Unterhaltung

"Gewissenlose Quotenjagd" Ikke Hüftgold bricht Sat.1-Dreh ab

221652985.jpg

Matthias Distel nahm auch an der Sat.1.-Show "Promi Big Brother" teil, bei der er Zweiter wurde.

(Foto: picture alliance/dpa)

Eigentlich will Matthias Distel aka Ikke Hüftgold beim Sat.1-Format "Plötzlich arm, plötzlich reich" mitmachen. Die Zustände am Set aber empfindet er als so skandalös, dass der den Dreh direkt abbricht. Nun erhebt der Mallorca-Star schwere Vorwürfe gegenüber Produktionsfirma und Sender.

Neun Tage sollte für das soziale Tauschexperiment "Plötzlich arm, plötzlich reich" für Sat.1 gedreht werden. Mittendrin: Matthias Distel, besser bekannt unter seinem Pseudonym Ikke Hüftgold. Doch der Mallorca-Sänger brach den Dreh vorzeitig ab und macht nun der verantwortlichen Produktionsfirma ImagoTV sowie dem Sender schwere Vorwürfe.

In einem fast 20-minütigen Videostatement, das Distel bei Instagram und Facebook hochgeladen hat, beschreibt er die Zustände vor Ort und erklärt seinen Schritt, das Projekt sofort zu beenden, sehr detailliert. In der Sendung tauscht eine vermeintlich arme Familie mit einer wohlhabenden für eine kurze Zeit den Wohnort und soll so deren Lebensrealität kennenlernen. "Wenn man bereits ausgestrahlte Formate anschaut, stellt man fest, dass oft Familien mit Kindern zum Einsatz kamen", so Hüftgold in dem Video. "Alle am Format teilnehmenden Personen wurden im Vorfeld gecastet und die jeweiligen Lebensumstände wurden überprüft. Dies geschah durch von den Protagonisten selbst gedrehte Videos, durch teils lange persönliche Gespräche per Telefon oder Videocalls und durch Selbstauskünfte, die von den erwachsenen Beteiligten ausgefüllt wurden. Die Familie wurde zudem genau wie ich am ersten Produktionstag zusätzlich zu Hause durch ein Filmteam der ImagoTV GmbH porträtiert.

Team weinte nach zehn Minuten

Am Sonntag vergangener Woche dann starteten die Dreharbeiten. "Ich war nervös, freute mich aber eigentlich auf diese persönliche Erfahrung und hoffte darauf, viele Eindrücke zu sammeln, mein eigenes Leben dadurch auch mal wieder zu reflektieren und der Familie am Ende des Experimentes vielleicht sogar ein paar Hilfestellungen geben zu können." Auch die Gage sei ein Anreiz gewesen, gibt Distel zu. Dann beschreibt er die Ereignisse des Tages, und beim Betreten der Wohnung der anderen Familie traf ihn offenbar der Schock. "Die Tatsache, dass wir nach zehn Minuten Aufenthalt weinend vor der laufenden Kamera standen, soll lediglich deutlich machen, welche Emotionen beim Anblick dieser Zustände aus uns herausbrachen", so Distel. Sogar die verantwortliche Redakteurin habe mitgeweint.

"In der Wohnung hing ein Kalender, der die letzten sechs Monate der Familie dokumentiert. Jedes Familienmitglied hatte seine eigene tägliche Spalte. Die zwei jüngsten Kinder sowie die Mutter befinden sich laut Eintragungen auf diesem Kalender in psychologischer Behandlung. Ich greife jetzt schon vorweg, dass später herauskam, dass die Produktion über die Behandlung der Kinder Bescheid wusste." Er habe sich die Frage gestellt, ob man Kinder im Alter von acht und zehn Jahren mit psychischen Problemen für ein so aufwendiges Format vor eine Kamera zerren sollte. Die Kinder müssten laut Drehplan "funktionieren" und würden redaktionell geleitet, deswegen spreche er bewusst von Arbeit, so der 44-jährige Produzent und Unternehmer. "Dies erfordert selbst für Erwachsene ein hohes Maß an Konzentration, Disziplin und Ausdauer. Auch deshalb, weil Szenen ständig wiederholt werden müssen, damit der Schnitt genug Auswahl für das Endergebnis hat."

Gerade die psychische Verfassung der Kinder ließ Distel demnach nicht los, und so hakte er am folgenden Tag immer wieder nach - und erhielt "ernüchternde Antworten", wie er beschreibt. "Laut Redakteurin berief man sich lediglich auf die selbst in psychologischer Behandlung befindlichen Aussagen der Mutter und ein angebliches Telefonat mit der Familienhilfe. (...) Nachdem ich zu diesem Zeitpunkt vor der Kamera zwei Tage sehr negative Statements abgegeben hatte, weil ich einfach auch nichts Positives in diesem Umfeld entdecken konnte, wurde ich am Dienstagmorgen mit Nachdruck darum gebeten, meine Stimmung doch bitte ins Positive zu drehen, damit die Geschichte in ein 'Happy End' gedreht werden könne."

Psychische Verfassung der Kinder fraglich

ikkehueftgold_190275711_284792133394703_6235528799010218649_n.jpg

Distel ist mit dem Statement des Senders nicht einverstanden.

(Foto: instagram.com/ikkehueftgold)

Vor laufenden Kameras dann erfuhr Distel seiner Erzählung nach von einer Freundin der Mutter mehr über die Zustände innerhalb der Familie, unter anderem, "dass die Kinder in der Vergangenheit durch ihren eigentlichen Vater schwerste Kindesmisshandlungen erlitten haben sollen." Das führte seinerseits zu einem sofortigen Abbruch der Dreharbeiten. "Ich zitierte die anwesende Redakteurin umgehend ins Nachbarzimmer und fragte sie, ob der Sender Sat1, ImagoTV und das komplette Team noch alle Tassen im Schrank habe, denn ausnahmslos alle beteiligten Redakteure, sowie der Aufnahmeleiter wussten spätestens montags, dass mit schwer traumatisierten Kindern gedreht wurde. Sie wussten alle vorher, dass diese Kinder in psychologischer Behandlung waren!"

Die ebenfalls schockierte Redakteurin soll bereits im Vorfeld ihre Vorgesetzten informiert haben, zeigte Distel den Dialog. "Doch was dann passierte, hätte ich mir in den schlimmsten Albträumen nicht ausmalen können. Die Redakteurin erzählte mir, was während den letzten Tagen und Stunden in meiner Wohnung und bei den Tätigkeiten der Familie in meinem privaten und beruflichen Umfeld passiert sei." So soll einer der Jungen laut Aufnahmeleitung mehrfach den Kopf an Distels Zimmerwand geschlagen haben, um sich selbst zu verletzen. "Auf dem Weg zu einem Außendreh kotete dieser Junge sich ein. Der andere der jüngsten Geschwister stand auf meinem Balkon im vierten Stock und schrie, dass er sich jetzt umbringen würde. Zudem schlugen sich die jüngsten Geschwister mehrfach. All diese Vorfälle seien direkt der Chefetage übermittelt worden." Distel ist schockiert, dass das nicht schon zum sofortigen Abbruch der Dreharbeiten geführt hatte.

"Ethik, Moral, Anstand und das Kindeswohl wurden dabei vollkommen und in meinen Augen vorsätzlich ignoriert", sagt er weiter. "Ich beschloss am Mittwochmorgen in Absprache mit ImagoTV die Familie eine weitere Nacht bei mir zu lassen, damit wir für die Kinder einen halbwegs angenehmen Abschluss des Projektes finden konnten. Mittwochmittag lernte ich die Familie dann persönlich kennen und erklärte in Abwesenheit der Kinder, warum das Projekt von mir beendet wurde."

Distel fordert "lückenlose Aufklärung"

Familienvater Matthias Distel erklärt auch, warum es für ihn wichtig ist, diese Vorfälle nun öffentlich zu diskutieren. "Denn es geht hier um Kinder! Schwer traumatisierte Kinder, die in meinen Augen aufgrund von möglichst hohen Quoten und einer menschenverachtenden Herangehensweise die Sensationsgier der breiten Masse befriedigen sollten. (...) Ich fordere hiermit Sat.1 und ImagoTV zur lückenlosen Aufklärung der Geschehnisse auf und appelliere gleichzeitig an alle, ob im beruflichen oder im privaten Umfeld, im Sinne unserer Schwächsten, unseren Kindern, in Zukunft wachsamer zu sein!" Auch bittet er Sozialamt und Jugendamt, den Kindern Hilfe zukommen zu lassen. "Und am Ende einer für mich sehr denkwürdigen Woche bleibt in mir das Gefühl, mich mitschuldig gemacht zu haben! Mitschuldig, weil ich selbst Teil dieser perversen, deutschen Medien und Fernsehkultur geworden bin!", beendet er seine Ausführungen.

Inzwischen hat sich Sat.1 mit einem Statement zu Wort gemeldet. Darin heißt es: "Wir bedanken uns bei Matthias Distel, bekannt als Ikke Hüftgold, dass er uns über die Umstände beim Dreh zu 'Plötzlich arm, plötzlich reich' informiert hat. Unmittelbar, nachdem wir seine Mail erhalten haben, haben wir begonnen, mit der Produktionsfirma und der Familienhilfe zu reden, um der Familie zu helfen und um die Zusammenhänge aufzuarbeiten. Diese Arbeit ist noch nicht abgeschlossen. Aber es steht fest, dass Sat.1 keine Sekunde dieser Folge zeigt. Das haben wir Matthias Distel vergangenen Donnerstag schon mitgeteilt."

Ein Statement, mit dem Distel keinesfalls einverstanden ist, wie er in seiner Instagram-Story mitteilt. "Diese Aussage ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten", schreibt er dort. "Weder wurde mir das in dieser Form mitgeteilt, noch hat man sich von Senderseite mit der Familie auseinandergesetzt." Mit ihr steht er selbst nämlich weiter in Kontakt. "Für meinen Teil werde ich den Kontakt zur Familie intensivieren und werde versuchen ein Stück dazu beizutragen, dass neue Perspektiven entstehen. Ich habe diese Familie gestern Abend in einem ausführlichen Gespräch über diesen Schritt informiert."

Quelle: ntv.de, nan

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.