VIP VIP, Hurra!Der langsame Tod der Oscars
Die Promikolumne von Verena Maria Dittrich
Früher ein Ereignis, heute ein müdes Zappen durch Highlights. Die Oscars verlieren Zuschauer - und ein unscheinbares Müllfoto nach der Show zeigt vielleicht deutlicher als jede Dankesrede, was in Hollywood gerade schiefläuft.
Die Oscars sind vorbei und ein paar Tage später bleiben von der ganzen ach so glanzvollen Nummer nur ein paar Memes und ein Bild, das mehr aussagt als jede Dankesrede. Ich wollte die Sache eigentlich abhaken. Geht aber nicht, denn ich gehöre spätestens seit diesem Jahr wohl zu dem wachsenden Kreis derer, die diese Veranstaltung als überinszenierte Selbstbeweihräucherung wahrnehmen, die sich für relevant hält, es aber längst nicht mehr ist.
Hilfe, bin ich zu einer verbitterten Alten geworden, eine, die sich bald das Kissen aufs Fenstersims legt und sich zu Waldorf und Statler gesellt? Denn wie jedes Jahr habe ich mir auch in diesem Jahr den Spaß angeschaut und muss Ihnen, lieber Leser, an dieser Stelle ehrlich sagen: Der Murks macht mir keinen Spaß mehr.
Okay, das Glamour-Event ist ja stets ein bisschen drüber, und es mag vielleicht auch ein Stück weit an meiner jugendlichen Oberflächlichkeit gelegen haben, denn der märchenhafte Hollywood-Pomp mit all seinen Schönen und Reichen hat mich jahrelang in den Bann gezogen. Ich will jetzt nicht unnötig übertreiben, aber es gab Zeiten, da versprühten die Oscars, zumindest für mich, einen Hauch von Magie.
Damit ist jetzt Schluss und ich möchte Sie hiermit herzlich zu meiner kleinen Oscar-Abrechnung einladen, ich versuche, respektvoll zu pöbeln, versprochen.
Da schaue ich also die Show, nippe an meinem Weißweingläschen und merke spätestens nach der dritten Dankesrede, dass ich eigentlich schlafen gehen sollte. Früher hatte ich diesen Gedanken nie oder selten. Ich blieb auch wach, weil ich nichts verpassen wollte. Inzwischen frage ich mich, ob es überhaupt noch etwas zu verpassen gibt oder ob man sich nicht einfach am nächsten Morgen in drei Minuten zusammenklicken kann, was früher eine halbe Nacht wert war.
Die sichere Rebellion
Die Oscarverleihung 2026 hatte so einen Moment ziemlich früh. Vielleicht sogar von Anfang an. Conan O’Brien, der Mann, der schon kompliziertere Situationen charmant zerreden konnte, stand da, machte Witze über alles, was irgendwie klicktauglich ist, und trotzdem passierte das, was in den letzten Jahren immer öfter passiert. Es plätscherte. Ein bisschen so, als würde jemand in einem sehr teuren Saal sehr höflich versuchen, eine Party in Gang zu bringen, die innerlich längst abgesagt ist.
17,9 Millionen Zuschauer gab es in den USA. Weltweit natürlich mehr, ich will ja nicht unfair sein. Aber selbst wenn man großzügig rechnet und die internationalen Zahlen dazunimmt, kommt man nicht mehr in Regionen, die diese Nacht einmal selbstverständlich erreicht hat. Im Jahr von Camerons "Titanic" hatten 57 Millionen allein in den Vereinigten Staaten eingeschaltet.
Doch die Oscar-Müdigkeit ist kein plötzliches Phänomen. Sie hat sich allmählich eingeschlichen. Ein bisschen wie diese Müdigkeit am Sonntagnachmittag. Alles ist vorhersehbar. Die Filme dienen oft nur noch dem Selbstzweck oder sie interessieren einen nicht wirklich. In diesem Jahr war es besonders übersichtlich. Ryan Cooglers "Blood and Sinners" gegen Paul Thomas Andersons "One Battle After Another". Zwei Filme, die beide sehr wichtig daherkommen wollen. "One Battle After Another" gewann am Ende den Preis für den besten Film und man nickte höflich, auch wenn man ihn eigentlich gar nicht mag.
Timothée Chalamet, der zwischendurch Ballett und Oper auf den Plan rief, wirkte dabei wie jemand, der genau weiß, dass er gerade in einer Branche steht, die sich selbst zu ernst nimmt und deshalb dringend jemanden braucht, der sie ein bisschen aufzieht. Das Problem ist nur, dass selbst die Ironie inzwischen nicht mehr richtig zündet, weil sie längst Teil des Systems geworden ist. Man macht sich lustig und bleibt trotzdem drin. Es ist die sichere Rebellion.
Die Oscars als digitale Resterampe
Ich habe dieses diffuse Gefühl, dass diese Veranstaltung nicht mehr weiß, was sie eigentlich sein will. Glamour, Moralinstanz, politisches Statement oder alles gleichzeitig. Aber leider nichts davon so richtig konsequent. Wenn Javier Bardem mit einem Pin auftaucht und über Kriege spricht, dann ist das erst einmal legitim. Wenn die Academy gleichzeitig hofft, dass bitte möglichst wenig politische Statements fallen, weil die Quote sonst weiter sinkt, dann ist das nicht mehr nur ein Widerspruch, dann finde ich das einfach nur noch peinlich.
Natürlich gehört Politik dazu. Kunst ist nie unpolitisch. Aber es ist ein Unterschied, ob etwas aus sich heraus entsteht oder ob es sich anfühlt, als müsse jetzt unbedingt noch etwas zeitgeistmäßiges gesagt werden. Wenn ein Pin plötzlich mehr Aufmerksamkeit erhält als ein Film, hat sich das Gleichgewicht verschoben.
Während auf der Bühne also noch gesprochen wird, passiert vor den Bildschirmen längst etwas anderes. Die Aufmerksamkeit wandert aufs Handy, auf kurze Clips, auf alles, was schneller ist und weniger bemüht. Man schaut vielleicht noch den Anfang, und den Rest holt man sich später in Form von Ausschnitten, die oft interessanter sind als das Original.
Und genau hier sehe ich diese wunderbare Ironie. Denn während im Fernsehen die Zahlen sinken, wächst im Digitalen alles weiter. ABC meldet, dass die Academy auf über 129 Millionen Videoabrufe in der Nacht der Verleihung kam. 42,4 Prozent mehr Aufmerksamkeit, nur eben anders verteilt. Man könnte sagen, die Oscars funktionieren hervorragend, nur nicht mehr als Fernsehsendung. Eher als Rohmaterial für das Internet. Als eine Art digitale Resterampe.
Eleganz vs. Müll
Ich glaube, ein Foto des leeren Saals beschreibt am allerbesten diese Veranstaltung, die nicht mehr vollständig konsumiert, sondern zerstückelt wird - in kleine, verdauliche Häppchen, die sich zwischen zwei U-Bahn-Fahrten anschauen lassen. Der große Bogen ist weg, übrig bleiben einzelne Momente, die dann wieder zusammengeschnitten werden, bis sie in einen Feed passen.
Veröffentlicht wurde besagtes Foto von dem Filmredakteur Matt Neglia. Man sieht die Sitzreihen im Dolby Theatre nach der Verleihung. Becher und Verpackungen. Es ist kein Skandal-Bild im klassischen Sinne. Es ist im Grunde regelrecht banal. Aber genau deshalb wirkt es so nach.
Man erwartet von so einer Veranstaltung ein Gefühl von Eleganz. Stattdessen sieht es aus wie nach einem mittelmäßigen Kinobesuch an einem Dienstagabend am Ku'damm. Vielleicht sogar ein bisschen schlimmer. Als hätten alle vergessen, dass diese Nacht einmal etwas Besonderes war.
Wobei ich anmerken muss, dass die Academy die Sache naturgemäß etwas anders sieht. Auf Nachfrage erklärte sie, das Bild sei aus dem Zusammenhang gerissen worden und beruhe auf einem Missverständnis. Die Gäste seien ausdrücklich gebeten worden, ihre Boxen liegen zu lassen, man lege schließlich großen Wert auf Nachhaltigkeit. Man kann das glauben.
Andere wiederum weisen darauf hin, dass es sich bei diesen Reihen ohnehin um die oberen Ränge handelt. Also jene Plätze, auf denen nicht die sitzen, deren Kleider am nächsten Tag analysiert werden. Die eigentlichen Stars sitzen unten, weiter vorne, näher an den Kameras und offenbar auch näher an der Ordnung. Dennoch passt dieses Foto erstaunlich gut zu allem anderen. Zu der Müdigkeit und zu diesem Gefühl, dass da etwas auseinanderdriftet, nämlich der große Anspruch und die tatsächliche Wirkung. Der rote Teppich und die Müllhalde danach.
Es wird immer langweiliger
Dabei hat dieses Bild fast etwas Komisches. All diese perfekt gestylten Menschen, diese maßgeschneiderten Kleider, über die wochenlang gesprochen wird, und am Ende bleibt nur Müll. Ganz profan. Fast schon poetisch in seiner Ehrlichkeit. Ich finde, da steckt auch eine unbeabsichtigte Wahrheit drin, nämlich dass hinter all dem Hochglanz eben doch nur eine Werbe-Veranstaltung steht, bei der Menschen sitzen, essen, trinken und dann gehen. Und dass das, was übrig bleibt, manchmal mehr über den Zustand einer Sache erzählt als alles, was vorher auf der Bühne gesagt wurde.
Man kann deshalb auch gut verstehen, warum die Zahlen sinken. Gewiss nicht wegen eines einzelnen Witzes, Pins oder wegen eines Films, der gewonnen oder nicht gewonnen hat. Sondern weil sich die Bedeutung verschoben hat und diese Nacht nicht mehr das ist, was sie einmal war. Das spüren auch die Zuschauer. Es genügt vollkommen, sich am nächsten Morgen kurz durch die Bildergalerien der Gewinner zu klicken.
Früher habe ich die Oscars, wie gesagt, gern geschaut. Heute schaue ich sie höchstens noch, um etwas mitreden zu können. Aber selbst das wird immer langweiliger. So, und jetzt hole ich das Kissen für den Fenstersims.