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"Du dumme Sau" Klaus Kinski, Ausnahmekünstler und Monster

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Er polarisierte Zeit seines Lebens - und tut es noch: Klaus Kinski.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Dass Genie und Wahnsinn oft dicht beieinanderliegen, bewies wohl kaum einer mehr als Klaus Kinski. Doch hatte man sich über seine irren Ausbrüche dereinst vielleicht noch amüsiert, liegt inzwischen ein dunkler Schatten über seiner Vita. Jetzt wäre Kinski 90 geworden.

Kritikfähig sein, die Meinungen anderer respektieren und besonnen durchs Leben gehen - Klaus Kinski war die Antithese all dieser Tugenden. Aber fernab seiner legendären Wutausbrüche, die er stets mit garstiger Fratze herausspie, und des Scheusals, als das ihn seine Tochter Pola vor einigen Jahren entlarvte, war er nun mal ein großartiger Schauspieler. Einer, der die Bezeichnung "großartig" noch als Beleidigung auslegte - schließlich, so der "liebste Feind" von Regisseur Werner Herzog einst gewohnt aufbrausend, seien seine Leistungen nicht minder als epochal, als monumental. Am 18. Oktober 2016 wäre die Bescheidenheit in Person 90 Jahre alt geworden.

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Kinski starb 1991 mit 65 Jahren an einem Herzproblem.

(Foto: imago/United Archives)

Sich selbst sah Kinski gerne als den missverstandenen Underdog, den Schuhputzer und Laufburschen, dem es gelang, ein Schauspiel-Monument mit seinem Namen darauf zu errichten. Gerne betonte er, aus welch ärmlichen Verhältnissen seine Genialität entsprang - eine Armut, von der seine Geschwister rein gar nichts mitbekommen haben wollen. Stattdessen soll die Jugend des umhegten Klaus, seiner Schwester Inge und seiner beiden älteren Brüder Arne und Hans-Joachim gutbürgerlich gewesen sein. Dem geltungssüchtigen Kinski war die Wahrheit aber anscheinend nicht dramatisch genug.

"Ein Mann Wanderbühne"

Sehr wohl der Wahrheit entspricht es, dass Kinski während des Zweiten Weltkriegs als blutjunger Fallschirmjäger in britische Kriegsgefangenschaft geriet. Im "Camp 186" im englischen Colchester war es auch, wo Kinski das erste Mal eine Bühne betrat. Einem alten Spielplan ist zu entnehmen, dass ein gewisser Klaus Nakszynski, so Kinskis bürgerlicher Name, bei der Groteske "Pech und Schwefel" mitwirkte. Sein erstes Publikum bestand damit aus Kriegsgefangenen.

Nach Ende des Krieges spielte - und wütete - Kinski in verschiedenen Theatern Deutschlands. Ab 1952 machte er sich auch in Österreich einen Namen als "Ein-Mann-Wanderbühne". Alleine auf der Bühne rezitierte er Literaten wie Friedrich Nietzsche, Kurt Tucholsky oder Arthur Rimbaud. Aber auch das Neue Testament brachte Kinski auf die Bühne - und wähnte bei einem berühmten Tobsuchtsanfall zu wissen, dass Jesus "eine Peitsche genommen" und einem Kritiker damit "in die Fresse gehauen" hätte. "Das hat er gemacht, du dumme Sau!"

"Sollen wir ihn töten für dich?"

Wie das Yin und Yang des deutschen Kinos wirkte die Hassliebe zwischen Wüterich Kinski und dem stoischen Filmemacher Werner Herzog. Dabei waren sie bei ihren zahlreichen Kollaborationen beide auf ihre jeweils ganz eigene Art wahnsinnig - vielleicht verstanden sich die Brüder im Geiste deshalb auch so gut. Herzog etwa drohte während der Dreharbeiten von "Aguirre - Der Zorn Gottes", zuerst Kinski und dann sich selbst abzuknallen, sollte der Mime den Dreh abbrechen. Doch wenig später lagen sich die beiden schon wieder in den Armen.

Einen schon beinahe legendären Ausraster, den man sich auch bei Youtube ansehen kann, bekam Kinski am Set von "Fitzcarraldo". "Gegen Schluss der Dreharbeiten boten mir die Indianer an, dass sie den Kinski ermorden würden für mich", erinnerte sich Herzog später in einem TV-Interview. "Sie sagten: 'Sollen wir ihn töten für dich?' Die waren ganz ernst, sie hätten ihn tatsächlich ermordet, wenn ich das gewollt hätte."

Tochter erhebt Missbrauchsvorwürfe

Dass ein Choleriker wie Kinski ein durch und durch gefürchteter Vater war, für diese Erkenntnis muss man kein Psychologe sein. Doch schockte Tochter Pola 2013 in ihrem Buch "Kindermund" mit grausamen Offenbarungen, die man selbst einem so oft unter Beweis gestellten Ekel wie Kinski nicht zutrauen wollte. 1952 in Berlin geboren, bezichtigte sie ihren Vater des schweren sexuellen Missbrauchs. Die Übergriffe begannen demnach, als sie 5 Jahre alt war und endeten erst mit 19. 

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Pola Kinski erhebt gegen ihren Vater schwere Vorwürfe.

(Foto: picture alliance / dpa)

Klaus Kinski kann sich nicht mehr verteidigen. Die Schilderung seiner Tochter wurde jedoch allgemein als glaubwürdig empfunden und mittlerweile auch durch Vorwürfe anderer Frauen untermauert. So erklärte seine zweite Tochter Nastassja Kinski, er habe auch sie mit Annäherungsversuchen belästigt, als sie vier oder fünf Jahre alt gewesen sei. "99 Prozent der Zeit hatte ich fürchterliche Angst vor ihm. Er war so unberechenbar, hat die Familie immer terrorisiert." Würde er heute noch leben, würde sie alles dafür tun, ihn hinter Gitter zu bringen. Auch die Moderatorin Désirée Nosbusch berichtete, sie sei als 15-Jährige während eines Interviews von ihm bedrängt und dann in einer Waldhütte eingesperrt worden.

Immer wieder Inzest-Fantasien

Und man hätte auch schon wesentlich früher hellhörig werden können. 1977 trat Kinski in der Talkshow "Je später der Abend" auf. Der Schauspieler sprach Moderator Reinhard Münchenhagen als "Münchhausen" an und pöbelte in gewohnter Manier gegen das Publikum, das ihn gleichwohl beklatschte, ehe er irgendwann sagte: "Hier kommen Sie ins Gefängnis, wenn Sie mit einem zwölfjährigen oder vierzehnjährigen Mädchen schlafen, im Orient verheiraten sie sich mit elf Jahren. Was ist das für ein Unsinn?" Auch in seiner Biografie äußerte Kinski immer wieder Inzest-Fantasien, auch mit seiner Schwester Inge.

Ist es heute noch erlaubt, den Schauspieler Kinski, der 1991 in Kalifornien starb, zu bewundern? Es hat unter großen Künstlern manches Scheusal und sehr viele Egomanen gegeben. Für Kinskis Opfer ist es allerdings nicht möglich, das Leben vom Werk abzukoppeln. "Wenn ich ihn in Filmen gesehen habe, fand ich immer, dass er genauso ist wie zu Hause", sagte Pola Kinski in einem "Stern"-Interview. Sie habe ihr Buch geschrieben, weil sie es nicht mehr ertragen habe, dass Kinski immer mehr zum Genie, zum Sensiblen hochgejubelt worden sei. Tatsächlich wurde in den Würdigungen, die vor zehn Jahren zu seinem 80. Geburtstag erschienen, häufig der öffentliche Rüpel mit dem "sensiblen Privatmann" kontrastiert.

Kinski hatte auf der Kinoleinwand ohne Zweifel eine Präsenz, wie sie nur von wenigen erreicht worden ist. Aber in seiner Paraderolle als skrupelloser Verbrecher mit dem irren Blick musste er sich womöglich weniger verstellen als man es zu seinen Lebzeiten für denkbar gehalten hätte.

Quelle: ntv.de, vpr/spot/dpa