VIP VIP, Hurra!Laura Müllers Brüste und Goethe auf Onlyfans
Die Promikolumne von Verena Maria Dittrich
Laura Müller lässt sich die Brüste machen, Goethe wird aus dem Lehrplan gedrängt, und alle nennen es Fortschritt. Doch zwischen Onlyfans und Skalpell verschiebt sich gerade etwas Grundsätzliches. Warum optimieren wir Körper immer weiter, während wir bei der Bildung immer mehr abbauen?
"Bitte nicht schon wieder die Wendler-Gattin!" Lieber Leser, ich weiß, dass Sie das jetzt gewiss denken, und Sie haben auch jedes Recht, genervt zu sein, aber vertrauen Sie mir: Das Thema ist wichtig. Laura Müller hat sich die Brüste vergrößern lassen. Ja, das ist die Meldung.
Aber dahinter steckt viel mehr, nämlich ein System, das sich in die Gehirne unserer Gesellschaft frisst und - so scheint es mir zumindest - bereits große Areale im Oberstübchen in Beschlag genommen hat. Natürlich kann man die Meldung von den "Kirschen" der Laura Müller, die nun zu "Melonen" geworden sind, als klassische Nachricht aus dem Boulevard verbuchen und dann wieder vergessen, klar.
Die Frau von Michael Wendler ist 25 Jahre alt, inzwischen zweifache Mutter, und macht jetzt genau das, was in der Influencer-Welt offensichtlich als großer Karriereschritt gilt. Wer glotzen will, wie die neuen Brüste aussehen, muss sich dafür erstens bei Onlyfans anmelden und zweitens natürlich blechen. So läuft der Hase, und das offensichtlich ziemlich gut.
Hier geht es aber schon lange nicht mehr um eine junge Frau, die sich, wie viele weitere, unters Messer gelegt hat. Laura Müller steht stellvertretend für eine ganze Generation, in der körperliche Eingriffe als Antwort auf die eigene Unzufriedenheit gelten, die übrigens fast immer gleich begründet wird. Der Körper habe sich nach der Schwangerschaft "zum Negativen" verändert. Das sei alles so schrecklich, dass man schon gar nicht mehr man selbst sei. Derlei Sätze gegen Mutti Natur fallen inzwischen so oft, dass sie kaum noch hinterfragt werden. Dabei sagen sie viel aus über den ganzen Druck, unter dem Frauen, vor allem auch junge Mütter, zu stehen scheinen.
Brustvergrößerung? Easypeasy!
Fast parallel dazu kündigt eine weitere prominente Dame an, sich die Brüste vergrößern zu lassen. Ihr Name: Jessie Cave. Den Eingriff möchte sie sich - so ein Zufall aber auch - über Onlyfans finanzieren lassen.
Einem größeren Publikum wurde Cave als Lavender Brown aus den "Harry Potter"-Filmen bekannt. Wie groß der neue Busen sein soll, dürfen ihre Abonnenten bestimmen. Auch Cave spricht offen darüber, dass ihr Körper ihr nach vier Kindern fremd geworden sei und sie sich ihn nun zurückholen wolle. In erster Linie, so sagt sie, ginge es ihr um Selbstbestimmung. Die Nummer aber als reinen Freiheitsakt zu sehen, vor allem, wenn das Ganze so eng mit Onlyfans verknüpft ist - eher zweifelhaft.
Was an den Beispielen dieser beiden Frauen sichtbar wird, ist etwas, das weit über individuelle Entscheidungen hinausgeht: Der weibliche Körper ist Produkt und Bezahlmodell zugleich. Eingriffe werden nicht mehr versteckt, sondern ganz offen mit dem Publikum, "den Fans", kommuniziert und monetarisiert. Je jünger die Frauen, desto selbstverständlicher scheint der Umgang mit OPs zu sein. Kein Wunder. Schließlich wird einem ja an jeder zweiten Ecke suggeriert, wie easypeasy eine Brustvergrößerung inzwischen wäre. Das sei ja alles auch nicht mehr vergleichbar mit der Zeit vor 20 Jahren, diese ganzen neuen Techniken seien ja schlicht revolutionär.
Gleichzeitig wird erstaunlich wenig offen über Risiken gesprochen, als wären derlei medizinische Eingriffe inzwischen vollkommen harmlos. Dass dies eine Illusion ist, fällt dabei natürlich gerne hinten runter. Skandale sind schließlich nicht gut fürs Geschäft.
Und inzwischen suggeriert ein immer aggressiveres und subtileres Marketing, Eingriffe wie Filler und sogar Fadenlifting seien Spaziergänge, die man auch schon mal in der Mittagspause vornehmen könne. Vermutlich haben die wenigsten Frauen von dem Skandal um eine Berliner Klinik gehört, in der über Jahre Filler gespritzt wurden, die als sicher galten und bei zahlreichen Patientinnen massive Schäden verursachten.
Oh, ein ausgeruhtes Forever-35-Gesicht!
Die Folgen: zerstörtes Gewebe und lebensbedrohliche Komplikationen. Sogar Amputationen waren zu beklagen. Dieser Skandal ist mitnichten ein Einzelfall, sondern Ausdruck eines Marktes, der von enormen Gewinnspannen lebt. Und solange so reichlich Nachfrage da ist, wird gespritzt, was der Geldbeutel herhält.
Gleichzeitig wird ein Schönheitsideal propagiert, für das es gefühlt jeden Tag einen neuen Namen gibt, der immer furchtbar en vogue klingt. Zu diesem Trend gehört auch das sogenannte Forever-35-Gesicht. Also nicht mehr ganz so jung, aber bitte bloß nicht alt!
Wer ein Forever-35-Gesicht hat, suggeriert seinem Umfeld, in einer Welt, die aus den Fugen gerät, alles im Griff zu haben. Frei nach dem Motto: Ich sehe halt so jung aus, weil ich ausgeruht bin, erholsamen Schlaf habe und meditiere, während im Hintergrund die herrlich entspannende Klangschalen-Mucke läuft. Na klar!
Das ist alles so perfide, weil hier eine vermeintliche Reife vorgegaukelt wird, ohne das wahre Alter zuzulassen. Bestes Beispiel: Kris Jenner, die Mutter von Kim Kardashian, die mit ihrem Forever-35-Gesicht inzwischen jünger aussieht als ihre Tochter. Und alle reden immer von Würde, während es in Wahrheit um jede Menge Knete und Eingriffe geht. Wer also mit 60 aussieht wie 35, gilt als bewundernswert. Aber was ist mit den 35-Jährigen, die auch aussehen wie 35? Problem!
Parallel dazu passiert in unserer Gesellschaft etwas, das auf den ersten Blick nichts mit Brüsten oder verjüngten Gesichtern zu tun hat, aber eng damit verwoben ist. Die Bildung wird zurückgefahren, Lerninhalte an den Schulen immer mehr vereinfacht. Wozu braucht man heutzutage auch Goethe? Schließlich liest man bei Onlyfans nicht aus den Leiden des jungen Werther vor. Klassische Literatur, Mauerfall, DDR-Geschichte? Offensichtlich nicht nur verzichtbar, sondern eine Zumutung.
Der Körper wird perfektioniert, der Geist geschont. Jugendliche sollen sich ausdrücken, aber bitte nicht zu kompliziert. Frauen sollen selbstbestimmt sein, aber bitte attraktiv. Der Aufwand für Optimierung steigt rasant, während der Anspruch an Bildung immer weiter sinkt. Und beides wird uns - und das ist wirklich absurd - auch noch als Fortschritt verkauft.
Laura Müllers Brustvergrößerung ist deshalb viel mehr als eine Gossip-Meldung, sondern Teil eines größeren Bildes, in dem der Körper zur Währung geworden ist und das Denken zur Nebensache. Und Jessie Caves Abstimmung ihres Onlyfans-Publikums, welche Körbchengröße sie sich zulegen soll, fügt sich da nahtlos ein.
Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass es mir hier nicht um Laura Müller oder Jessie Cave als Einzelpersonen geht, sondern um eine Schieflage, die, wie ich finde, viel zu wenig als solche benannt wird. Wir investieren enorm viel Geld und Risiko in unsere Optik, während wir gleichzeitig bereit sind, Geschichte, Sprache und Bildung zu vereinfachen. Das ist eine Gesellschaft, die sich lieber neu formen lässt, als sich ernsthaft mit sich selbst auseinanderzusetzen. Ich bin der festen Überzeugung, dass, wenn das so weitergeht, "Melonen" unser kleinstes Problem sein werden.