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"Polizeiruf - Das Gespenst der Freiheit": Farim Koban tritt der Mutter und dem Bruder des getöteten Rayhan Sahil gegenüber.
"Polizeiruf - Das Gespenst der Freiheit": Farim Koban tritt der Mutter und dem Bruder des getöteten Rayhan Sahil gegenüber.(Foto: Hagen Keller/X Filme Creative Pool Entertainment GmbH/BR/dpa)
Samstag, 18. August 2018

"Polizeiruf 110" aus München: "Heil Hitler, Herr Staatsanwalt"

Von Ingo Scheel

Wenn man es nicht schon wüsste, spätestens jetzt wäre klar: Hanns von Meuffels hat keinen Bock mehr. Den Garaus machen ihm in seinem vorletzten Fall so ziemlich alle: Brutale Rechtsextremisten, zynische Kollegen und die Leute vom Verfassungsschutz.

"Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg" - so singt Jochen Distelmeyer im Blumfeld-Song "Verstärker" aus dem Jahre 1994. Folgt man Regisseur Jan Bonny und seinem Kameramann Nikolai von Graevenitz durch ihre düstere Geschichte vom "Gespenst der Freiheit", so scheint es fast, als hätten sie sich an diesem so starken Bild orientiert.

Farim Koban und Hanns von Meuffels, der Kommissar mit dem traurigen Blick.
Farim Koban und Hanns von Meuffels, der Kommissar mit dem traurigen Blick.(Foto: Hagen Keller/BR/X Filme Creative Pool Entertainment GmbH/dpa)

Das Büro, in dem Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) zwischen Zimmerpalme und funktionalem Mobiliar sitzt. Die wie aus der Welt gefallene Neon-illuminierte Bar, in der die Neonazis einander unter "Sieg Heil"-Rufen zuprosten, während im Hintergrund Fußball über die Großleinwand flimmert. Die Zelle, in der Farim Kuban (Jasper Engelhardt) über Nacht zerbricht und zum willfährigen Informanten wird. Die unmöblierte Wohnung, in der Kuban seinen Mentor vom Verfassungsschutz trifft - alles geschlossene Räume, alles Särge, darin lebende Tote: Der charismatische Kolthoff (Christian Erdt), der sich als intellektuellen Kopf der Hinterzimmer-Faschos sieht. Farim selbst, der blindlings in den Untergang stolpernd. Seine Freundin Glupschi (Ricarda Seyfried), die sich ihm erst zu-, dann von ihm abwendet, um am Ende zwischen den Fronten ebenso zermalmt zu werden wie Farim.

Drei Fronten: Nazis, Polizei, Verfassungsschutz

Und schließlich Peter Röhl, teuflisch gut dargestellt von Joachim Krôl, der den Verfassungsschützer mit der Doppelbödigkeit eines Gert Fröbe spielt, vom guten Onkel mit Cola und Keksen hin zum brutalen Manipulator, der über Leichen geht. Und offensichtlich seinen Spaß daran hat. Die Geschichte selbst beginnt mit dem Mord an einem Mann muslimischer Herkunft. Vier Jugendliche überraschen ihn dabei, wie er in einem Fußgängertunnel versucht, eine Frau zu vergewaltigen. Am Ende ist der Mann tot, brutalst zusammengetreten. Seine Mörder entpuppen sich als Neonazis, unter ihnen auch Farim Kuban, der in den Fokus der Ereignisse rückt.

Das alles gemahnt früh an die Schlagzeilen der letzten Monate und Jahre, von rechter Mob-Randale bis zum NSU-Prozess, von Auffanglagern bis zu Abschiebungen, aber das große Kontext-Fass macht Bonny an dieser Stelle gar nicht auf, viel mehr als an der politischen Gesamtlage ist er an seinen Protagonisten interessiert. "Ich bin der Auffassung, dass man keinen Film über Themen, sondern über Figuren macht. Es sind gegenwärtige Figuren und die spezielle Art und Weise, wie sich diese Figuren erzählen lassen, hat mich fasziniert", sagt der Regisseur. Und in der Tat - Bonny isoliert sein Personal fast von der Außenwelt, lässt stattdessen drei Fronten aufeinanderprallen - Nazis, Polizei, Verfassungsschutz - und erzählt so vom Netz, in dem sich alle verfangen, in dem keiner keinem mehr trauen kann, die einen verzweifelt auf der Suche sind, die anderen skrupellos manipulieren, sabotieren, intrigieren.

Und dann ist da noch Hanns von Meuffels, ohnehin leidlich abgerockt, seine geschundene Bullenseele mit handgefertigten Schuhen ein wenig besänftigend, aber im Prinzip ist er "durch". Als würden ihm "die da oben" mit diesem Fall den finalen Garaus machen wollen, entzieht man dem Kommissar mit dem traurigen Blick hier alles und jeden und am Ende auch den Boden unter den Füßen. Selbst der kurze "Heil Hitler"-Touretteanfall beim Telefonat mit dem Staatsanwalt verschafft da nur kurz Linderung. Die Zielgerade für von Meuffels ist in Sichtweite. Was überaus schade ist, ja, traurig macht, ist Matthias Brandt doch einer, dem man selbst beim gemächlichen Zapfen eines Bieres überaus gern zuschaut.

Quelle: n-tv.de