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Ein Ausnahmedarsteller wird 60 Tom Hanks ist … wie eine Schachtel Pralinen

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"Forrest Gump" ist Tom Hanks' Paraderolle.

(Foto: imago/United Archives)

Als Forrest Gump sorgt er für Lacher, als Aids-kranker Anwalt rührt er zu Tränen: Tom Hanks ist ein so vielseitiger wie erfolgreicher Superstar. Dass er sich in seiner langen Karriere mehrmals neu erfunden hat, merkt man ihm kaum an.

Tom Hanks ist der Konsensschauspieler schlechthin. Komödienfans können ebenso etwas mit ihm anfangen wie Cineasten. Romantische Seelen schmelzen dahin, wenn er Meg Ryan erobert, und Thrillerfans verschlingen seine Dan-Brown-Verfilmungen. Anhänger spannender Geschichtsfilme kennen ihn ebenso wie vor allem englischsprachige Zuschauer seine Stimme aus etlichen Animationsfilmen.

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Sein oft schelmisches Lächeln ist unverkennbar.

(Foto: dpa)

Blockbuster und seichte Unterhaltung, politisches Kino und Drama - kaum ein Genre, in dem sich Tom Hanks nicht schon probiert hätte. Er ist - in Anlehnung an eines seiner berühmtesten Filmzitate - wie eine Schachtel Pralinen: Man weiß nie so genau, was man kriegt. Oft freilich ist es zuckrig. Seit gut 30 Jahren gehört er zu den erfolgreichsten Schauspielern Hollywoods. Verlässlich liefert er Filme ab, unverkennbar ist sein Gesicht. Schaut man seine alten Filme, erkennt man seine typischen Züge genauso wie in seinen großen Erfolgen in den 90ern und in späteren Werken. Er mag mit der Zeit etwas zugelegt haben, mag ein paar Falten mehr haben, dieses Durchschnitts-Gesicht aber bleibt sein Markenzeichen.

Hanks verfügt nicht über die männliche Präsenz eines Marlon Brando, nicht über den manischen Blick eines Joaquin Phoenix oder die Selbstaufopferung eines Daniel Day-Lewis oder Philip Seymour Hoffman. Ein Ausnahmeschauspieler ist er trotzdem. Nicht nur, weil er ein Gespür für großartige Rollen hat. Sondern auch, weil er sich seine Figuren stets aneignet, sie unverkennbar macht. Man höre sich nur mal seine Stimme in "Forrest Gump" an - sein Südstaaten-Akzent ist eine Leistung, die dem deutschen Publikum weitgehend verborgen bleibt. Oder sein Spiel in "Cast Away" - wie er diesen Film über weite Strecken alleine trägt.

Klamauk und Romantik

Hanks ist ein Vollblutdarsteller. Schon früh entdeckte er seine Liebe zur Bühne, er studierte Schauspiel und trat am Theater auf. Es folgten der Sprung zum Fernsehen, kleine Rollen in Serien und Filmen und eine folgenreiche Begegnung: Ron Howard verschaffte ihm 1984 seine erste Kino-Hauptrolle in "Splash - Eine Jungfrau am Haken". Es war das erste von vielen gemeinsamen Projekten.

Vorerst allerdings blieb Hanks auf Komödien abonniert. Viel Klamauk war darunter, wie ihn die 80er Jahre massenhaft hervorgebracht haben: "Bachelor Party" etwa, der an die "Hangover"-Serie erinnert, "Alles hört auf mein Kommando" und "Schlappe Bullen beißen nicht". Aber Hanks spielte auch in bemerkenswerten Filmen mit, darunter "Big", "Meine teuflischen Nachbarn" und Brian De Palmas Romanverfilmung "Fegefeuer der Eitelkeiten", die ihm eine breitere Aufmerksamkeit bescherten.

Der perfekte Durchschnittsamerikaner

1993 erschienen schließlich zwei Filme, die einen ersten Höhepunkt, aber gleichzeitig einen Wendepunkt seiner Karriere bedeuteten. Einerseits "Schlaflos in Seattle" von Nora Ephron, ein unterhaltsamer Angriff auf die Tränendrüsen, der die Kritik überzeugte und das Publikum begeisterte. Andererseits spielte Hanks in Jonathan Demmes "Philadelphia" seine wohl ernsteste Rolle bis dahin: einen an Aids erkrankten, homosexuellen Anwalt, der gegen Diskriminierung kämpft. Es war der erste große Hollywood-Film, der sich mit der Krankheit auseinandersetzte. Und für Hanks war es ein radikaler Imagewandel, der ihm seinen ersten Hauptrollen-Oscar einbrachte.

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Ein Gegenentwurf zu Forrest Gump: Hanks spielt in den Dan-Brown-Verfilmungen Professor Langdon - hier in "Illuminati".

(Foto: imago stock&people)

Der kommerzielle und künstlerische Erfolg katapultierte Hanks in die erste Reihe Hollywoods - von wo er in der Folge kaum noch wegzudenken war. Mit "Forrest Gump", seiner bis heute vielleicht bekanntesten Rolle, die ihm den zweiten Oscar in Folge einbrachte, mit "Apollo 13" von Ron Howard, "Der Soldat James Ryan" von Steven Spielberg und "Cast Away" von Robert Zemeckis wurde er einer der prägendsten Darsteller der 90er Jahre. Und einer der erfolgreichsten, dank Kassenknüllern wie "The Green Mile", "e-m@il für Dich" und "Toy Story", wo er Cowboy Woody seine Stimme gab.

Bei aller Rollenvielfalt blieb der 1956 in Kalifornien geborene Hanks allerdings immer eins: ein All-American-Boy, ein Durchschnittsamerikaner, der für das "Gute" kämpft - auch wenn ihn das oft genug nah an die Grenze zur Biederkeit brachte. Er gab nicht nur Spielzeug-Cowboy, Soldat, Astronaut und Südstaaten-Naivling. Er spielte auch Baseball-Trainer ("Eine Klasse für sich"), Musik-Manager (seine erste Regiearbeit "That Thing You Do!") und FBI-Ermittler ("Catch Me If You Can"), einen Anwalt im Kalten Krieg ("Bridge of Spies"), Walt Disney ("Saving Mr. Banks") und demnächst einen heldenhaften Piloten in "Sully". Selbst sein 30er-Jahre-Killer in "Road to Perdition" ist letztlich vor allem ein sorgender Familienvater. Angesichts all dieser bodenständigen Figuren, der oft herzerwärmenden Handlung mit Happy End, dem oft nostalgischen Ton seiner Filme, aber auch aufgrund seines hohen Wiedererkennungswerts galt Hanks bald schon als Erbe einer anderen Hollywood-Ikone: James Stewart.

Kaum spürbarer Wandel

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Für "Cast Away" ging Hanks auch körperlich an seine Grenzen.

(Foto: imago stock&people)

N ur selten hat es Hanks geschafft, sich diesem Image zu entziehen. Erst im neuen Jahrtausend vollzog er einen kaum spürbaren Wandel. Nicht nur, weil er immer öfter hinter der Kamera auftrat, als Produzent von Serien ("Band of Brothers", "The Pacific") und Filmen ("My Big Fat Greek Wedding", "Mamma Mia"). Sondern auch, weil seine Figuren kritischer wurden. In Terminal spielt er einen Mann, der in die Fänge der Einwanderungs-Bürokratie gerät. In "Der Krieg des Charlie Wilson" ist er ein Abgeordneter, der in den sowjetischen Afghanistan-Krieg eingreift - mit bis heute spürbaren Folgen.

Die Literaturverfilmung "Extrem laut & unglaublich nah" setzt sich mit den Folgen von 9/11 für eine Familie auseinander, "Captain Phillips" mit Piraterie vor Somalia. Der amerikanische Traum, den Hanks in seinen Filmen so oft beschworen hat, wird hier kritisch hinterfragt - nach etlichen typisch amerikanischen Filmen nimmt der Schauspieler nun die Welt in den Blick. Tom Hanks, das Hollywood-Gewächs, der Traummann aus romantischen Komödien, ist zum Darsteller komplexer Charaktere geworden.

Dazu zählt auch eine weitere prägende Rolle: Hanks' Professor Langdon, den er in "The Da Vinci Code" und "Illuminati" und bald auch in "Inferno" spielt, ist ein Gegenentwurf zu Forrest Gump. Auch der Havard-Professor stolpert durch die Weltgeschichte, begegnet den Geheimnissen von Maria Magdalena und der Illuminaten. Doch ihm kommen nicht Glück und Zufall zur Hilfe, sondern Neugierde und Wissen. Der Film lebt nicht von Verweisen auf die US-amerikanische Popkultur, sondern auf die europäische Geistesgeschichte.

Zuletzt schließlich arbeitete Hanks mehrfach mit dem deutschen Regisseur Tom Tykwer zusammen: Zuerst in "Cloud Atlas", einem überbordenden Filmexperiment, in dem Hanks mehrere Rollen übernahm. Erst jüngst in "Ein Hologramm für den König", wo ein US-amerikanischer Manager sich von der arabischen Kultur verzaubern lässt. Auch hier lässt der Darsteller die rein amerikanische Perspektive hinter sich, die noch früher fast alle seine Filme bestimmt haben.

Dieser Wandel von Hanks ist Ausdruck seiner vielen Interessen abseits der Leinwand: Er setzt sich für die Erforschung des Weltalls ein (nicht zuletzt als "Star Trek"-Fan) und begeistert sich für Geschichte - die 60er-Jahre, das Jahrzehnt seiner Kindheit und Jugend, tauchen in seinen Filmen immer wieder auf. Er sammelt Schreibmaschinen. Und er ist immer wieder für Späße zu haben - und sei es ein obskurer Auftritt bei "Wetten, dass..?".

Trotz dieser Weltläufigkeit und einer gewissen Exzentrik, die Hanks im Grunde nur noch sympathischer macht, bleibt er aber als Erfolgsproduzent und Vizepräsident der Academy ein wichtiger Hollywood-Player. Tom Hanks ist und bleibt eben vor allem eins: ein Konsens, auf den sich alle einigen können.

Quelle: n-tv.de

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