Unterhaltung
Freitag, 12. Januar 2018

Der Junge mit dem goldenen Haar: Ronan Farrow, Hollywoods Investigativ-Prinz

Von Sabine Oelmann

Wir wissen, wer den Hashtag "MeToo" erfunden hat. Wir können uns identifizieren oder solidarisieren. Oder auch nicht. Aber kennen wir den, der den Stein ins Rollen gebracht hat: ein Mann namens Ronan Farrow, dessen Leben sich gerade wie ein Thriller liest.

Ein schlanker, junger Mann läuft durch die Straßen New Yorks. Es dämmert, der hochgeschlagene Kragen seines Mantels schützt ein wenig vor dem kalten Nieselregen. Er hört Schritte, bleibt stehen - keine Schritte mehr. Er geht weiter, er hört wieder Schritte. Er geht schneller, die Schritte werden schneller. Er rennt los. Was sich anhört wie die Anfangssequenz eines Film Noir ist eine wahre Begebenheit aus dem Leben des Mannes, der die Sexismus-Debatte in Hollywood rund um Harvey Weinstein ins Rollen gebracht hat. Ja, er hat herumgeschnüffelt - und er hat in ein Wespennest gestochen. Ein Wespennest, von dem alle wussten, dass es da ist, aber immer so taten, als gäbe es nur Bienchen und keine Wespen oder gar Hornissen. Und herumschnüffeln - das klingt so negativ - auf dem Cover von "The Hollywood Reporter" heißt es daher: "The Prince Who Torched The Castle". Also der Prinz, der das Schloss - in diesem Fall ein Schloss namens Hollywood - abgefackelt hat. Mit einem Feuer, das wahrscheinlich mehr Schaden angerichtet hat, als alle Buschbrände in Kalifornien zusammen. Aber auch ein Feuer, das eine Schneise geschlagen hat - eine Schneise zu den Opfern eines der größten Skandale aller Zeiten. Jetzt ist es an der Zeit, aus den Opfern Gewinner zu machen. 

Verheiratet von 1966 - 1968: Sinatra und Farrow.
Verheiratet von 1966 - 1968: Sinatra und Farrow.(Foto: imago/UPI Photo)

Die Rede ist von Ronan Farrow, dem Mann, der aussieht wie eine Mischung aus James Dean und Frank Sinatra, (mit dem Ronans Mutter Mia Farrow sehr jung und sehr kurz verheiratet war - vor Woody Allen - und mit dem sie noch lange nach der Scheidung eine sehr gute Beziehung gehabt haben soll). So gut, dass sie hin und wieder selbst andeutet, dass er der Vater ihres Sohnes sein könnte. Ronan allerdings erkennt Woody Allen trotz seines gespaltenen Verhältnisses zu ihm als Vater an. Ronan Farrow nun dürfte sich mit seinen Enthüllungen sehr viele Feinde gemacht haben. Vor allem unter Männern. Aber auch ein paar Freunde - vor allem unter Frauen. "Mein familiärer Hintergrund hat mich bereits in einem jungen Alter gelehrt, was Missbrauch ist", sagt Ronan Farrow im Branchenblatt "The Hollywood Reporter" - was den hochbegabten Jungen mit dem goldenen Haar und dem überdurchschnittlichen Geist nicht davon abgehalten hat, sich dieses komplexen, unappetitlichen Themas anzunehmen.

Alles hätte so schön sein können: diese süße Mutter und dieser irgendwie zauselige, intellektuelle Regisseur, die einen Haufen Kinder adoptierten und diesen ein Zuhause gaben. Die zur New Yorker Elite gehörten und zu Hollywoods Besten. Die ihren Kindern alles bieten konnten. Vielleicht wurde dieses "Alles" dann von Vater Woody Allen etwas "zu großzügig" interpretiert: Dylan Farrow, Ronans ältere Schwester, hat ihren Vater des sexuellen Missbrauchs angeklagt, und die Tatsache, dass er schon seit Jahren mit der Adoptivtochter seiner Ex-Frau Mia Farrow verheiratet ist, macht ihn wahrlich nicht zu einem Heiligen. Nun gehört er zu der unrühmlichen Riege derer, die in den Sexismus-Skandal verwickelt sind, und es werden täglich mehr. Kein Trost.

"Es geht nicht um mich"

Ronan Farrow - der Junge mit dem Engelsgesicht und dem blonden Haar
Ronan Farrow - der Junge mit dem Engelsgesicht und dem blonden Haar(Foto: imago/Future Image)

Zurück zu Ronan Farrow. Am 10. Oktober schlug eine Bombe in Hollywood ein: Farrows Text über Machtmissbrauch und Vergewaltigung, Sexismus und Castingcouches erschien im Magazin "The New Yorker". Es ist nicht so, dass Ronan Farrow nicht schon früher versucht hätte, sein Wissen unterzubringen, bei Sendern, bei Verlagen, aber er wurde abgelehnt. "Zu heiß", hieß es oft. "Zu involviert", hätte es aber eigentlich heißen müssen. "The Times" hat zwar auch schon berichtet, aber so tief, so ins Detail gehend wie das im "New Yorker" geschehen ist, hatte sich das keiner zuvor getraut. Über ein Jahr Recherche, 300 Interviews und Behaarlichkeit haben den 30-Jährigen inzwischen zu einem Medien-Liebling gemacht. Und obwohl er der journalistische Held der Stunde ist, bleibt er eher zurückhaltend: "Es hat mich sehr berührt, wie offen mir die Menschen irgendwann ihre Geschichten erzählt haben", so Farrow zu "The Hollywood Reporter". "Die Leute kommen zu mir und bedanken sich, aber hier geht es nicht um mich, es geht um die Frauen, die mir ihre Geschichten erzählt haben."

Ganz viel ging es dabei wohl auch um seine Schwester Dylan, die einen offenen Brief über den Missbrauch ihres Vaters an ihr schrieb. "Irgendwann musste ich mich zu dem, was meine Schwester da schrieb, positionieren", so Ronan Farrow. Deswegen ging er die Sache aus der journalistischen Betrachtung an. "Es ist wahr, ich kann es nicht leugnen, ich muss etwas tun", fasst er zusammen. Und : "Was Hollywood mit diesen Informationen nun anfängt, ist nicht mehr meine Sache." Denn Hollywood lässt seine ehemaligen "Helden" - siehe Harvey Weinstein, Kevin Spacey - fallen. Gerade sagte beispielsweise Regisseurin und Schauspielerin Greta Gerwig ("To Rome With Love"), sie wolle nie wieder mit Woody Allen zusammen arbeiten.

Der kleine Ronan 1993 mit Woody Allen
Der kleine Ronan 1993 mit Woody Allen(Foto: AP)

Man hat fast den Eidruck, dass jetzt, wo Ronan Farrow seine Story losgelassen hat und die Geschichten anderer Missbrauchsopfer ihren Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben, er selbst ein wenig milder wird. So lässt er die Leser des "Hollywood Reporter" an seinen Gedanken zu seiner Kindheit, die er dennoch auch mit positiven Erinnerungen verbindet, teilhaben: Zehn adoptierte Geschwister haben den Jungen, der mit 15 die Schule abschloss ("Ich war ein Super-Nerd"),  vor dem "New Yorker" als Investigativreporter für die TV-Sender MSNBC und NBC arbeitete und vor seiner journalistischen Karriere als Berater der Regierung unter Barack Obama und unter Hillary Clinton im Außenministerium tätig war, sehr schnell sehr reif werden lassen: "Meine Geschwister sind Menschen, die von der Welt vergessen wurden. Zu einem Egomanen konnte man sich in dieser Familie, in der es Kinder mit großen Problemen gab, nun wirklich nicht entwickeln. Man sieht vieles aus einer anderen Perspektive."

Vier Jahre musste Farrow in einem Rollstuhl verbringen, weil er sich eine Knocheninfektion im Sudan zugezogen hatte. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, mit 18 in Yale Jura zu studieren. Sein Selbstbewusstsein konnten nicht einmal die unsexy Hosen erschüttern, die er tragen musste, weil er Prothesen an den Beinen hatte: "Das ist zwar nicht schön im Leben eines Heranwachsenden, wenn man möglichst so sein will wie alle anderen, aber das war ich ja noch nie"; erzählt er dem "Hollywood Reporter". "Ich bin unter einem Miskroskop aufgewachsen, und bin es gewohnt, dass alles, was ich mache, bewertet wird. Ob  man es nun mag oder nicht, es ist ok."

Ganz großes Ding

Farrow hat 500.000 Follower auf seinen Social Media Kanälen - und die Reaktionen der Nutzer lassen ihn bis heute nicht kalt. Er hat wird auch emotional, wenn er darüber nachdenkt, dass die Aufmerksamkeit für die Opfer des "Weinstein-Skandals" so viel höher ist, als wenn er über die Opfer sexueller Gewalt in Flüchtlingscamps im Mittleren Osten oder in Afrika berichtet. "So verletzlich die Frauen auch sind, mit denen ich über Weinstein gesprochen habe, so unvorstellbar ist jedoch die Situation von Frauen in diesen Lagern, in denen sie vollkommen isoliert sind und oft auch noch die Kinder ihrer Vergewaltiger austragen müssen. Da ist das Schlimmste, worüber ich je berichtet habe."

Zu seiner Recherche im Fall Weinstein kam es eher beiläufig: Er erfuhr von einem Tweet von Rose McGowan, in dem sie über Weinstein twitterte, ohne seinen Namen zu nennen. Dennoch wusste jeder, von wem sie sprach. Farrow konnte sie für ein Interview gewinnen, und kurz darauf bekam er die Tonbandmitschnitte der New Yorker Polizei in die Hände, auf denen zu hören ist, wie das italienische Model Ambra Battilana Gutierrez von Harvey Weinstein belästigt wird. Zum Ende des Sommers 2017 hatte er diverse weitere Zeugen gesprochen, bis dato noch ohne ihre Namen preiszugeben. Es war klar, dass er ein ganz großes Ding in der Mache hatte. Warum die Frauen ausgerechnet ihm das alles erzählten? Weil er ein guter Zuhörer ist, sagt ein Freund. "Er bedrängt einen nicht, er verurteilt nicht, er ist umsichtig. Es geht ihm nicht einfach um eine Story, es geht ihm darum, die Wahrheit ans Licht zu bringen."

Auch seine Mutter, Mia Farrow, erklärt, warum ihr Sohn an dieser Geschichte so drangeblieben ist: "Es ist nicht so, dass wir darüber zu Hause, als Familie, geredet hätten. "Ich hatte nie das Gefühl, dass diese Geschichte etwas Persönliches ist. Er ist einfach ein Reporter, mit einem riesigen Auftrag." Je mehr er jedoch in das Thema eintauchte, desto unglaublichere Dinge passierten in seinem Leben. Farrow wurde von Undercover Agenten beschattet, von mysteriösen Männern verfolgt, er bekam Drohanrufe, er zog aus seinem Apartment aus. "Natürlich hatte ich Angst um ihn, aber es ist eine Sache des Anstands, er musste weitermachen. Selbst wenn das bedeutete, dass er sich in Gefahr brachte," so Mia Farrow.  

Ronan Farrow wird in den nächsten drei Jahren investigative Dokumentationen für den US-Bezahlsender HBO ("Game of Thrones") entwickeln und präsentieren. Wir werden noch viel von ihm hören.

Quelle: n-tv.de