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#AlarmstufeRot-Demo in Berlin "Kultur ist kein Luxus"

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Spielten gemeinsam für die gute Sache: Rod von Die Ärzte und Arnim von den Beatsteaks (v.l.).

(Foto: imago images/Future Image)

Während im Bundeskanzleramt der nächste Lockdown beschlossen wird, zieht die von den Maßnahmen ohnehin schon gebeutelte Veranstaltungsbranche draußen vorbei. Erneut demonstriert sie für staatliche Hilfen, die in den vergangenen acht Monaten ausblieben.

Es ist der 6. März 2020. In der Berliner Max-Schmeling-Halle spielt die Hamburger Band Deichkind ein Konzert. Als die Show vorüber ist, fällt theatralisch der Vorhang. Darauf in großen schwarzen Lettern auf weißem Grund gedruckt sind die Worte: "Gute Nacht, Kinder!" Heute, gut acht Monate später, wirkt es fast wie ein böses Omen. Eine Woche nach dem Konzert wurde der bundesweite Lockdown und damit das vorläufige Ende der gesamten Veranstaltungsbranche verkündet und durchgeführt. Und während nach vier Wochen zumindest Gastronomiebetriebe und Geschäfte unter Auflagen wieder öffnen durften, liegt diese Branche bis heute am Boden und droht, immer tiefer in den Keller zu rutschen.

Aus diesem Grund kamen zum zweiten Mal Tausende Betroffene aus ganz Deutschland in Berlin unter dem Schlagwort #AlarmstufeRot zusammen, um sich Gehör zu verschaffen. Denn bis heute gibt es keine adäquate Lösung für die fast zwei Millionen Beschäftigten des Veranstaltungsbereichs. Der umfasst schließlich nicht nur die Künstlerinnen und Künstler, die seit März nicht mehr auftreten können. Veranstalter, Clubbesitzer, Roadies, Bühnenbauer, Caterer, Techniker, Security-Mitarbeiter und viele mehr haben seither keine Arbeit und damit kein Einkommen mehr. Und auch ist es nicht nur die sogenannte "Spaßgesellschaft", der man augenscheinlich ohne schlechtes Gewissen sämtliche Einschränkungen bei fehlendem finanziellen Ausgleich zumutet.

130 Milliarden Euro Umsatz

Auch Messen, Kongresse und alle damit verbundenen Positionen sind betroffen. Sie machen sogar mehr als 80 Prozent des Gesamtvolumens aus. Es ist eine Branche mit einem Umsatz von 130 Milliarden Euro allein in 2019, die damit weltweit auf Platz 3 liegt - hinter den USA und Großbritannien. Eine Branche, die im deutschen Vergleich in Sachen Arbeitsplätze noch vor der Automobilindustrie und dem Baugewerbe liegt. Eine Branche, von der unter anderem auch 50 Prozent des Flugverkehrs durch Geschäftsreisende sowie der Umsatz derer in Restaurants, Hotels und anderen Unternehmen vor Ort abhängt.

Hoffte man im März noch, die Sache sei nach drei Monaten ausgestanden, ist spätestens jetzt klar, dass der finanzielle Atem bis zum nächsten Frühjahr oder gar noch länger reichen muss, was in den wenigsten Fällen gegeben ist. Das zwingt immer mehr mittelständische Unternehmen und Solo-Selbständige in die Knie, denn Hilfen vom Staat? Bislang Fehlanzeige. Die bisherigen Konzepte greifen nicht, und während für andere Wirtschaftsbereiche Lösungen gesucht und oft sogar recht schnell gefunden werden, scheint die Politik die Wichtigkeit dieses Zweigs weiterhin gekonnt zu ignorieren. Das machten bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor diverse Redner, darunter Campino, Bernhard Brink, Dieter Hallervorden und Roland Kaiser, noch einmal deutlich. Im Kanzleramt nebenan wurden parallel nun Überbrückungshilfen für den November beschlossen, auch für Solo-Selbstständige - immerhin. Doch was ist mit den Verlusten der vergangenen acht Monate?

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Die Branche wird zu Grabe getragen.

(Foto: imago images/Chris Emil Janßen)

Frank-Walter Steinmeier ist ebenfalls zur Kundgebung geladen, erscheint aber nicht. So wirklich damit gerechnet haben die Veranstalter vom Bündnis #AlarmstufeRot, bestehend aus verschiedenen Verbänden der Branche, vermutlich ohnehin nicht. An seiner statt kommt Staatssekretär Thomas Bareiß. Eben noch auf der Ministerpräsidentenkonferenz, jetzt schon auf unserer Showbühne. Doch seine ausweichenden, beschwichtigenden und auf viele Anwesende wohl heuchlerisch wirkenden Politikerworte werden weniger wohlwollend aufgenommen als die seiner Vorredner. Buh- und Zwischenrufe werden laut.

Applaus gibt es dafür für den Bareiß begleitenden Carsten Linnemann, Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsunion und CDU-Bundestagsmitglied. Er schenkt Bareiß ordentlich ein, bringt die notwendigen Maßnahmen und das Manko der aktuellen Angebote auf den Punkt. Bündnis90/Grüne kommt unter anderem in Gestalt von Robert Habeck, Claudia Roth und Katrin Göring-Eckardt. Als Opposition sind sie schon lange Unterstützer der Bedürfnisse aller Anwesenden, auch ihnen ist Applaus garantiert. Ob die nach der ersten #AlarmstufeRot-Demo Anfang September gestarteten und seit mehr als zwei Wochen plötzlich ruhenden Gespräche nun wieder aufgenommen werden? Hoffentlich, wenn auch fraglich.

Durchdachte Hygienekonzepte ignoriert?

Dabei hat die Branche sogar gezeigt, dass sie in der Lage ist, Veranstaltungen auch unter den gegebenen Umständen durchzuführen, ohne eine Ansteckungswelle auszulösen. Unter anderem gab es Konzerte in der Waldbühne mit 5000 statt 20.000 Zuschauern unter strengen Hygienebestimmungen. Oder auch mehrere Shows der Berliner Band MiA. im Sommer vermittelten den Gästen neben Spaß bei Live-Musik auch ein hohes Maß an Sicherheit. Finanziell lohnt sich das alles unter den gegebenen Umständen natürlich nicht, es handelt sich um reine Verlustgeschäfte und den verzweifelten Versuch, die Branche irgendwie am Leben zu erhalten. All diese Konzepte und Bemühungen seien von der Politik ignoriert worden, heißt es von der Bühne.

Das Bündnis #AlarmstufeRot fordert unter anderem die Ausweitung von Überbrückungshilfen. Monatliche Deckelungen sollen aufgehoben, marktübliche Kosten zu 80 bis 90 Prozent vom Staat übernommen werden. Kreditprogramme und das Kurzarbeitergeld müssten angepasst werden, um Deutschland nach der Pandemie nicht als kulturelle Wüste zu hinterlassen. Natürlich ist es fraglich, ob sich die parallel zur Demonstration tagende Politik von dem Aufmarsch vor ihrer Tür hat beeindrucken lassen. Der nächste Lockdown ist beschlossen, der vielen Gastronomen, die zumindest unter Auflagen seit April wieder öffnen durften und so ein wenig der Verluste abfedern konnten, den Garaus machen wird. Dabei gelten Restaurants, Bars und Kneipen als recht sicher und nicht etwa als Orte, an denen sich unverhältnismäßig viele Menschen mit dem Coronavirus infizieren. Sie fühlen sich wohl zu Recht als Bauernopfer.

Während die Automobilindustrie auch in der Krise weiter Gewinne im Bereich mehrerer Milliarden einfährt, geht der Veranstaltungsbranche parallel dazu die Luft aus. Auch, dass das Rettungspaket für die Lufthansa bereits im April stand, die Veranstaltungsbranche aber seinerzeit und bis heute vertröstet wird, kam zur Sprache. All das macht die Menschen vor der Bühne wütend, und das merkte man. Die Stimmung war beim Start der Demo vor dem Roten Rathaus wie auch an deren Ende vor dem Brandenburger Tor irgendwo zwischen solidarisch und sauer. Parallel dazu startete unter #OnFire ein Lkw-, Bus- und Autokorso vom Olympischen Platz, der später hupend auch die Straße des 17. Juni passierte.

"Kultur ist lebensnotwendig"

Im Demonstrationszug gab es orientalische Tanzgruppen, mittelalterliche Dudelsackspieler, elektronische Musik und auf dem ersten Wagen Thrash Metal der Band Reactory. Zwar war der Schlager bei der Demo selbst nicht vertreten, macht sich in Form von Roland Kaiser, Bernhard Brink und Co. aber dennoch stark. Ein Schulterschluss sämtlicher Gewerke und Genres, denn alle sitzen in demselben, sinkenden Boot. Immer wieder wurde durch die Lautsprecher darauf hingewiesen, auf Sicherheitsabstände zu achten, denn natürlich darf diese Veranstaltung nicht zum nächsten Superspreader-Event verkommen. Allerdings hatte man es hier nun mal mit Profis zu tun, die sogar daran gedacht hatten, mit Technik-Cases vor dem Brandenburger Tor Barrieren aufzustellen, um den Sicherheitsabstand zwischen den Demonstrierenden zu gewährleisten.

Zum Auftakt der Abschlusskundgebung sagte Robin Schellenberg, einer der Betreiber des "Klunkerkranich" im Corona-Hotspot Berlin-Neukölln und unter anderem Mitglied der Berliner Clubcommission, den Satz: "Kultur ist kein Luxus. Kultur ist lebensnotwendig!" Besser hätte man die Dringlichkeit der Anliegen von Bündnis #AlarmstufeRot wohl nicht zusammenfassen können. Denn suchen sich die Profis der Gewerke aus der Not heraus Jobs in anderen Bereichen, werden selbst nach Corona Veranstaltungen wie davor nicht mehr möglich sein.

Quelle: ntv.de