre als Kunstform ernst nimmt und den Protagonisten trotz aller Überspitzung und Provokation aufmerksam zuhört. Denn Gangsta-Rap ist für ihn die künstlerische Ausdrucksform einer marginalisierten Gruppe, die sonst oft zu wenig Gehör findet. "Der Krisendiskurs um die migrantischen Männlichkeiten ist genauso überzeichnet und eindimensional, wie das die meisten Geschichten der Gangsta-Rapper sind", sagt der Soziologe. "Ich würde aber sagen: Die interessanteren Berichte, die kommen von den Rappern, weil die zum Großteil zumindest erlebt haben, wovon sie da reden."

Dass man beim Zuhören manchmal nur noch mit dem Kopf schütteln könne, gehöre dazu. Wichtig sei aber, die Musik deshalb nicht zu trivialisieren. "Oft denke man: Was ist das für ein Idiot?", gibt Seeliger zu. "Das mag in manchen Fällen auch sicher berechtigt sein, aber trotzdem sollen wir zuhören, worüber der Rapper da spricht. Das sind eine unaufgearbeitete Einwanderungsgeschichte, patriarchale Dominanzverhältnisse, eine Gesellschaft, in der soziale Ungleichheit immer größer wird. Und die Gangster-Rapper berichten über diese Entwicklung, sozusagen vom unteren Ende der Gesellschaft."

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"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Werden Reiche bald zu gottgleichen Supermenschen? Warum tobt in den Niederlanden ein Drogenkrieg? Und worum geht es bei Ägyptens und Äthiopiens Streit um den Nil? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Quelle: ntv.de