Unterhaltung

Auftritte? Verdamp lang her! Niedecken fragt sich, ob er es noch hinkriegt

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Wolfgang Niedecken (r.) und Percussionist Manfred Schmal Boecker 1980 bei einem BAP-Konzert in Köln - sie beide hatten 1976 die Band gegründet.

(Foto: imago/Friedrich Stark)

Fast wäre Wolfgang Niedecken schon vor zehn Jahren abgetreten - den Schlaganfall von damals sieht er heute als Warnschuss. Nun wird er 70 und hat noch Pläne - aber er zweifelt an ihrer Verwirklichung. Und am Verstand der "Querdenker".

"Verdamp lang her", dass die Band BAP das letzte Mal auf der Bühne stand. Im August 2019 war das - und der nächste Auftritt lässt noch lange auf sich warten. Vermutlich erst im kommenden Jahr wird die Rückkehr auf Tour sein. BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken wird über diese Pause 70 Jahre alt geworden sein - am 30. März ist sein runder Geburtstag, der Corona-konform nur im kleinen Kreis stattfindet.

Er könne nicht ausschließen, dass er bis zum nächsten Auftritt ein bisschen einroste, sagte Niedecken dem "Mannheimer Morgen". "Wenn es mit BAP 2022 nicht wieder losgeht, dann mache ich mir womöglich irgendwann Sorgen, ob ich es noch hinkriege. Man wird ja nicht jünger", sagte Niedecken. Andererseits erwarte ja keiner mehr von ihm, dass er "wie einst im Mai auf der Bühne den wilden Mann markiere".

Musikalische Vergangenheitsbewältigung

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Immer klar gegen rechts: Niedecken im August 2020 bei der Aktion "Glanz statt Hetze", bei der im Gedenken an die NS-Opfer Stolpersteine gereinigt werden.

(Foto: imago images/Future Image)

Tatsächlich gelang es BAP mit dem "wilden Mann" Niedecken als einer der wenigen Gruppen in Deutschland, mit Mundart deutschlandweit zu einer Größe zu werden. Der BAP-Ohrwurm "Verdamp lang her" von 1981 zählt bis heute zu den erfolgreichsten Songs der Gruppe - gefolgt von "Kristallnaach", einer politisch-poetischen Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung.

Mit Niedeckens Texten im Kölner Dialekt wurde BAP in den 80er-Jahren Deutschlands erfolgreichste Rockband. Damals, in der großen Zeit der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung, trafen die Kölschrocker das Lebensgefühl einer ganzen Generation - mit Songs wie "Drei Wünsche frei" gegen Aufrüstung, aber auch mit Balladen wie "Do kanns zaubere" (Du kannst zaubern) sowie mit Stücken gegen Rassisten und Neonazis. Auch in der DDR war die Band sehr bekannt und beliebt.

"Bapp" - das kölsche Wort für Papa

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Mittlerweile ist Niedecken, der auch Soloalben veröffentlichte, das letzte Mitglied der Urbesetzung von BAP.

(Foto: imago images/Just Pictures)

Ohne Niedeckens kölsche Texte wäre der Erfolg von BAP - der Bandname ist vom rheinischen Wort für "Papa", Bapp, abgeleitet - nicht vorstellbar gewesen. Der aus der Kölner Südstadt stammende Sohn eines Lebensmittelhändlers gründete die Band zusammen mit seinem Freund Manfred Boecker 1976 während seines Studiums der Malerei an der Kölner Fachhochschule.

Damit entstand in der Kölner Musikszene etwas völlig Neues: Lieder im Kölner Dialekt waren bis dahin dem Karneval und Mundartgruppen wie den 1970 gegründeten "Bläck Fööss" vorbehalten. Eine Rockband auf Kölsch - das gab es vor Niedecken nicht. Es sei für ihn immer klar gewesen, dass er nicht Englisch oder Hochdeutsch singen werde, sagte der schon in seinen Jugendjahren von Bob Dylan faszinierte Niedecken später in einem Interview. Mittlerweile ist Niedecken, der auch eine Reihe von Soloalben veröffentlichte, das letzte Mitglied der Urbesetzung von BAP.

Schlaganfall 2011 - Schock und Warnschuss

Im November 2011 reagierten viele Fans schockiert auf einen Schlaganfall Niedeckens. Doch dieser erholte sich schnell von der Erkrankung, die er im Nachhinein als Warnschuss ansieht.

Der in zweiter Ehe verheiratete Vater von vier Kindern und Großvater eines Enkelkinds ist neben der Musik vielfältig politisch engagiert. Überbewerten will er seinen Einfluss nicht. Er bilde sich nicht ein, dass er als Künstler schlauer sei als sein Schuster oder sein Zahnarzt. "Sagen zu wollen, wo es langgeht, wäre anmaßend."

"Querdenker sind Realitätsverweigerer"

Doch auch im fortschreitenden Alter lassen ihn Radikalisierungen nicht kalt. 2015 bewegte ihn stark die Flüchtlingskrise und die damit wieder aufkommende Ausländerhetze. Derzeit sind es die Corona-Leugner und sogenannten Querdenker.

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"Die Querdenker sind Realitätsverweigerer", sagte Niedecken der "Rheinischen Post". Beim Gedanken an Querdenker-Demonstrationen landet er auch wieder bei seinem politischen Lebensthema, der deutschen NS-Vergangenheit.

Spätestens wenn bei einer Demonstration die Reichskriegsflagge geschwenkt werde, müssten Demonstranten sagen, dass sie sich damit nicht gemein machen wollten. "Das sind Leute, die einen Keil in unsere Gesellschaft treiben wollen - es muss ganz klar sein: Mit Nazis marschiere ich nicht."

Quelle: ntv.de, abe/AFP

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