Unterhaltung
(Foto: imago/Manngold)
Donnerstag, 24. Dezember 2015

Ein Tag aus Lemmys 70 Jahren: Von Schlafmangel, Oralsex und Ohnmacht

Von Roland Peters

Seit 40 Jahren lärmen Motörhead über die Bühnen, bellt Lemmy ins Mikrofon, beißt sein Bass. Doch die Ikone des Rock'n'Roll ist alt. Seine Lebensgeschichte ist voller Klischees - und Beharrlichkeit.

Auf den Rängen sind die Arme in die Höhe gereckt, aus den Boxen schießen die Rückkopplungen, über der Bühne schwebt das Stahlgerüst eines Bombers mit rotierenden Lichtpropellern. Völlige Normalität. Lemmy sagt: "Ihr seid ein exzellentes Publikum." Die Berliner Max-Schmeling-Halle kocht über. Sitzplätze gibt es nun nur noch als Text auf den Eintrittskarten. Jeder hier weiß: Es könnte das letzte Mal gewesen sein, dass so ein Satz aus seinem Mund kommt.

Lemmy Kilmister steht da wie in den vergangenen vier Jahrzehnten, mit seinem massigen Bass, den Kopf etwas nach oben gereckt, direkt am Mikrofon. Seine Gestalt ist jedoch nur noch ein Schatten; die Beine stelzig, die Wangen eingefallen, die Arme dünn. Die Ikone des Rock'n'Roll ist eine Zeichnung des Alters geworden.

Manchmal ist seine Stimme schwach, manchmal bleibt sie weg. Genuschelt hat der "Bloke from Stoke", aus dieser Stadt im englischen Mittelwesten, schon immer. Nun ist Lemmy häufig auch dann nicht zu verstehen, wenn er einen Songtitel ansagt. Ein neues Album seiner Band Motörhead ist in diesem Jahr trotzdem auf den Markt gekommen. "Bad Magic" ist die Nummer 22.

Sorglosigkeit und Drogenhunger

Seit sieben Jahrzehnten auf dieser Welt, etwas weniger auf der Bühne: Ian Fraser "Lemmy" Kilmister.
Seit sieben Jahrzehnten auf dieser Welt, etwas weniger auf der Bühne: Ian Fraser "Lemmy" Kilmister.(Foto: imago/Future Image)

Es ist ein Bühnenwitz, dass der "49 % Motherfucker, 51 % Son of a bitch" vor 70 Jahren an Heiligabend auf die Welt kommt, dem ersten nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Er schließt sich der Band Hawkwind an. Manchmal ist Lemmy so benebelt, dass er hinter der Bühne sitzt und nicht weiß, wie er es hinaufschaffen soll. Dann muss die Crew helfen.

Sorglosigkeit und Drogenhunger ebnen ihm aber auch den Weg in die eigene Karriere. Während einer Tour durch Nordamerika bleibt der Bassist an der US-kanadischen Grenze mit illegalen Substanzen hängen, muss in Haft - und verliert im Jahr 1975 seinen Posten. Also gründet Lemmy Motörhead. So heißt der letzte Song, den er für Hawkwind geschrieben hat. Eine Minimalbesetzung von drei Musikern produzieren maximale Lautstärke.

Das selbstbetitelte Debüt erscheint 1976, fünf Jahre später erreicht "No Sleep 'Til Hammersmith" den ersten Platz der englischen Albumcharts. Es ist eine Sensation. Nie zuvor hat es ein Live-Album an die Spitze der Rangliste geschafft. Zu dieser Zeit wird Motörhead als "härteste Band der Welt" gehandelt. Seit 1979 dröhnt das Album "Overkill" in die Ohren. Der gleichnamige erste Song beginnt mit einem Doublebass-Intro, er endet damit. Zweimal. Alle folgenden Alben sind erfolgreicher als der jeweilige Vorgänger: "Bomber", "Ace of Spades" und "Iron Fist".

Der Markenzeichen-Sound von Lemmy entsteht angeblich so: Alle Regler seines Instruments auf Maximum, beim Verstärker die Mitten. Ursprünglich wollte er Gitarrist werden, bekam aber nur einen Job als Bassist. Also spielt er seither die vier dicken Saiten wie die sechs feineren: hart, schnell, aggressiv.

Eisernes Kreuz und Herzhilfe

Lemmy ist in seiner Karriere immer wütend geblieben. Spaß hat er trotzdem, zieht immer das Speed dem Kokain vor (und rät auch seinem Sohn dazu), trinkt jahrzehntelang Whiskey mit Cola. Vor ein paar Jahren sagt ihm der Arzt: Sie sollten aufhören mit dem Trinken. Lemmy steigt auf Rotwein um.

Bei einer Tour durch England fällt er in Stafford nach dem regulären Set in Ohnmacht, wird hinter der Bühne aufgepäppelt - und spielt eine Zugabe. Der Presse erzählt Lemmy später, er sei aus Schwäche umgekippt, weil er am Nachmittag dreimal oral befriedigt worden sei. Die andere Hälfte der Wahrheit: drei Tage ohne Schlaf mit hilfreichen Substanzen.

Weil er Nazi-Memorabilia sammelt, steht Lemmy vor allem in Deutschland jahrelang in der Kritik. Auf Fotos lässt er sich in Uniformen und Eisernem Kreuz um den Hals ablichten. In seinen Songs singt er gegen Rassismus und Krieg. Lemmy macht sich wenig daraus, was andere sagen.

Im Laufe seiner Karriere transportiert er den Rock'n'Roll immer wieder in die musikalische Moderne und interpretiert ihn kreativ mit Elementen aus Punk, Hard Rock und Heavy Metal. "The only way to feel the noise is when it's good and loud", singt er zu Beginn von "Overkill", dem letzten Song jeder Show, des Abschlusses auch an diesem Abend in Berlin.

Der stählerne Bomber richtet sich schwerfällig wieder auf, der Lärm verstummt. Aber die Ärzte haben vorgesorgt. Lemmys Herz ist seit 2013 mit einem Defibrillator ausgestattet.

Quelle: n-tv.de

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