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"Immer mehr in dich verliebt" Hannelore Elsner, die Berührbare

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Dieses Foto ist nicht einmal zwei Monate alt. Adieu, Hannelore.

(Foto: imago images / Spöttel Picture)

Dass ein Charakterkopf unglaublich schön ist, dass man in Würde altern darf, dass Sexappeal nichts mit dem Geburtsdatum zu tun hat und dass es Rollen für Frauen jenseits der 35 gibt - das alles hat Hannelore Elsner bewiesen. 76 Jahre ist sie nur geworden. Sie wird sehr vermisst werden.

Etwas über Hannelore Elsner zu schreiben, jetzt, wo sie tot ist, ist wirklich schwer. Ihr Tod ist furchtbar überraschend. Sie wirkte immer lebendig, immer neugierig und immer hatte sie das gewisse Etwas. Genau genommen hatte Hannelore Elsner, je älter sie wurde, immer mehr dieses gewisse Etwas. Sie war die Verkörperung dessen, wie eine Frau alt werden sollte. Fest steht, dass sie nicht nur eine der tollsten Schauspielerinnen unseres Landes war, sondern eine der tollsten Frauen überhaupt.

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Hannelore Elsner - Frauen wie sie gibt es nicht viele.

(Foto: imago/United Archives)

Sie wirkte unbeirrbar, auch ein bisschen unnahbar, sie wirkte echt. Sie sah nach Leben aus, nach Spaß, nach Ernsthaftigkeit, nach Erlebnissen - guten und nicht so guten - sie sah nach null Botox und nach nur sehr wenig Diät aus. Hannelore Elsner wirkte mit ihren strahlenden braunen Augen und ihrem geheimnisvoll-kapriziösen und dennoch natürlichen Aussehen wie der Inbegriff von Lebenslust. Und jetzt ist sie tot. Unfassbar. Unfassbar schade, traurig, welch ein großer Verlust. Momentan läuft sie noch in Doris Dörries "Kirschblüten und Dämonen" in einigen Kinos, ihrem nun letzten Kino-Film; vor Kurzem stand sie noch auf einem roten Teppich, um diesen Film zu präsentieren, zu feiern.

Regisseurin Dörrie sagt zum Tod ihrer Hauptdarstellerin: "Für mich war Hannelore Elsner eine große Abenteurerin, die sich mit Neugier, Hingabe und Tapferkeit in jede Rolle und in ihr Leben gestürzt hat. Ich werde sie sehr vermissen." Ja, genau, wie eine Abenteurerin, so wirkte sie. So unabhängig, so frei, so selbstbestimmt. Als hätte sie sich niemals reinreden lassen, schon gar nicht von einem Mann. Als hätte sie immer gemacht, was sie wollte, so wirkte sie.

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Mit Golo Euler und Elmar Wepper in "Kirschblüten & Dämonen".

(Foto: dpa)

Wie sie da steht, bei der Premiere ihres letzten Films, in einem blumigen, edlen Mantel, das dunkelbraune volle Haar kunstvoll zerzaust, würde man jeden Mann verstehen, der sich, egal in welchen Alter, in sie verliebt hätte. Sicher haben sich viele Männer im Laufe von Hannelore Elsners viel zu kurzem, nur 76 Jahre währenden Leben in sie verliebt. Vielleicht hat auch sie sich oft verliebt, so viel weiß man über ihr Privatleben ja nicht. Wie toll, wie spannend, wie mysteriös! Wie wohltuend. Sie behielt ein paar Dinge gern für sich. Kein Vergleich mit dem Exhibitionismus, der heute herrscht, wo man als "Berühmtheit" alles mit seinen Fans teilt. Weil man es muss? Weil man es will? Weil man es sollte?

Bilder von ihr

Hannelore Elsner stellt man sich in einer großen Altbauwohnung vor, edles Parkett, ein bisschen verwohnt, viel Samt, viel Seide, schwere Vorhänge, abends Zigarettenrauch im Wohnzimmer - im Salon vielleicht? - ein Glas Wein auf dem Tisch, Kunst an der Wand, sie in einem Kimono. Aber vielleicht ist das grober Unfug, vielleicht lebte sie in einem lichtdurchfluteten Haus mit Betonfußboden, putzte eigenhändig die riesigen Fenster in einem Blaumann und stand auf Stahl und Glas. Wie gesagt, man weiß es nicht, und es ist auch egal, denn dieses Bild ist nur ein Bild von vielen, das es von Hannelore Elsner gibt.

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Schon schön, aber da war noch mehr!

(Foto: imago/United Archives)

Es gibt diese Bilder von ihr, wie sie in frühen Filmen die kokette Verführerin mimt und mit ihrem Sexappeal jeden um den Finger wickelt. Und dann später diese Bilder, wie sie in Filmen mitwirkt, in denen sie neben ihrem immerwährenden guten Aussehen vor allem durch ihr ungeheuer großes Talent auffällt: In "Die Unberührbare" von Oscar Roehler arbeitet sie mit dem Regisseur die letzte Phase im Leben seiner Mutter auf, in "Mein letzter Film" von Oliver Hirschbiegel hält sie den preisgekrönten Monolog einer Schauspielerin, die über die Höhen und Tiefen ihres Lebens berichtet, in "Kirschblüten-Hanami" von Doris Dörrie spielt sie eine Frau, deren Mann (Elmar Wepper) nach ihrem Tod versucht, ihr Leben aufzuleben, und in "Alles auf Zucker" von Dani Levy ist sie Marlene, die Frau des jüdischen, arbeitslosen Sportreporters Jaeckie Zuckermann (Henry Hübchen) aus der DDR, der in Finanz- und anderen Schwierigkeiten steckt.

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Hannelore Elsner 2008

(Foto: REUTERS)

In "100 Dinge" spielte sie die Mutter von Florian David Fitz und sicher nicht nur Matthias Schweighöfer dachte: "Wow, so eine Mutter müsste man haben!" Im Fernsehfilm "Familienfest" war sie die Ex-Frau eines Patriarchen (Günther Maria Halmer), die der zweiten Frau gehörig auf die Nerven geht. Und dies sind nur einige Facetten der eleganten Elsner, die einem spontan einfallen. Immer traf sie den richtigen Nerv zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie, Melancholie und Witz. Sie spielte irgendwie alle an die Wand, ohne sie an die Wand zu spielen, sie war präsent, ohne anderen den Raum zu nehmen, sie war wunderschön anzusehen, und zwar auch dann, wenn sie auf "alte Frau" getrimmt wurde. Denn eine alte Frau war sie irgendwie nie. 

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2011 mit Sohn Dominik

(Foto: dpa)

Wir behalten Bilder von Hannelore Elsner im Kopf, wie sie in den Armen eines Mannes liegt, mit einer Zigarette zwischen den Fingern, wir haben aber auch Bilder im Kopf, auf denen sie allein steht, stolz und gerade, oder mit Kolleginnen wie mit Iris Berben, der anderen Grande Dame des deutschen Films. Und es gibt Bilder, die sie mit ihrem Sohn Dominik zeigen, als Baby, als Mann. Der Sohn, der sie oft begleitete, den sie aber ziehen ließ, der, laut einem Interview in der "Bild"-Zeitung, schon immer "jede Frau mit seiner Mutter verglich", der gerne einen Vater gehabt hätte (sein Vater war Dieter Wedel, aber das ist keine passende Geschichte an dieser Stelle), der seiner Mutter aber alles verzieh, weil sie ihm großartig zur Seite stand, immer.

Hannelore Elsner hinterlässt eine riesige Lücke, Kollegen wie Mario Adorf, Henry Hübchen, Veronica Ferres oder Jan Josef Liefers trauern um die großartige Diva des deutschen Films. Einer fasst es besonders schön zusammen: "Du weißt ja, ich fand dich großartig und ich habe mich jedes Mal ein Stückchen mehr in dich verliebt", schreibt Matthias Schweighöfer. Dass Hannelore Elsner nun nicht mehr unter uns ist, wird noch lange wehtun.

Quelle: n-tv.de

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